Buchrezensionen

Steinbrenner, Jakob und Stefan Glasauer (Hrsg.): Farben. Betrachtungen aus Philosophie und Neurowissenschaften, Suhrkamp Taschenbücher Wissenschaft Nr.1825, Frankfurt/Main 2007.

Unter dem lapidaren Titel »Farben« kommt ein Aufsatzband auf den Markt, der erst mit seinem Untertitel: »Betrachtungen aus Philosophie und Naturwissenschaften« andeutet, wie sich hier der Frage: »Was sind eigentlich Farben?«, genähert werden soll.

Ein Blick ins Verzeichnis der beteiligten siebzehn Autoren und einer Autorin – Wissenschaftstheoretiker verschiedener in- und ausländischer philosophischer Fakultäten sowie Kognitionspsychologen und Neurowissenschaftler – erhellt: Bei diesem Sammelband handelt es sich weder um ein populäres Erbauungsbuch noch um ein auf kunstgeschichtliche Fragen fokussiertes Werk: Kein Kunsthistoriker oder Künstler findet sich unter den Autoren. Vielmehr wird in allererster Linie das präsentiert, was derzeit erkenntnistheoretisch, wahrnehmungspsychologisch und neurowissenschaftlich diskursaktuell ist.

Das Buch basiert auf der Vortragsreihe »Der Ort der Farben«, die im Wintersemester 2004/05 am Philosophie-Department der LMU München in Kooperation mit dem Zentrum für Sensomotorik am Klinikum Großhadern unter der Leitung von Stefan Glasauer und Jakob Steinbrenner stattfand, die auch die Herausgeber des Aufsatzbandes sind.

Es gibt drei Hauptabteilungen: 1. philosophiegeschichtliche Positionen, 2. aktuelle philosophische Positionen und 3. die heutige naturwissenschaftlich orientierte neurophysiologische/wahrnehmungspsychologische Sicht zur Farbwahrnehmung.

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Die erste Abteilung behandelt das Thema im Licht der Hauptströmungen der Philosophie der Neuzeit vom Rationalismus Descartes’ über den Empirismus Lockes und den transzendentalen Idealismus Kants bis hin zum Positivismus Helmholtz’ und Wittgensteins. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Aufsatz Olaf L. Müllers, der mit seiner Wiedergabe der Kontroverse zwischen Goethe und Newton zugleich ein Lehrstück in wissenschaftstheoretischer Selbstreflexion liefert. Er mag die üblichen Schulkategorien (»poetische« Herangehensweise Goethes versus »wissenschaftliche« Objektivität Newtons) so schlicht nicht gelten lassen und weist nach, dass Goethes »Farbenlehre«, die das Licht nicht aufspalten mag, durchaus von nicht minderer wissenschaftlicher Solidität war als die physikalische Farbentheorie Newtons, die das Licht als etwas Zusammengesetztes (Heterogenes) auffasste. Auch Newtons Theorie fuße letztlich auf Hypothesenbildungen und habe daher ebenfalls Idealisierungen zur Voraussetzung. In der Partie zwischen Goethe und Newton stehe es mithin also quasi remis.

Die zweite Abteilung steht ganz im Zeichen der analytischen Sprachphilosophie, wofür exemplarisch der Text Wolfgang Spohns mit dem Titel »Reden über Farben» stehen mag. Einschlägige Kenntnisse zum Verständnis sind hier allerdings vorausgesetzt. Die dritte Abteilung schließlich versammelt die Beiträge zur physiologischen Basis des Farbensehens.

Mit gutem Recht lassen die Herausgeber den Sammelband mit dem Aufsatz Rainer Mausfelds schließen. Denn der Kieler Wahrnehmungs- und Kognitionspsychologe lässt zu Beginn seines Beitrags die Geschichte der philosophischen Theorien über das Wesen der Farbe von den frühen griechischen Anfängen bis hin zur Gegenwart noch einmal Revue passieren; er betont dabei den Aspekt der seit je herrschenden Bipolarität von subjektivistischen und objektivistischen Argumentationsweisen: Während jene das Phänomen Farbe im wahrnehmenden Subjekt verorten, behaupten diese, die Farbe sei eine reale Eigenschaft der Dinge selbst. Jedoch, so Mausfeld, sind alle diese traditionalen Auffassungen genauso wie die alltagsweltlichen Vorstellungen über Farbe »unbrauchbar und irreführend, wenn wir verstehen wollen, welche Rolle ›Farbe‹ in unserem Wahrnehmungssystem spielt.« (S. 346) Neurophysiologisch betrachtet, sei Farbe keineswegs etwas Einheitliches: Informationen über »Oberfläche« und »Beleuchtung« - Parameter von Farbe - werden jeweils von ganz verschiedenen Hirnmodulen verarbeitet. Wie unser Gehirn schließlich die »Illusion der Objektivität« (S. 340) - hier von Farbe - erzeugt, das allerdings sei noch nicht in Gänze erforscht.

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Mithin ist tendenziell alles wieder offen. Jedoch ist das Problemfeld, das der hier besprochene Band ausbreitet, deswegen kunsthistorisch mitnichten bedeutungslos. Denn die Geschichte der Kunst belehrt darüber, dass wissenschaftliche Theorien immer wieder ihr Echo in der künstlerischen Produktion gefunden haben. Erinnert sei hier lediglich etwa an die Aufnahme der Goetheschen »Farbenlehre« in das Werk William Turners (»Licht und Farbe (Goethes Theorie) …«, 1843) oder daran, dass Kandinskys Postulat des »Geistigen in der Kunst« - eine der Parolen auf dem Weg zur Abstraktion - als Reaktion auf die Entmaterialisierung der Welt (»Zerschlagung des Atoms«) am Beginn des 20. Jahrhunderts zu verstehen ist.

Mit Blick auf die Gegenwartskunst ließe sich exemplarisch das holographische Werk (die »Farblichtkompositionen«) der Kölner Künstlerin Brigitte Burgmer anführen. Es reflektiert mit Mitteln modernster Laserlichttechnik die Frage nach dem - auch im wissenschaftlichen Diskurs zusehends prekärer werdenden - Verhältnis von Wahrnehmendem (Subjekt) und Wahrgenommenen (Objekt).