Rezensionen

Sybille Heidenreich: Wunschlandschaften. Bilder vom guten Leben und die Utopie der Nachhaltigkeit. Königshausen & Neumann

Der Klimawandel wird nicht erst seit der Fridays–for–Future Bewegung heftig diskutiert. Schon lange wird das Bild der Zukunft düster gemalt, endzeitliche Stimmung großflächig verbreitet. In ihrem neuen Buch plädiert die Germanistin und Kunsthistorikerin Sybille Heidenreich nun für eine positive Einstellung zum Thema Nachhaltigkeit und für den (Wieder–)Gewinn eines utopischen Denkens und Fühlens. Andreas Maurer hat sich die Wunschlandschaften angesehen.

Cover © Königshausen & Neumann
Cover © Königshausen & Neumann

Drei Männer liegen entspannt auf dem Rücken. Gleich wird ihnen die nächste Mahlzeit in den Mund fallen. Im Hintergrund lässt sich ein Kaktus aus Broten erkennen, Wurstkringel stapeln sich auf Zaunpfählen, in der Ferne zieht ein Schiff über einen See aus Milch. Geschützt wird dieser ewige Sonntag durch eine Mauer aus Brei.

Selbst wer das Bild von Pieter Breugel d.Ä. von 1567 nicht kennt, weiß, dass es sich bei dieser Beschreibung nur um eines handeln kann: das Schlaraffenland.
Es ist das Titelbild auf Sybille Heidenreichs Buch und sozusagen jener Zugang in diese »Wunschlandschaften«, der uns vielleicht allen am nächsten ist. Denn wer hat nicht schon einmal davon geträumt im Überfluss zu leben?!
Doch das Schlaraffenland hat noch andere Facetten als Sorglosigkeit zu bieten: sein Mythos reicht bis in die Antike zurück, schon damals verdichteten sich Wunschbilder vom guten sozialen Leben zu einer geografischen Utopie. Imaginäre Landkarten und Reiseerzählungen schmückten die essbare Landschaft schließlich immer mehr aus.
Aber: Leben wir in Europa nicht schon längst im Goldenen Land? Fließen Honig und Milch nicht in Strömen? Obst und Gemüse, selbst aus exotischen Ländern, sind zu jeder Jahreszeit verfügbar. Lieferservices bringen das warme Mittagessen bis an die Türschwelle, Pizza wird bereits vorgeschnitten, gejagt haben wir noch nie, geschweige denn eine Kuh selbst gefüttert oder geschlachtet.

Schon immer haben Bilder vom guten Leben die Welt der Gegenwart mitgestaltet: Sicherheit und Wohlstand, Geborgenheit und Weltentdeckungslust, Liebe zu einer vielfältigen Natur sind Motive, die in Wunschbildern und Utopien immer wieder auftauchen. Aber nicht alles Erreichte lässt sich bruchlos fortschreiben, die Zukunftstauglichkeit mancher Wunschlandschaften ist zu hinterfragen, vielfach sind neue Utopien entstanden.
Außerordentlich geschickt öffnet Sybille Heidenreich diese Landschaften für ihre Leser*innen: Sie setzt bei Schlüsselbildern (z.B. Nicolas Poussin, Hirten in Arkadien von 1650) an und führt deren Interpretationslinien bis in die Gegenwart. Die Auswahl folgt dabei jenen Wunschbildern, die als realisierte Utopien entscheidend für unsere moderne Gesellschaft sind und zugleich die Sehnsüchte einer vergangenen Vollkommenheit exemplarisch widerspiegeln.
Zunächst dürfen die Bildbeispiele ihre Wirkung entfalten. Sie werden in einen kunsthistorischen Kontext gestellt, anschließend werden die Darstellungen mit Blickrichtung auf aktuelle Fragen der Gegenwart in den Bezugsrahmen nachhaltiger Entwicklung gerückt.
Am Beispiel von Breugels Schlaraffenland geht die Autorin etwa der Frage nach Konsum und Gerechtigkeit nach und auch Max Pechsteins Palau–Triptychon (1917) lässt nicht nur Fernweh aufkommen. Vielmehr führt uns der Traum von der Südsee den Einfluss von Fernreisen auf Klima und Kulturen der Welt vor Augen. Heimat als Utopie und ihr Verhältnis zur Migration wird im Buch ebenso thematisiert wie Klimagerechtigkeit und Artenvielfalt. Selbst die leere Landschaft der Apokalypse (am Beispiel von Cristoforo de Predis Das Ende der Welt: Mond und Sonne werden sich verdunkeln, die Sterne werden fallen von 1476) wird von der Autorin schonungslos ausgebreitet.

Ihre Wurzeln hat diese spezielle Synthese von Ökologie und Kultur, welche das Buch prägt in Gesprächen bzw. in gemeinsamer Arbeit und Lehraufträgen mit ihrem Mann, dem Biologen und Ökologen Uwe Heidenreich. »Ecocriticism« nennt sich die angewandte fachübergreifende Methodik. Entstanden in der Literaturwissenschaft der 1970er Jahre, werden dabei vor allem umweltbezogene Werte und Krisen (globale Erwärmung, Verlust der Artenvielfalt usw.) aufgegriffen. Des Weiteren wird untersucht, inwieweit literarische Repräsentationen dabei helfen können, die problematischen Aspekte unserer Beziehung zur natürlichen Welt zu beleuchten. Für »Wunschlandschaften« hat Sybille Heidenreich diese Methode auf die Kunstwissenschaft übertragen, literarische Texte fließen in die Betrachtung aber ebenfalls mit ein.
Die daraus resultierenden Überlegungen der Autorin verweisen auf die utopischen Potenziale von Nachhaltigkeit und neue Ideen von Lebensqualität und Gerechtigkeit. Grundlageninfos zu den Thesen werden zur Verfügung gestellt, ein ausführliches Literatur- bzw. Quellenverzeichnis ebenso.

Und das Ziel?
Sybille Heidenreich will eine positive Einstellung zu klimafreundlicher Veränderung schaffen. Das Schlaraffenland des Konsums, das Goldenes Zeitalter der Gerechtigkeit, das Paradies der Tiere – die ferne Südsee, die Heimat oder der deutsche Wald: Als realisierte, oder gescheiterte Utopien begleiten sie die Geschichte des Fortschritts und sind entscheidend für den Status quo der Moderne. Und: Nach wie vor können sie Wunschlandschaften sein und Mut für die Zukunft machen.

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