Kataloge, Rezensionen

Susanne Neuburger/Barbara Rüdiger (Hg.): Reflecting Fashion. Kunst und Mode seit der Moderne, Verlag der Buchhandlung König 2012

Das Wiener Mumok thematisiert in seiner am Sonntag endenden Sommerausstellung Kleidung und Mode als essenziellen Bestandteil von Kunst. Im dazugehörigen Katalog werden die historischen Etappen dieses Wechselspiels detailliert beleuchtet. Rowena Fuß hat sich den überaus wichtigen Begleiter angeschaut.

Edel kommt das schlanke Hochformat daher. Peppig wirkt das weiße Hummerkleid von Dali als Coverbild. Ebenfalls trendy sind die krapproten Vorsatzblätter. Bis hierher löst der Katalog zur Schau »Reflecting Fashion« nur Wohlgefallen aus. Beim Inhalt sieht es zunächst etwas anders aus.

Sieben zumeist historisch angelegte Beiträge beleuchten das Wechselverhältnis von Kunst und Mode seit der Jahrhundertwende. Haltepunkte auf dieser Reise sind Mode als Moderne, die Reformmodebewegung, Kunst und Mode in Dada und Surrealismus sowie die Ästhetik der Oberfläche bei Gottfried Semper.

Seit Mitte der 90er Jahre ist das Crossover zwischen Kunst und Mode angesagt und bricht sich in letzter Zeit verstärkt Bahnen in die Ausstellungsräume von Museen. Die historische Spurensuche, Denkanstöße und Perspektiven, die Ausstellung wie Katalog vermitteln möchten, gründen im Begriff von Mode als entscheidenden Teil der Moderne. Mit der Revision von typisch männlichen Kleidungsstücken wie dem Anzug oder kaftangleichen Reformkleidern verband sich eine Neuinterpretation des Weiblichen. Kleidung dient seit jeher nicht nur als Schutz gegen die Witterung, sondern auch als Subjektpositionierung, als ein indexikalisches Zeichen.

Mit der Kleidung als Code beschäftigt sich zuerst Elfriede Jelinek in ihrem Beitrag »Damenmoder«. All diejenigen, die schon einmal ein Buch der österreichischen Schriftstellerin gelesen haben, wissen, worauf sie sich einlassen: Immer wieder durch Präzisierungen oder abschweifenden Bemerkungen unterbrochen, springen ihre Gedanken zwischen dem japanischen Designer Junya Watanabe, verschiedenen Looks, Gewinnstreben, sozialen Klüften, Schein und Sein. Man möchte das Buch nach der Lektüre des ersten Absatzes eigentlich frustriert zuschlagen. Wie eine Verhöhnung nach Jelinek liest sich in den nachfolgenden Aufsätzen von Elena Esposito und Susanne Neuburger die Feststellung, dass es sich bei der Mode um ein paradoxes System handelt. Kleidung scheint oberflächlich, inhaltslos und banal. Doch steckt sie voller Zeitgeist und ist von gesellschaftlicher Relevanz.

Ganz keck stellt die Ausstellungskuratorin Neuburger die Frage: War es nicht gar die Mode, die der Moderne ihren Erneuerungsmodus ständig vorführte? Walter Benjamin und Max Ernst sprachen der Mode gar eine Vorrangstellung vor der Kunst zu: »Fiat modes pereat ars« (Es lebe die Kunst, nieder mit der Mode), formulierte der Surrealist Ernst 1919. Damit könnte man an die wunderbare Symbiose anschließen, die Kunst und Mode im Surrealismus eingingen. Man denke nur an das eingangs erwähnte Hummerkleid, das Salvador Dali in Zusammenarbeit mit der französisch-italienischen Modeschöpferin Elsa Schiaparelli entwarf.

Ein dialektisches Paar in der Kunst-Mode-Phänomenologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts bilden das Brautkleid und die Nähmaschine, ihnen widmet sich Silvia Eiblmayer. Ab dem 19. Jahrhundert reagiert die Kunst auf einsetzende allgemeine Rationalisierungsprozesse mit einer radikalen Brechung von konventionellen Formen der Repräsentation. Insbesondere die Metaphern der Uniformierung bzw. Entindividualisierung (Kleiderschnittbogen und Schaufensterpuppe) wurden zu wichtigen Bezugspunkten. Letztere — aufgeladen mit Fetisch, Ironie und/oder Sadismus — spiegelt ein sexualisiertes, bedrohlich-destruktives Frauenbild. Das Weibliche wird zur Symbolfigur. Christos in der Ausstellung gezeigtes Brautkleid von 1967, ein riesiger mit Seide verschnürter Ballen, mussten die Trägerinnen als erdrückende Last am Körper tragen bzw. waren ihm wie ein Zugtier vorgespannt. Die Rolle der Frau, die durch Kleidung festgeschrieben wird, thematisiert auch Valie Export. Mode gilt hier als Korsett, dass es zu sprengen gilt. Anders Niki de Saint Phalle: Sie übersetzt den als männliche Arbeitskleidung konnotierten Overall ins Weibliche.

Einem weiteren typischen Bekleidungsstück des Arbeiters widmeten sich Künstler wie Adolf Loos, Giacomo Balla oder Joseph Beuys: dem Anzug. Diesem gaben sie neue Schnitt- und Farbmuster. Beuys' Filzanzug (1970) oder sein »Orwell-Bein – Hose für das 21. Jahrhundert« (1984), eine Jeanshose mit kreisrunden Löchern auf Kniehöhe, seien hier genauso genannt wie Ballas Entwürfe für Herrenanzüge, die er mit palmwedelartigen Mustern in Grün oder Blau und Rosa versah.

Zahlreiche Bilder begleiten die schriftlichen Ausführungen. Schade ist nur, dass etwa die Beispiele für Reformkleider von Emilie Flöge nur in einem Briefmarkenformat abgebildet sind.

Alles in allem ist der Katalog jedoch ein unverzichtbarer Begleitband in der Ausstellung und darüber hinaus ein schönes Souvenir.