Ausstellungsbesprechungen

Tatlin – Neue Kunst für eine neue Welt, Museum Tinguely, Basel, bis 14. Oktober 2012

Auch die Schweiz nimmt sich der Kunst der 1000-jährigen Geschichte von Deutschland und Russland an. Das Museum Tinguely in Basel stellt zum ersten Mal seit zwanzig Jahren in einem umfassenden Überblick die avantgardistischen Werke von Vladimir Tatlin aus. Günter Baumann hat sich die Konterreliefs, den Turm, Letatlin und weitere spannende Arbeiten des Künstlers angesehen.

Bevor in Russland bzw. der sich etablierenden Sowjetunion die Revolution ihre Kinder fraß, gehörte die Kunst in und um Moskau und Petrograd (St. Petersburg) zur innovativsten der Welt: Alles schien möglich. Als könnte man einfach die Verweigerungskunst des Dadaismus, den dekonstruktivistischen Kubismus und die Dynamik des Futurismus mit der Kontemplation eines Malewitsch und dazu noch der gesellschaftlichen Relevanz künstlerischen Schaffens in einer höheren Potenz zu einem Gesamtkunstwerk vereinen. Das war 1915, als Malewitsch und Tatlin die Stars am roten Künstlerhimmel waren. Nicht ohne nach Paris zu schielen – wer hätte sich in dieser Zeit davon frei machen können –, erbauten sich die russischen Künstler eine eigene, im Idealfall staatstragende Kunstwelt. Heute ist nahezu alles zerstört, was etwa Tatlin geschaffen hat, was man in Basel anhand der Bilanz von Original und Rekonstruktion ablesen kann.

Mit dem Matrosen Tatlin segelte die Künstlerschaft damals einer (noch) hoffnungsfrohen Zukunft entgegen, in der schon mal die Malerei zu schnöde, zu bieder war und in Form des Reliefs neue Dimensionen erprobte. Und die Plastik geriet konsequent zur Architektur – bestes Beispiel ist der schiefe Turm von Petrograd, jenem Sinnbild der Revolution, das in einer Doppelspirale sich nach oben schraubt und zugleich die Schräge der Erdachse monumentalisiert. Dieses »Denkmal zur Dritten (Kommunistischen) Internationale« entstand 1919/20, hat aber seine Realisierung nur in Modellen für die Zukunft gesichert. Doch auch im bloßen Konzept hat dieses Werk eine Wucht, die betört. Zugleich ist es ein Symbol des Scheiterns einer Idee, die zu weit sprang, um da anzukommen, wo die Menschen sie hätten wirklich umsetzen können: Der Turm sollte 400 Meter hochragen, ein Wahnsinnskonstrukt. Die Baseler Ausstellung will aber mehr als irregeleitete Fantasien aufzeigen. Vielmehr geht es darum, wie nüchtern, wie pragmatisch und wie alltagsnah Vladimir Tatlin wirkte – das kann man genauso gut an Flugmaschinen ablesen wie an zauberhaften Bühnenbildern. Darüber hinaus will die Schau den souverän-leichtfüßigen Maler in Szene setzen, geht es doch nicht darum, den vorwärtsgewandten Künstler zu hofieren, sondern auch den traditionsbewussten, für den der frühe Tatlin steht.

Ein großes Verdienst kommt dem Katalog zu, der detailverliebt, mit einer quasi-konstruktivistischen Seitengestaltung alle Exponate ins Visier nimmt und den Künstler in ein gesellschaftspolitisches Umfeld platziert, das heute nicht mehr jedem Kunstbesucher vertraut ist. David Walsh geht etwa den Fragen nach: »War Tatlins Engagement für die Sache der sozialen Weltrevolution ein fürchterliches Missverständnis? Waren seine gesellschaftspolitischen Überzeugungen bedeutungslos oder seinen künstlerischen Ambitionen sogar hinderlich?« Sicher ist: Tatlin starb 1953 vereinsamt, Stalins Brutal- und Banalästhetik konnte er nicht folgen, er war zu sensibel und zu sehr Künstler, als dass er seinen eigenen Idealen blind vertraut hätte.

Stellt sich die andere Frage: Wie kommt es zu einem so großen Tatlin-Interesse, wo seine Zeit längst Vergangenheit ist? Es kann nur um den gewaltigen postkapitalistischen Gesellschaftswandel gehen, den wir gegenwärtig erleben, dessen Ziele und Erwartungen, Ängste und Hoffnungen ähnlich vage sind wie einst die des Präkommunismus. Da reizt es, die Legenden um den Künstler Tatlin aufzubrechen, um seine Potenziale und die eines statisch-dynamischen »Tatlinismus« – in Form der gegentrendigen »Konterreliefs« – für andere Kontexte zu auszuloten. Die künstlerische Freiheit der Imagination mischt sich ein in die reale Welt. Vor hundert Jahren angestoßen, ist Tatlins Werk heute lebendiger denn je.