Buchrezensionen

Studio Olafur Eliasson: An Encyclopaedia. Taschen Verlag, Köln 2008

Diese Neuerscheinung bietet eine umfassende Werkschau des dänischen Installationskünstlers Olafur Eliasson aus den Anfangsjahren seiner Kunstproduktion von 1992 bis 2008.

»Eliassons Werk ist exemplarisch für ein Denken, dem es darauf ankommt, das Wahrnehmungsvermögen des Menschen zu erweitern und auszuloten, [...]
Ich spreche von [...] künstlerischem Schaffen, das auf einem umfassenderen und imaginativeren Verständnis davon gründet, wozu Apparate fähig sind, sowie auf einer wesentlich eingehenderen Untersuchung der Frage, inwieweit verschiedene (im weitesten Sinn des Wortes) technische Verfahren und Interventionen die menschliche Wahrnehmung zu verändern und zu intensivieren vermögen.« (Jonathan Crary: Olafur Eliasson. Visionäre Ereignisse, in: Kunsthalle Basel. Olafur Eliasson. Katalog, Basel 1997)
 

Der Fokus der Publikation liegt auf dem geschäftigen Treiben rund um und vor allem im Studio Eliasson, das der Künstler im Jahr 2002  bezogen hat. In einem Kompositum aus interdisziplinären Fächern arbeiten hier mittlerweile 30 Mitarbeiter: Architekten mit Wissenschaftlern und Künstler mit Designern, um die meist megalomanen Ausstellungsobjekte in intensiven Herstellungsphasen, denen oftmals wissenschaftliche Experimente zu Grunde liegen, zu produzieren.
Die Idee für eine Publikation, die nicht allein das Werk monographisch aufarbeitet, sondern vor allem auch das Studio als einen Mikrokosmos der Kunstgenese und eigenem Forschungslabor zugleich unter die Lupe nimmt,  entstand bei einem Zusammentreffen des Zürcher Kunsthistorikers Philip Ursprung mit Olafur Eliasson, als Ursprung über die künstlerischen Werkstattproduktionen im Studio des Künstlers recherchierte.


Die Publikation ist wie ein Lexikon aufgebaut: unter den Buchstaben A-Z werden einzelne Arbeiten Eliassons subsumiert. Dabei bilden Schlüsselbegriffe wie Architecture, Color oder Kaleidoscope die Kategorien, unter denen die künstlerischen Arbeiten des Studio Olafur Eliasson sortiert werden.
Unter „Color“ findet sich zum Beispiel die Arbeit »Who is afraid« von 2004. Für dieses Werk wurden in einem Ausstellungsraum drei Color-Effect Filtergläser bestehend aus den Farben Cyan, Magenta und Gelb an der Decke angebracht und von einem Scheinwerfer angestrahlt. Die Lichtstrahlen fielen teilweise durch die Gläser hindurch, so dass lediglich eine Projektion auf die gegenüberliegende Wand geworfen wurde. Reflektierten die Gläser jedoch das Licht, so erschien in der Reflektion die entsprechende Komplementärfarbe. Dabei sind die Gläser so angebracht, dass jede Glasscheibe die angrenzende gleichermaßen überschneidet, im Zuge dessen in der Projektion die additiven Grundfarben Rot, Grün und Blau entstehen. In der Mitte überschneiden sich alle drei Farben, so dass ein kleines Lichtdreieck entsteht.
Wie ein roter Faden fungieren in der Publikation die Auszüge aus den Diskussionen zwischen Eliasson, Ursprung und Anna Engberg-Pedersen, einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin Eliassons.  In ausführlichen Erörterungen wird der Leser dabei auf die Begriffsfindung der einzelnen Schlüsselbegriffe gestoßen, die die Publikation gliedern.
Der Begriff Color bestimmt dabei nicht allein die zahlreichen Arbeiten Eliassons zu Farbexperimenten- und Studien: »Unsere Wahrnehmung von Farbe, Licht und Dunkelheit ist eben keine ausschließlich biologische Sache – sie hängt auch von der kulturellen Prägung unseres Sehens ab.« 
Die Interessen Eliassons, die in diesem Fall über seine Arbeiten zur Farbe zum Ausdruck gebracht werden, umfassen gleichermaßen die Funktionen des Auges sowie die kulturellen Prägungen, die im Zuge technischer Entwicklungen optischer Geräte wie der Camera Obscura und im weiteren durch das Stereoskop zu neuen Erkenntnissen und einem Paradigmenwechsel unter anderem in Kunst, Wissenschaft und Technik führten.
Die großformatige Publikation »Studio Olafur Eliasson: An Encyclopaedia« bietet einen eindrucksvollen Einblick in die Studioarbeit des derzeit wohl faszinierendsten, Installationskünstlers. Eine ausgleichende Komposition aus wissenschaftlichen Theoriediskussionen, praktischen Erklärungen der Kunstwerke und Bildern in Hochglanzoptik bilden Genuss und Lehre zugleich, die es auch dem Laien ermöglichen, in die vielschichtigen Ebenen einer Kunstproduktionsstätte einzusehen, indem die Konstruktion dessen transparent wird und jene nicht allein durch einen glamourösen Auftritt der Kunstwerke im Ausstellungsraum glänzt.