Kataloge, Rezensionen

Stefan Riekeles (Hg.): Proto Anime Cut Archive. Räume und Visionen im japanischen Animationsfilm, Kehrer 2011

Schon seit langem hält die bunte japanische Popkultur Einzug in Europa. Pioniere dieser Bewegung sind die beliebten Mangas (Comics) und Animes (Zeichentrickfilme). Rowena Fuß hat sich einmal den Animes gewidmet.

Die Publikation »Proto Anime Cut Archive« aus dem Kehrer Verlag gewährt einen detaillierten Einblick in den hochgradig arbeitsteiligen Prozess der Animeproduktion. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf den individuellen künstlerischen Leistungen, die im Normalfall hinter dem fertigen Produkt zurücktreten. Die präsentierten Arbeiten entsprechen daher „Vorbeitungsskizzen“, sie sind Beiwerke auf dem Weg zum vollendeten Anime.

So gliedert sich das Buch in eine Einleitung, die das Vorhaben auf vier Seiten knapp umreißt. Der größte Teil ist den Künstlern selbst gewidmet, die zu Beginn jeweils kurz vorgestellt werden. Im Zentrum der Werke von Hideaki Anno, Haruhiko Higami, Koji Morimoto, Hiromasa Ogura, Mamoru Oshii und Takashi Watabe stehen die realistische Konstruktion möglicher Weltbilder und wirklichkeitsnahe Visionen zukünftiger Städte sowie Landschaften. Dementsprechend stammen die abgebildeten Zeichnungen und Hintergrundbilder aus einigen der einflussreichsten Science-Fiction-Animes der 1990er Jahre, der Blütezeit dieses Genres.

Takashi Watabe lieferte beispielsweise grundlegende Entwürfe von Szenenbildern (Gebäude, Fahrzeuge, Roboter) für »Neon Genesis Evangelion« (1995), »Ghost in the Shell« (1995), dessem Nachfolger »Ghost in the Shell 2: Innocence« (2004) und »Patlabor: The Movie« (1989). Sein Stil zeichnet sich vor allem durch eine große Detailgenauigkeit und einem charakteristischen Blick auf die urbanen Szenerien aus. Die Entwürfe ähneln organischen Strukturen oder sind von mathematisch-geometrischen Spielereien beeinflusst. Sein Konzeptdesign trägt die komplette Welt der Geschichte mitsamt der in ihr geltenden Regeln in sich. Somit bereitet Watabe das realistische Fundament, auf dem sich der Film narrativ und visuell entfalten kann.

Nachdem das Storyboard und erste Designs fertig sind, wird oft der Konzeptfotograf und Locationscout Haruhiko Higami beauftragt, Landschaften und Stadtansichten, die dem Film entsprechen, zu fotografieren. Diese Aufnahmen dienen den Zeichnern als Grundlage für die finale Gestaltung. So wurden seine Stadtansichten von Hongkong beispielsweise direkt als Hintergrundbilder für die alte Stadt in »Ghost in the Shell« verwendet.

Maßstäbe in der Hintergrundmalerei als filmische Erzähltechnik legte Hiromasa Ogura in »Patlabor: The Movie«. Dazu trug vor allem sein besonders malerischer, detailreicher Stil und das subtile Spiel von Licht und Schatten bei.

Eine kleine Sonderrolle bei den präsentierten Künstlern kommt Koji Morimoto zu. Dieser hat sich auf Kurzfilme und Musikvideos spezialisiert. Oft wird um eine Leitidee der Film entwickelt, die zudem von einem musikalischen Thema begleitet wird. Morimoto legt überdies keinen Wert auf eine narrative Entwicklung der Protagonisten, wie es bei den anderen Animes der Fall ist. Aus der Reihung einzelner Szenen entsteht assoziativ die Geschichte. Dadurch erhalten die Filme etwas Flüchtiges, Schnappschussartiges. In »Proto Anime Cut Archive« sind Skizzen seines Musikvideos »Extra« (1996) und seinem Kurzfilm »Dimension Bomb« (2009) abgebildet. Letztere verbildlicht das Gefangensein und den Ausbruch eines Jungens aus dem Alltag. Durch die Reihung der Szenen, Fetzen aus der Vorstellung bzw. Erinnerung des Jungen, bekommt das Video etwas Traumhaftes. Dies ist auch in »Extra« der Fall, wo die Musik einen großen Anteil daran hat, den Betrachter in die Fantasiewelt hineinzuziehen.

Schließlich runden ein Appendix mit einem Glossar zu den verwendeten Fachtermini und ausgewählte Filmografien der vorgestellten Künstler das Buch ab. Wer sich also mit der Produktion von Animes beschäftigen möchte, dem bietet »Proto Anime Cut Archive« den idealen Einstieg.