Buchrezensionen

Swantje Vogel: Historienmalerei und Gattungshierarchien an der Dresdner Kunstakademie von 1780 bis 1850, VDG Weimar 2017

Die Historienmalerei war lange Zeit eine der Königsdisziplinen der Malerei, auch an der für die Landschaftsmalerei durch Dahl, Carus oder Friedrich bekannt gewordenen Dresdner Kunstakademie. Swantje Vogel hat der Gattung und ihrer Rolle in der Gattungshierarchie ihre Dissertation gewidmet. Andreas Maurer hat sie gelesen.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war sie dank André Félibiens Konzept der Gattungshierarchien an Europas Akademien ganz oben auf: die Historienmalerei. Heute ist ihr Ruf beinahe gänzlich verblasst, wie am Beispiel Dresden zu sehen. Geht es um die Kunst, erinnert man sich dort lieber an die Fortschritte auf dem Sektor der Landschaftsmalerei. Werke ihrer wichtigsten Vertreter, darunter Caspar David Friedrich, Johann Christian Clausen Dahl, Carl Gustav Carus und Ernst Ferdinand Oehme, sind auf Ausstellungen nicht mehr wegzudenken. Wissenschaftliche Publikationen über sie füllen ganze Regale. Parallel dazu fristet die zeitgleich entstandene Historienmalerei der Dresdner Kunstakademie aber ein Stiefmütterchendasein. Selten wird ihr von KunsthistorikerInnen Aufmerksamkeit geschenkt – bis jetzt. Swantje Vogel widmete dieser »vergessenen« Kunstgattung 2015 ihre Dissertation, vergangenes Jahr wurde sie publiziert. Auf rund 270 Seiten zeichnet die Wissenschaftlerin ein komplexes Bild der Zusammenhänge, die zum Vergessen der Historienmalerei beigetragen haben.

Damals war das aber natürlich noch ganz anders: Regelmäßig veranstaltete Akademieausstellungen waren öffentlich, kunstkritische Ausstellungsberichte wurden in zeitgenössischen Zeitschriften publiziert, Werke und ihre Produzenten traten ins Rampenlicht der überregionalen Öffentlichkeit. Vogels Dissertation blickt über den offensichtlichen Tellerrand hinaus und betrachtet nicht nur die Positionen, die Maler und einflussreiche Persönlichkeiten der Dresdner Kunstakademie und ihres Umfeldes einnahmen, sondern bezieht auch ihre konfessionelle Ausrichtung, ihre gesellschaftliche Stellung, die Akademiepolitik und die politischen Rahmenbedingungen in die Untersuchung mit ein. Das tut sie nicht von ungefähr, denn insbesondere der Glaubenswechsel des Königshauses hatte gravierende religionspolitische, konfessionelle, soziale und kulturelle Auswirkungen. Eine wissenschaftlich-methodische Sichtweise, die gerade in Bezug auf die Historienmalerei entwaffnend logisch klingt und trotzdem relativ neu ist.

Als Beweis dient etwa der sogenannte »Gemäldekrieg«: Stein des Anstoßes war dabei das Altarbild »Auferstehung Christi« von Johann Eleazar Zeissig, genannt Schenau. So weit so gut, nur war das Werk für eine protestantische Kirche geschaffen worden und darüber hinaus war Zeissig – als Professor der Kunstakademie – bis dahin vorwiegend als Genremaler bekannt! Ein Skandal, hatte er doch mit diesem Sakrileg klar seine Kompetenzen überschritten, befand die Kritik. Viele Kollegen und Rezensenten waren eben noch nicht bereit für die Aufweichung der Gattungsgrenzen, für die das 19. Jahrhundert nachträglich bekannt werden sollte und die es schließlich ermöglichte, den Rang von Kunstwerken unabhängig von deren Thematik und Motivik zu bestimmen.

Allesamt stammen die Beispiele, die Vogel für ihre Arbeit heranzieht, von Malern, die nach Ansicht ihrer Zeitgenossen die geltenden Gattungsgrenzen verletzten. So trat auch Dresdens »Superstar« Caspar David Friedrich in dieses Fettnäpfchen: 1809 stellte er sein Gemälde »Kreuz im Gebirge« als Altarbild vor. Die heute als Tetschener Altar bekannte Ikone der Kunstgeschichte war aber nun in ihrem Aussehen vordergründig ein Landschaftsbild. Unglaublich! Noch nie wurde ein Gemälde dieser als rangniedrig eingestuften Gattung für die Funktion eines Altarblattes auch nur in Erwägung gezogen! Für die Traditionalisten ganz klar ein Affront gegen die damals noch unüberwindbaren Kasten der Malerei. In der Folge entzündete sich eine heftige überregionale Kontroverse, die heute in der Literatur als der Ramdohrstreit bekannt ist.

Diese Beispiele lassen die LeserInnen aber nicht nur den Mut der jeweiligen Künstler bestaunen, sondern zeigen auf, wie sich die Produzenten in zeitgenössischen Debatten um Historienmalerei, Gattungsgrenzen sowie Gattungshierarchien positionierten und klare politische Aussagen trafen.

Zeitgenössische Zeitungen und Zeitschriften, veröffentlichte und unveröffentlichte Briefe wie auch Tagebücher von Künstlern, Kunstsammlern und -kennern, Schriften von einflussreichen Kunsttheoretikern, Akten der Dresdner Kunstakademie und des Sächsischen Kunstvereins sowie Kataloge der Dresdner Akademieausstellungen wurden von Swantje Vogel systematisch untersucht und erzählen von den in Dresden bestehenden Netzwerken rund um die Historienmalerei. Das, spätestens seit »House of Cards« nicht wirklich überraschende Ergebnis: Vor allem die Kunstakademie, der sächsische Königshof, der Sächsische Kunstverein und die zeitgenössischen Medien spielten bei der Entwicklung und vergessenen Nachhaltigkeit der Gattung entscheidende Rollen.

Denn schon 1906, also kurz nach der Hochblüte der Gattung, bot die Jahrhundertschau »Deutscher Kunst (1775–1875)« in der königlichen Nationalgalerie von Berlin ein relativ einseitiges Konzept: Historienmalerei war kaum präsent, ein Versäumnis welches bis heute als Echo in der Kunstwelt nachhallt.

Selbstverständlich enthält Swantje Vogels Arbeit ausführliche Anmerkungen, ein Quellenverzeichnis, und ein üppiges Literaturverzeichnis. Die in den Kapiteln erwähnten Bildbeispiele sind am Ende der Publikation abgebildet, viele davon leider in Schwarzweiß. Von einer Publikation, auch wenn es sich dabei um eine Dissertation handelt, hätte man sich doch farbige Abbildungen gewünscht. Auch würde sich die Leser- und Benutzerfreundlichkeit des Buches um ein Vielfaches erhöhen, hätte man die Bilder zwischen die Textzeilen gepackt. Vielleicht hätten eine Umformulierung im Text die Spannung erhöht, denn so treffend Vogels Analysen und Ergebnisse auch sind, ihnen haftet stets der nüchterne Charme einer Hochschulschrift an.

Auf Ausstellungen waren Historienbilder von Malern der Dresdner Kunstakademie bislang selten zu sehen, im Fokus einer Konzeption stand die Gattung noch nie – es bleibt die Hoffnung, dass diese Arbeit vielleicht eine Wende einläutet.