Buchrezensionen

Stefan Schweizer/Sascha Winter (Hg.): Gartenkunst in Deutschland. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Geschichte - Themen - Perspektiven, Verlag Schnell + Steiner 2012

Im März 2013 hat der Sammelband mit dem ambitionierten Titel »Gartenkunst in Deutschland - Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart« den ersten Platz beim Gartenbuchpreis in der Kategorie »Bestes Buch über Gartengeschichte« verliehen bekommen. Ein Grund, sich dieses mit 5 Pfund schon äußerlich sehr gewichtige Werk einmal genauer anzusehen, sagte sich Walter Kayser.

Jede Generation eignet sich die Gegenstände ihres Interesses, auch ihres wissenschaftlichen, in der Sprache neu an, die sie versteht. Manchmal produziert das dann nichts anderes als einen Sturm an neu geprägten Begriffen, die eine Zeit lang schillernd wie Seifenblasen durch den Raum treiben und ehrerbietig von jedermann bestaunt und im Mund geführt werden, bis sie sang- und klanglos zerplatzen. Die schillernden Seifenblasen in der Sprache der postmodernen Wissenschaften sind bekannt: »Multiperspektivtät« ist da so ein Zauberwort oder »transdisziplinär« und »diskurskritisch« zu denken das Gebot der Stunde. In jedem Fall scheint eine Absage an die »große Erzählung« im Sinne einer veralteten »Stilgeschichte« vonnöten, da diese eine bei Lichte besehen unhaltbare »epochale Konstruktion« wäre.

Entsprechend ist auch der Gegenstand oder besser: das Feld dieses Buches nur im Zentrum scharf zu »fokussieren« (dieses Wort musste hier unbedingt fallen), zu den Rändern hin franst er aus. »Anything goes« ist die Devise, oder, wie einer der Herausgeber in einem Vorwort es selbst sagt, war nur der »Spielraum« innerhalb eines »im Vorfeld abgesteckten inhaltlichen Rahmen(s)« vorgegeben, das Spielzeug (um im Bild zu bleiben) war den 30 unterschiedlichsten Beiträgen selbst überlassen.

Zugegeben, es ist nun genau ein halbes Jahrhundert her, dass mit dem dreibändigen Werk von Dieter Hennebo und Alfred Hoffmann mit dem Titel »Geschichte der deutschen Gartenkunst« aus dem inzwischen insolventen Alfred-Broschek-Verlag auf diesem Gebiet eine Art Standardwerk vorgelegt wurde. Mit Recht sollte man heute schon alles an diesem Titel in Frage ziehen: Weder weiß man so genau, was unter »Gartenkunst« zu verstehen ist, noch erst recht, was um alles in der Welt »deutsch« auf diesem Feld heißen soll und ob sich so etwas in eine wirklich kohärente »Geschichte« bringen lässt. Es war also an der Zeit, einen neuen Versuch zu starten. Der Titel des neuen Sammelbandes spielt auf der einen Seite deutlich auf Hennebo/ Hoffmann an, ersetzt aber wohlweislich das adjektivische Attribut durch die Ortsangabe. Nicht nur weil dieser Ansatz methodisch nicht minder auf schwachen Füßen steht, klingt der neue Titel mit seiner Spannweite von einem halben Jahrtausend gleichfalls etwas vermessen.

Die Herausgeber haben zwei Jahre lang in Berlin und Düsseldorf zu diesem Thema Symposien und Tagungen abgehalten und bewusst den Blick öffnen wollen. Statt eines roten Fadens und einheitlicher Sinnzuweisung haben sie zunächst einmal den Kreis der zuständigen Fachleute erweitert. Die Denkmalpflege gehört ihrer Meinung nach genauso zum Spektrum der Gartenkunst wie die professionelle Landschaftsarchitektur. Dabei wird aber auch die ganze Gattungszugehörigkeit und Terminologie des umfassenden Gegenstandes neu bestimmt. Außer ihnen selbst sind 26 weitere Autorinnen und Autoren zu Wort gekommen. Wie wird Raum aufgeteilt? Welche Bedeutung hat das Ornament? Welche Pflanzen wurden wann und wo bevorzugt? Wie ist der Übergang vom ehemaligen Hofgarten zur Entstehung und behördlichen Institutionalisierung von »kommunalen Freiraumverwaltungen« zu beschreiben? Unter ökonomischem Aspekt wird das Verhältnis von Lust- und Nutzgarten untersucht.

Fortsetzung von Seite 1

Natürlich darf im Rahmen der Genderforschung auch die Betrachtung von männlichen und weiblichen Stereotypen nicht unberücksichtigt bleiben. Nach den üblicherweise 14 zugeteilten Seiten kommt hier Annette Dorgerloh zu dem deprimierenden Schluss: »So warben zwar die Hersteller der neuerfundenen Rasenmäher in den Zwanziger Jahren mit jungen Frauen als `Kapitän`, doch blieben z.B. Gärtnermesser ebenso unhinterfragt in der Hand männlicher Fachleute wie auch die Gartenzwerge letztlich (sic!) nur in männlicher Ausführung denkbar sind. «

Vergleichsweise auf ausgetretenen Pfaden wandeln da schon Aufsätze, die sich der Rolle der Architektur und der Plastik im Garten widmen. Eher in neuere Gefilde brechen die Verfasser auf, die sich mit dem vielfältigen Berufsbildern oder der Pflanzen-, Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte befassen. Andere Aufsätze des in acht Sektionen eingeteilten Buches beschäftigen sich mit dem Garten als Schrift oder ikonografischen Gartenprogrammen, mit dem Bild des Gartens in der Druckgrafik oder Aspekten der medialen Rezeption oder Transformation im Bereich der Musik, Literatur, Malerei oder des Spielfilms.

Seitens des Verlages Schnell & Steiner ist das Buch ohne jeden Zweifel schön gestaltet: Format, Stärke und Beschichtung des Papiers, das doppelspaltige Druckbild mit den nachgestellten Anmerkungen und optisch schön herausgehobenen grünen Zwischenüberschriften, die Qualität und variable Größe der Abbildungen – die ganze Aufmachung wirkt angenehm und ansprechend. Jedes Kapitel wird durch einen halbseitigen Herausgebertext eingeleitet, der auf die Fragestellung und thematischen Schwerpunkt der kommenden Aufsätze hinführen will. Diese Intention steht aber im Widerspruch zum Sprachstil mancher Sätze, der oft unnötigerweise besonders unverständlich formuliert ist.

Ohne Frage, hier wird das Spektrum des Gartens weit aufgefächert – wird es aber auch zusammengeführt? Das Divergierende wird der Heterogenität der Köpfe gerecht, aber kommt es auch der Sache oder dem Leser entgegen? Gibt es so etwas wie ein geistiges Band oder doch wenigstens einen roten Faden?

Es scheint beinah so zu sein wie in jenem buddhistischen Gleichnis von den blinden Männern und dem Elefanten. Man erinnert sich: Der Eine bekam einen Rüssel zu fassen, der Zweite ertastete den Bauch, der Dritte befühlte das Hinterbein und jeder hielt seinen Ausschnitt für maßgeblich und beschrieb das riesige Tier ganz anders. – Hätte ein echtes Symposion nicht besser daran getan, sich über Gemeinsamkeiten zu verständigen und Desiderate als Forschungsziele zu vereinbaren? Hätte man um der notwendigen Konvergenz willen nicht vielleicht auch Dialoge und Kontroversen dokumentieren können? Oder ist die Parabel vom Elefanten vielleicht schon ein Sinnbild einer so arbeitsteiligen Wissenschaftslandschaft mit einer solchen Vielzahl an Spezialisten, dass jeder in seiner Nische bleibt: Jeder Autor liefert auch hier seinen Beitrag ab, nimmt vielleicht noch zur Kenntnis, was andere sagen, aber die Vielzahl der Stimmen ergibt keinen Chorklang.

Immer wieder stößt man bei der Lektüre auf den vorweggenommenen Einwand, dass es sich ja nur um Prolegomena einer neuen Betrachtungsweise handle. Ist das ein anderer Ausdruck für das unterschwellige Eingeständnis, lediglich einen »Spielraum« flüchtig angerissen zu haben?

Fazit: Was für einzelne Aufsätze teilweise gelungen erscheint, der Eindruck einer verlässlichen Übersicht und wissenschaftlichen Bestandsaufnahme im Sinne eines Handbuchartikels, gilt nicht unbedingt für das Ganze. Das hängt vermutlich schon mit dem Grundwiderspruch zusammen, einerseits sich multiperspektivisch öffnen und andererseits so etwas wie ein neues Referenzbuch oder, wie es Stefan Schweizer ausdrückt, eine »für zukünftige Forschung als Orientierung dienende Gesamtschau« vorlegen zu wollen.

Ohne Zweifel wird dieser dicke Band in allen öffentlichen Bibliotheken seinen Platz finden; im Detail gibt es aber wenig neue Einsichten und im Ganzen bleibt der Eindruck des Uferlosen. Damit steht das Buch im Widerspruch zu einem Begriff, der für jede Form des Gartens konstitutiv ist: dem der Grenze. Denn Gärten grenzten sich von Anfang an als bestellte Natur von der Wildnis ab, die wie im Märchen mit Gefahr und Bewährung gleichzusetzen war. Das Wort Garten kommt bezeichnenderweise vom germanischen *gard-, *gerdan und meint ein »Gehege«, ursprünglich »das (mit Gerten) umzäunte Gelände«.