Tagungen

Symposium: Don't Touch / Touch Screen. Das Bild, der Blick und allerhand Formen taktiler Wahrnehmung und Erkenntnis, am 9. und 10. April 2015 in Berlin

Das Verhältnis von optischem Eindruck und taktiler Wahrnemung ist Thema an der Humboldt-Universität Berlin. Was bedeutet es, wenn nach der Fertigstellung eines Werks die Hand nicht mehr mit dem Bild in Berührung kommt? Und was macht unser alltäglicher Umgang mit Touchscreens und Co. mit unserem Verständnis für das Berührungsverbot im Museum? Diese und noch viele andere Fragen möchte das Symposium diskutieren.

Kunstwerke wurden seit alters (und werden zum großen Teil auch heute noch) von Hand gestaltet. Einmal fertig- und danach ausgestellt, hat die Hand allerdings ausgedient. Die Rezeption der Werke erfolgt ausschließlich über das Auge – Betrachten, nicht Begreifen lautet die Devise aller Museen und Ausstellungshäuser: „Don’t touch!“ Doch das Begehren, die vor Augen stehenden Objekte zu berühren, ist damit nicht von selbst ausgeschaltet – im Gegenteil. Dinge, zumal verehrte Gegenstände zu berühren, hat menschheits- und kulturgeschichtlich eine lange magische, religiöse und ästhetische Tradition.

Seit einigen Jahren haben sich die Parameter allerdings radikal gewandelt. Dem Berührungsverbot auf Seiten der Kunst antwortet ein energisches Berührungsgebot auf Seiten der Digitaltechnik mit ihren Tast(bild)schirmen. Die Bezeichnungen Touchscreen oder Touchpad lassen sich nicht nur als termini technici, sondern auch als Imperative verstehen, die den gesenkten Zeigefinger zum Interface und Idol der Epoche machen: moderne (Hinterglas-)Bilder werden jetzt ohne Unterlass berührt, unter Zuhilfenahme des Daumens vergrößert oder in rasanter Bewegung mittels Wischbewegung durchgeblättert.

Ändert sich aufgrund der neuen Vorrangstellung der Hand möglicherweise etwas an unserem Tast-Verlangen gegenüber Werken der Kunst? Oder befriedigen wir diese Lust im Umgang mit den Alltagsbildern, die wie von Zauberhand vor uns erscheinen oder wieder verschwinden? Sind wir unter Umständen auf dem Weg zu einer atavistisch taktilen Gesellschaft? Oder endet jetzt nur die alte Konkurrenz von optischer und taktiler Wahrnehmung und Erkenntnis?

Eine Tagung für Michael Diers

Programm

Donnerstag, 9. April 2015

9:30 Uhr
Kai Kappel, Berlin: Begrüßung

9:45 Uhr
Steffen Haug, Annett Klingner und Tina Zürn: Einführung

Sektion I
Moderation: Tina Zürn

10:00 Uhr
Claudia Blümle, Berlin
Zur haptischen Funktion gemalter Vorhänge

11:00 Uhr
Jürgen Müller, Dresden
Die Kunst der Lüge. Sehen, Hören und Fühlen bei Caravaggio

12:00 Uhr
Wolfgang Welsch, Jena/Berlin
Narziss und Daphne. Kein Glück des Berührens

13:00 Uhr Pause

Sektion II
Moderation: Thomas Helbig

14:30 Uhr
Lars Blunck, Nürnberg
Bilder der Berührung. Taktile Rezeption in der Kunst seit 1950

15:30 Uhr
Christian Scheidemann, New York
Vom Tastsinn des Restaurators

16:30 Uhr Kaffeepause

17:00 Uhr
Claus Pias, Lüneburg
Berührung und Geste in den digitalen Medien

18:00 Uhr
Thomas Hirschhorn, Paris
Touching Reality
Vortrag und Gespräch mit Hartmut Böhme, Berlin
moderiert von Steffen Haug

Freitag, 10. April 2015

Sektion III
Moderation: Steffen Haug

9:30 Uhr
Horst Bredekamp, Berlin
Leibniz‘ sehender Finger

10:30 Uhr
Matthias Schulz, Berlin
Sakrale und säkulare Berührungsmaschinen: Reliquiare und Androiden

11:30 Uhr
Detlev Schöttker, Dresden/Wien
Bildwissenschaft mit Pinzette. Walter Benjamin als Philatelist

12:30 Uhr Pause

Sektion IV
Moderation: Claudia Tittel

14:00 Uhr
Ilaria Hoppe, Berlin
Vom Plüschbild zur Satellitenaufnahme. Praktien der Partizipation im urbanen Raum

15:00 Uhr
Luisa Feiersinger, Berlin
Berührung im stereoskopischen Film

16:00 Uhr
Gabriele Brandstetter, Berlin
Contact and distract: Tanz als touch screen

17:00 Uhr Kaffeepause

17:30 Uhr
John Bock, Karlsruhe/Berlin
Künstlergespräch mit Charlotte Klonk, Berlin
moderiert von Clara Meister, Berlin/Hamburg

18:30 Uhr
Gottfried Boehm, Basel
Résumé

19:30 Uhr Fest

Tagungsort:
Humboldt-Universität zu Berlin
Dorotheenstrasse 26
Hörsaal 207
10117 Berlin