Ausstellungsbesprechungen

Sven Johne – Wege aus der Krise, Museum für Photographie Braunschweig, bis 1. Dezember 2013

Das Museum für Photographie Braunschweig zeigt aktuell die bislang größte Personale des jungen Fotografen Sven Johne. Auf seinen Reisen spürt der Fotograf Geschichten nach, die zumeist von einer verstörenden Paradoxie geprägt sind: Der Suche nach persönlicher Erfüllung und dem Wunsch, ein gutes Leben zu führen, dem Einfluss und den tiefgreifenden Auswirkungen geschichtlicher Ereignisse auf individuelle Biografien und dem kläglichen Scheitern gesellschaftlicher Modelle und privater Lebensutopien. Bettina Maria Brosowsky hat es sich angeschaut.

Sven Johnes Bilder sind Montagen aus eigenen Fotos und Texten sowie gelegentlich Archivmaterialien und als installative Reihen oder Zyklen angelegt. Der (objektiv verlässlichen?) Bildlichkeit der Fotografie stellt Johne den konzeptionellen Ansatz einer narrativen Subjektivität entgegen. Die Fotografien sind nur mehr Bestandteile komplexer Bildgeschichten, angesiedelt zwischen Realität und Fiktion. Themen sind Paradoxien des Lebens, das persönliche Scheitern oder das kollektive Unglück. Die frühen Arbeiten Johnes gingen noch dem Alltag in der DDR nach oder den sozialen Umbrüchen im Zuge der Wiedervereinigung. So beispielweise die sechsteilige Serie »Vinta« aus dem Jahr 2004: hier werden Personen und ihre mitunter problematischen Beziehungen zu der kleinen Ostseeinsel dargestellt. Die lediglich 900x250 Meter lange Insel war als militärisch geheime Sperrzone in keiner offiziellen Seekarte der DDR verzeichnet. Der minutiös geplante Fluchtversuch eines Seglers, etwa, scheiterte dann an dieser Tatsache: sich schon im sicheren Skandinavien wähnend, soll er die Polizisten der Insel auf Dänisch begrüßt haben – und wurde sofort inhaftiert. In den Diptychons seiner »Wanderung durch die Lausitz« versuchte Sven Johne ab 2004 vergeblich, mittels Infrarotkamera wieder eingewanderte, nachtaktive Wölfe zu orten. Er fand stattdessen aufgelassene Orte, skurrile Arrangements wie eine kleine Tankstelle, die Ausgangspunkt eine Gewerbegebietes werden sollte, nun aber mitten im Walde liegt oder den zum Scheitern verurteilten Marketingversuch eines Western-Dorfes.

Mittlerweile entspringen Johnes Themen seinem großen, auch internationalen Arbeits- und Ausstellungsradius. Den 37-teiligen Griechenland-Zyklus von 2013 teilt sich die Braunschweiger Ausstellung aktuell mit dem Württembergischen Kunstverein Stuttgart und deren Gruppenausstellung »Der Ungeduld der Freiheit Gestalt zu geben«. Großformatige atmosphärische Nachtstücke aus Griechenland sind auf den ersten Blick erkennbar befremdlich angeschnitten. Die eindrucksvolle Sternendichte könnte von Thomas Ruff stammen, am unteren Bildrand tauchen Hinweise auf Bauten, Vegetationen, Hafenanlagen und anderes auf. Die knappen Logbuch-Auszüge mit genauem Datum und Ortsangabe unterhalb der Szenen konterkarieren die Stimmung: sie erzählen von einer Goldmine, die ein kanadisches Konsortium ausbeutet, den Yachten Steuerflüchtiger, den Luxushotels voller Reportern, angereist wegen neuerlicher EU-Kontrollen der griechischen Finanzlage. Das Paradoxe der Geschichten also: Griechenland ist reich, profitiert aber nicht von seinen Ressourcen.

Diese Serie ist vielleicht die konzentrierteste und politisch aussagekräftigste von allen, trotz ihrer ästhetisch verführerischen Anmutung. Allen Serien aber ist zu eigen, dass sie den Betrachter fordern, aus Fotografien und Texten die Bildgeschichte noch einmal selber zu rekonstruieren. Keine Ausstellung für den schnellen visuellen Genuss somit, sondern eine intellektuelle Reflexion, auch zu Grundfragen der aktuellen Fotografie – ihrem dokumentarischen Beweischarakter, etwa, der bildhaften Verlässlichkeit aber auch dem subjektiven, interpretierenden Zugriff auf eine Wirklichkeit.

Weitere Informationen

Ausstellungsort: 267 | Quartiere für zeitgenössische Kunst und Fotografie, Hamburger Straße 267, 38114 Braunschweig