Buchrezensionen, Rezensionen

Susanna Partsch: Tatort Kunst. Über Fälschungen, Betrüger und Betrogene. Verlag C.H. Beck 2010

Warum bestreiten Erben großer Künstler die Echtheit mancher Werke? Wieso wird Modigliani öfter gefälscht als Klee? Mit dem Buch »Tatort Kunst. Über Fälschungen, Betrüger und Betrogene« ist der Münchner Kunsthistorikerin Susanna Partsch ein spannendes populärwissenschaftliches Buch gelungen. Cornelia Lütkemeier hat es gelesen.

Partsch © Cover C.H. Beck
Partsch © Cover C.H. Beck

»Wie alle Historiker versucht der Kunsthistoriker, Ordnung zu schaffen, wo es nie welche gegeben hat. Er sucht das Leben und Schaffen früherer Künstler in ein System zu pressen, einem Gärtner gleich, der ungebärdige Rosen an ein Spalier bindet«.

So schrieb der englische Maler, Kunsthändler und Fälscher Eric Hebborn 1995 in seinem »Il manuale del Falsario« (Kunstfälschers Handbuch). Wenige Monate nach der Veröffentlichung wurde er im römischen Stadtteil Trastevere erschlagen. Zufall? Oder hatte man es Hebborn übel genommen, dass er die Geheimnisse der Kunstfälscherei so offen preisgegeben hatte und sich über den Experten lustig machte, welchen er einen »Manipulator sowohl der Geschichte als auch des Geschmacks« nannte?

Die Lebensgeschichte des Eric Hebborn ist eine von vielen Kunstfälscher-Viten des 19. und 20. Jahrhunderts, die Susanna Partsch in ihrem Buch erzählt. Eine Biografie liest sich filmreifer als die andere: So verwendete der Ungar Elmyr de Hory angeblich sechzig verschiedene Namen, um von seiner Tätigkeit abzulenken. Der 1982 geborene Tom Sack malte Bilder von frei erfundenen Künstlern und wertete diese mit Ergebnissen von nie stattgefundenen Auktionen auf. Shaun Greenhalgh kopierte in einer Boltoner Sozialwohnung Kunst quer durch die Epochen. Er flog auf, weil er beim Fälschen assysrischer Reliefs mit Keilschrift Rechtschreibfehler machte.

Die spannenden (angeblichen) Fälscher-Geschichten reichen vom verkannten Genie, das sich am besserwisserischen Kunstgelehrten rächt, bis hin zum ahnungslosen Hobby-Künstler, welcher von schlitzohrigen Händlern missbraucht wird.

Zur letzteren Kategorie zählte etwa der Fall des italienischen „Renaissance-Bildhauers“ Giovanni Bastianini. Der altehrwürdige Louvre hatte 1866 eine Terrakotta-Büste aus seiner Hand erworben, die den Renaissance-Dichters Girolamo Benivieni zeigt und angeblich 400 Jahre alt sein sollte. Sie kostete das Museum stolze 13000 Francs. Tatsächlich handelte es sich aber um ein zeitgenössisches Stück aus Florenz, für das ein Tabakarbeiter Modell gestanden hatte. Der Florentiner Kunsthändler Giovanni Freppa deckte den Fall in einer Kunstzeitschrift auf. Der Louvre behielt die Bastianini-Büste trotzdem. Experten befanden, dass das Werk seinen Preis wert sei – es steht heute in der Sammlung der Veristen des 19. Jahrhunderts.

»Tatort Kunst« beschreibt jedoch nicht nur schillernde Lebensläufe. Anhand praktischer Beispiele befasst sich das Buch auch mit vielen künstlerischen, rechtlichen und politischen Grundsatzfragen: Wo liegen die Grenzen zwischen Fälschung und Kopie, Werkstattarbeit, postumem Werk oder Restaurierung? Warum wird der Tatbestand Kunstfälschung durch die Strafbestände des StGB bis heute nur lückenhaft erfasst? Wieso haben Museumsleute und Galeristen oft kein Interesse daran, über Kunstfälschungen zu diskutieren?

Susanna Partsch fasst anschaulich zusammen, wie das „System Bode“ angeblich bis heute dafür sorgt, dass die »Flora-Büste«, die der Museumsdirektor 1909 für mehr als 160000 Goldmark erwarb, weiterhin als Werk Leonardo da Vincis gilt. Sie erläutert das französische „Droit moral“, welches das Recht zur Authentifizierung von Kunstwerken den Erben der Künstler überträgt. Sie belegt, dass Künstler wie Paul Klee, die ein genaues Werkverzeichnis hinterließen, bis heute kaum gefälscht werden.

Der einzige Makel dieses Buches: Es ist zu dünn. Jedes einzelne Kapitel wäre eine deutlich längere Abhandlung wert gewesen. Auch hätte man sich mehr Fußnoten gewünscht. Diese sind leider zum großen Teil der nicht-wissenschaftlichen Form zum Opfer gefallen. Dafür sind die 207 Textseiten von »Tatort Kunst« sehr kurzweilig zu lesen – spannend wie ein Roman.

Fazit: Für Kunsthistoriker und Kunstinteressierte, die sich einen ersten Überblick über die Geschichte und Methoden der Fälschung verschaffen wollen, ist das Buch ein Muss. Und mit 13 Euro recht günstig. Das Literaturverzeichnis bietet immerhin einige interessante Quellen.