Ausstellungsbesprechungen

Surreale Dinge. Skulpturen und Objekte von Dali bis Man Ray, Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main, bis 29. Mai 2011

Nicht nur für all jene, die Surrealismus mit der Malerei von Dalí gleichsetzen, ist die derzeit in der Schirn Kunsthalle Frankfurt laufende Ausstellung geeignet, neue Perspektiven zu erschließen. Mit etwa 180 Werken von 51 Künstlern zeigt die Schirn die bisher größte Ausstellung, die sich ausschließlich den surrealen Objekten widmet. Eine Ausstellungsbesprechung von Anett Göthe.

Mit der scheinbar absurden Metapher »Schön wie die zufällige Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Seziertisch« formulierte der französische Dichter Comte de Lautréamont bereits 1868 in Die Gesänge des Maldoror was die Surrealisten in ihren später folgenden Werken ab etwa 1920 faszinierte. Die Gruppe der Surrealisten, die sich um André Breton und Max Ernst bildete, wollte das Unwirkliche und Traumhafte sowie die Tiefen des Unbewussten ausloten und den durch die menschliche Logik begrenzten Erfahrungsbereich durch das Phantastische und Absurde erweitern. Beeinflusst von den Theorien Sigmund Freuds versuchten sie das Unbewusste, Triebhafte und Abartige im Menschen zum Vorschein zu bringen. Nur so konnte nach ihrer Meinung die Gesellschaft geläutert werden. Ziel war es, eine befreite Gesellschaft durch die Befreieung des Bewusstseins von gesellschaftlichen Zwängen zu schaffen.

Entstanden aus einer literarischen Bewegung, die eine anarchistische und revolutionäre Kunst- und Weltauffassung vertrat, manifestierte sich der Surrealismus nicht nur in unterschiedlichen Techniken, sondern auch in den verschiedenen Medien. Neben den klassischen Medien Malerei und Zeichnung, in Form von Écriture automatique und Cadavres exquis, Fotografie und Fotocollagen, gibt es einen Schwerpunkt in der Skulptur, dem in der Frankfurter Schau besondere Beachtung geschenkt wird. Doch »Skulptur« scheint für diese Ausstellung nicht das richtige Wort zu sein. Es sind absurde Kombinationen von zweckfreien und trivialen Gegenständen und Materialien in neuen Sinnzusammenhängen. Assemblagen, Objekte oder ganz einfach Dinge haben in ihrer zum Teil bizarren Kombination spielerische, anarchische und provokante Züge und werden zum Fetisch erhoben. So setzt das Objekt von Salvador Dalí Hummer- oder Aphrodisisches Telefon, bei dem der Telefonhörer durch einen Hummer ersetzt wurde, beim Betrachter eine Kette unterschiedlichster Assoziationen frei. Wer fasst denn schon gern einen Hummer an oder hält ihn sich sogar ans Ohr? Abscheu, Ekel, vielleicht sogar Angst werden assoziiert. Mit dem Verzehr von Hummer sieht es da schon anders aus - gut, teuer, exotisch und ein Protein-Phosphor-Paket, das den Ruf einer erotisierenden Delikatesse hat. Die Ambivalenz der Gefühle lässt uns die surrealistischen Dinge immer wieder interessant und bis heute hochmodern erscheinen.
Ähnlich verhält es sich mit dem Objekt Geschenk von Man Ray. Ein Bügeleisen das die Brauchbarkeit in Frage stellt, da sich an der Seite, mit der man über den zu glättenden Stoff fährt, vierzehn Nägel befinden. Ein Gegenstand des täglichen Gebrauchs ist unbrauchbar geworden. Die Kombination ist so absurd, dass unsere Gedanken durch die unterschiedlichsten Assoziationen wie Wärme, Glätte, Häuslichkeit, aber auch Zerstörung, Verletzung und Schmerz gezwungen werden, neue Wege zu gehen. Es war Anliegen der Surrealisten beim Betrachter diese neuen Gedankenwege zu initiieren. Für André Breton und seine Gruppe war der Surrealismus »ein Mittel zur totalen Befreiung des Geistes«.

Auch die Frauen spielten eine bedeutende Rolle in der surrealen Bewegung. Anfangs war die Teilnahme am Surrealismus fast ausschließlich über sexuelle Beziehungen zu den männlichen Mitgliedern möglich. Nachdem sie ihre Rolle als Modell, Muse und Geliebte erfüllt hatten, betätigten sie sich auch als Künstlerinnen. Am Ende der 1920er Jahre schlossen sich immer mehr Künstlerinnen der ursprünglich von Männern gebildeten Surrealistengruppe an.

Meret Oppenheim beschritt diesen Weg, indem sie Modell zahlreicher Aktfotografien Man Rays war. Als Geliebte von Max Ernst und als Muse der Surrealisten avancierte sie zu einer androgynen Symbolfigur des Surrealismus. Bereits mit 23 Jahren kreierte sie ihre berühmte Pelztasse Frühstück im Pelz, die sich heute im Museum of Modern Art in New York befindet. Das Motiv »Pelz« setzte sie ebenfalls in der Arbeit Pelzhandschuhe um, die auch in der aktuellen Ausstellung in der Schirn zu sehen sind. Unheimlich muten diese fellbezogenen Handschuhe an, aus denen Holzfinger mit rotlackierten Fingernägeln ragen. Das surreale Konzept funktioniert auch hier: ambivalente Gefühle und Assoziationen werden beim Betrachter freigesetzt. Das anziehend Feminine und das abstossend Animalische gehen hier buchstäblich Hand in Hand. Hier verwandelt sich gar eine schöne Frau als unheimliches Wesen in eine männerverschlingende Bestie. In weiteren, erst viel später realisierten Handschuhen machte sie dagegen Verborgenes sichtbar. Auf weichen türkisfarbenen Lederhandschuhen ist ein fragiles und leuchtend rotes Liniengeflecht aufgebracht. Erst beim zweiten Hinsehen vernimmt man die Darstellung der zarten Schönheit des pulsierenden Adergeflechts.

In der Ausstellung fällt positiv auf, dass kaum ein Werk auf Sockeln oder in Vitrinen präsentiert wird. Der Ausstellungsarchitekt Karsten Weber entwarf stattdessen stilisierte schwarze Möbel im Stil der 1930er Jahre, die die Werke hervorragend präsentieren und den Wohnzimmercharakter der einzelnen, nach Themen geordneten Räume unterstreichen.

Auf die Ausstellung wird man durch die Installation der Künstlergruppe et al.* eingestimmt, die in surrealer Manier den Treppenaufgang zur Ausstellung mit Puppen und Kleidern dekorierten und den Handlauf des Geländers – wohl inspiriert von den Arbeiten Meret Oppenheims – mit Pelz verkleideten. Zeigen soll diese Auseinandersetzung mit der surrealistischen Idee, dass diese Bewegung eigentlich niemals endete und noch heute zahlreiche Künstler in ihrem Schaffen inspiriert.

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