Buchrezensionen

Sybille Heidenreich: Das ökologische Auge. Landschaftsmalerei im Spiegel nachhaltiger Entwicklung, Böhlau Verlag 2018

Wie schreibt man eine Geschichte der Landschaftsmalerei im Lichte der fortschreitenden Umweltzerstörung? Die Kunsthistorikerin und Germanistin Sybille Heidenreich wagt sich an die Herausforderung in einer gelungenen, vielseitigen Betrachtung. Ulrike Schuster hat sie gelesen.

Es ist schwer, die vorliegende Publikation zu lesen, ohne davon emotional berührt zu sein. Sybille Heidenreich verhandelt in ihrem Buch das ambivalente Verhältnis des Menschen zur Natur, aus der Perspektive der Kunstgeschichte, der Alltagshistorie und der Ökologie. Ihrem Projekt lagen Lehrveranstaltungen am ZAK | Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaften am Karlsruher Institut für Technologie zugrunde und sie entwickelte ihre Idee für einen fächerübergreifenden, transdisziplinären Ansatz in Zusammenarbeit mit ihrem Mann Uwe Heidenreich, der Biologe ist und sich seit vielen Jahren im BUND-Arbeitskreis engagiert. Schon allein das Thema macht die Publikation lesenswert, es trifft den Nerv der Zeit.

Heidenreichs Betrachtungen sind rückwärts- wie vorwärtsgewandt. Sie gibt Einblicke in vergangene Lebenswelten, einen geschichtlichen Abriss über den Kampf mit den Kräften der Natur, aber auch Aus- und Lichtblicke. Man folgt der Verfasserin gerne bei ihrem interdisziplinären Cross-Over. Die Texte sind fesselnd geschrieben, sachlich kompetent und kommen ohne moralischen Zeigefinger aus. Vielmehr trägt sie ihre Themen mit einer Leichtigkeit vor, die sich aus einem profunden Hintergrundwissen speist; der Diskurs umfasst viele Facetten und bringt dadurch viel Neues und Wissenswertes ein.

Eingangs steht die Feststellung, dass unser Bild der Landschaft immer ein sehr subjektives ist. Die Betrachtungen über das Wesen der Natur haben sich über die Jahrhunderte hinweg stark verändert. In früheren Jahrhunderten war die Umwelt der Gegner des Menschen im ewig faustischen Ringen. Spätestens im Zuge der Aufklärung jedoch entwickelte sich eine neue Lesart, die Natur wurde zum Gegenentwurf zur Zivilisation. Sie stand für das Unberührte, Unverfälschte, das seinen Niederschlag in den ländlichen Idyllen der Hirten Arkadiens oder dem Goldenen Zeitalter findet. Auf jeden Fall ist unsere Vorstellung von ihr immer ein Stück weit Konstruktion.

Andererseits verlief die Entwicklung der Landschaftsmalerei zeitlich parallel zu einem Prozess der nutzenorientierten Rationalisierung des Naturverständnisses. Die Landschaft im Bild mag etwas zu tun haben mit einer kompensatorischen Sehnsucht nach Schönheit, so Heidenreichs Deutungsansatz, dem Wunsch, der Entzauberung der Natur durch Technik und Industrialisierung entgegen zu wirken. Dabei hätten sich durchaus schon frühzeitig Problemlagen abgezeichnet, die auch in der Bilderwelt Niederschlag fanden. So wie die Ansichten der Natur sich wandelten, zeigten sich ebenso die Anzeichen von zerstörerischen Entwicklungen. Vorboten des Industriezeitalters und moderne Verkehrswege hielten ebenso Einzug in die Landschaftsmalerei wie erste Auswirkungen durch Tourismus oder Zersiedelung. Heute sei die Natur ein bedrohtes Gut, schlimmer noch: sogar ihre Bildwürdigkeit stehe auf dem Spiel, »weil jedes Bild als eine unzulässige Verharmlosung der Katastrophe lesbar wäre.« Die Idylle der gemalten Landschaft hat ihre Unschuld unwiederbringlich verloren. Vor diesem Hintergrund will die Verfasserin historische Landschaftsbilder neu lesbar machen als Dokument von Wandel, Verlust und Hoffnung.

Den Ausgangspunkt ihrer Darlegungen bildet der Klimawandel, der sich im Zuge der Kleinen Eiszeit vollzog. Die zeitlichen Grenzen dieser Periode sind fließend, sie umfassen, mit starken regionalen Schwankungen, etwa einen Zeitraum zwischen 1315 und 1850. Nur wenige Grade wich das Klima vom zuvor üblichen ab und tätigte dennoch gravierende Auswirkungen in Form von Naturkatastrophen, Überschwemmungen, Missernten, Hunger und Epidemien. Europas Flüsse froren im Winter zu. Ein wahrhaft finsteres Zeitalter brach an, als Unwetter und Missernten dem Wirken von dunklen Mächten zugeschrieben wurden, mit den bekannten grausamen Folgen. Europaweit verursachten Hunger und Seuchen einen deutlichen Bevölkerungsrückgang. Doch was sich auf die Menschen so verheerend auswirkte, war gut für die Natur. Viel brachliegendes Kulturland wandelte sich wieder in Wildnis, der Anteil der Waldfläche nahm in Mitteleuropa nach Schätzungen um 40 Prozent zu, wilde Tiere kehrten zurück. Ebenso wie die »spätmittelalterliche Wüstungsperiode« hinterließ der Dreißigjährige Krieg drastische Einschnitte in der Geschichte der Zivilisation.

Die Eroberung der Natur schritt allerdings fort. Schon vor Jahrhunderten musste der Mensch erkennen, dass die natürlichen Ressourcen nicht unendlich sind. Die Problematik zeigte sich unter anderem bei der Übernutzung und Ökonomisierung der Wälder. In den Anfängen der Industrialisierung drohte die rigorose Abholzung der mitteleuropäischen Baumbestände. Paradoxerweise, so erfährt man bei Heidenreich, hat der Einsatz der Steinkohle die Wälder vor dem vollständigen Kahlschlag gerettet. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde wieder aufgeforstet, vorzugsweise mit Kiefern und Fichten und erst diese Hölzer erzeugten das Bild vom »dichten, dunklen Wald«, der unsere Vorstellung bis heute bestimmt und oftmals auch den Hintergrund zu volkstümlichen Erzählungen und Märchen abgibt.

Der Wald ist natürlich nicht das einzige Beispiel. Überall hinterließ der Mensch seine Spuren. Flüsse wurden begradigt, Verkehrswege rigoros ausgebaut, Sümpfe trockengelegt, Kulturland wurde in die moderne Agrarindustrie überführt. Der Blick der Verfasserin ist unsentimental. Sie dringt tief in die Sorgen und Nöte der vor- und frühindustriellen Gesellschaften und verweist immer wieder darauf, dass der liebliche Anblick alter Landschaftsbilder trügt, dass sich dahinter oft eine harte Alltagsrealität und Existenzkampf verbergen. Demgegenüber steht jedoch unwiderruflich das Faktum, dass die natürlichen Lebensräume für Flora und Fauna dramatisch schwinden. Ein Lichtblick, immerhin, zeigt sich in den zahlreichen Initiativen zur Erhaltung von Ökosystemen und Renaturierungsprojekten. Die Bemühungen um den Erhalt von Naturräumen reichen weiter zurück, als man gemeinhin annehmen würde. Doch ist dies nun eine gute oder eine schlechte Nachricht? Das Wissen bleibt, die Natur ist endlich und erschöpfbar geworden.

Aus diesem Zusammenhang heraus reklamiert Heidenreich den Beitrag der Kunst: Bilder als Grundlage und Appell an die Imaginationskraft mögen eine Brücke schlagen. Sie plädiert für eine Kunstbetrachtung, die etwas zu den brennenden Fragen der Gegenwart zu sagen hat, denn »Bilder können Beweggründe sein, Menschen in Bewegung versetzen, zum Handeln motivieren.« Ihre ästhetische Kraft könne Vorstellungsräume öffnen für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur – zumindest der Anstoß für einen vielschichtigen Diskurs ist durch Heidenreichs Buch gegeben.