Ausstellungsbesprechungen

The Cindy Sherman Effect. Identität und Transformation in der zeitgenössischen Kunst. Bank–Austria–Kunstforum Wien

Das Bank–Austria–Kunstforum in Wien widmet seine erste Ausstellung des angebrochenen Jahres mit Cindy Sherman (*1954) einer Ikone der inszenierten Fotografie. Ihr Schaffen kreist um die Begriffe Identität, Selbstbildnis, Sexualität, Entfremdung – und gilt als wegbereitend für zeitgenössische Diskurse des Poststrukturalismus wie der Gender– und Queer–Studies. Ein Lokalaugenschein von Fanny Kernbauer.

Cindy Sherman  Un Untitled Film Still #58, 1980 Silbergelatineabzug 26 5/8 x 39 5/8 in. | 67,5 x 100,5 cm KUNSTMUSEUM WOLFSBURG Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York
Cindy Sherman Un Untitled Film Still #58, 1980 Silbergelatineabzug 26 5/8 x 39 5/8 in. | 67,5 x 100,5 cm KUNSTMUSEUM WOLFSBURG Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York

Bedeutung und Aktualität ihres Werkes bringt die Kuratorin Bettina Busse anhand direkter Begegnungen im Ausstellungsraum zur Anschauung: In einer Gegenüberstellung von rund 80 Werken wird der Einfluss Cindy Shermans auf zeitgenössische Auseinandersetzungen mit dem Begriff der Identität sowie deren Konstruktion und Dekonstruktion untersucht.

Das Ich im Bild

»Ich ist ein anderer«, zitiert die leitende Direktorin Ingried Brugger in ihrer Eröffnungsrede den französischen Lyriker Rimbaud. Versuche, das Ich als das Fremde zu erleben, wie Rimbaud und viele ihm folgende sie unternahmen, spiegeln sich im Werk Cindy Shermans wider. Begründet in einer Sehnsucht nach totaler Entgrenzung, entlarven Praktiken der Ver– und Entschleierung die Konstruktion des Ich, seine nur scheinbare Unhinterfragbarkeit und Solidität.

1954 in Glen Ridge, New Jersey geboren, sah sich Cindy Sherman, als Kind der sogenannten Pictures Generation, schon in frühen Jahren mit erstarkt aufkommenden Praktiken der Selbstdarstellung und –vermarktung konfrontiert und suchte, die gewaltige Bilderflut, insbesondere deren Produktionsmodi, künstlerisch zu verarbeiten und gleichsam zu dekonstruieren. »She wanted to understand the effects of these mass culture images […] and the only way to be truly critical was to get inside of these images«, äußert sich der amerikanische Kunsthistoriker Hal Foster. Mit eben diesem Eintauchen in die Spielarten der Darstellung, der Performance von Identität eröffnet sich der künstlerische Raum Cindy Shermans.

Eva Schlegel  untitled (021), 2003 Lamdaabzug, 120 × 100 cm | 47 1/4 × 39 3/8 in. Courtesy Galerie Krinzinger, Vienna © Eva Schlegel und Bildrecht, Wien 2020
Eva Schlegel untitled (021), 2003 Lamdaabzug, 120 × 100 cm | 47 1/4 × 39 3/8 in. Courtesy Galerie Krinzinger, Vienna © Eva Schlegel und Bildrecht, Wien 2020

Das Begehren ist das Begehren des Anderen

In ihrer ersten bedeutenden Serie Untitled Film Stills (1977–1980) lediglich eine Anprangerung des Frauenbildes der 1950er Jahre zu sehen, wäre demnach zu kurz gegriffen: Der Philosoph Robert Pfaller verweist in seiner Rede zur Eröffnung der Schau auf das Paradoxon der Alterität, dessen Prinzip sich durch das gesamte Werk Cindy Shermans zieht. Alterität als philosophiegeschichtlicher Begriff verweist vordergründig auf Strömungen des Poststrukturalismus, der Psychoanalyse und der Postcolonial Studies und damit auf die Dichotomie von Alterität und Identität als einander bedingende Momente: »Alterität heißt, dass das, was man selber ist, nur gefunden werden kann über das, wofür andere einen halten.« In Lacans Worten: Das Begehren ist das Begehren des Anderen. Selbst Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität für Kunst und industrielle Gestaltung Linz und ausgewiesener Experte der psychoanalytischen Theorie, argumentiert Pfaller mit Freud, Erinnerung sei trügerisch und immer ein Produkt der Nachträglichkeit: Es gab diese Vergangenheit nicht. Analog auf die Kunst übertragen, bedeutet dies in Pfallers Worten:

»Es kommt immer zuerst das Gegenwärtige und dann die Vergangenheit. Es kommt zuerst das Werk und dann das Ideal. Vorbild ist also kein historisches Faktum, sondern es ist ein Effekt der Gegenwart.«

So schaffe sich das Kunstwerk eine Vergangenheit, welcher es entspricht. In Werken wie den Unititled Film Stills illustriert Cindy Sherman dies nicht nur, sondern macht ebendiese Konstruiertheit selbst zum Thema.
Diese Entlarvung des vermeintlichen Ich–Erlebnisses markiert einen scharfen Paradigmenwechsel und traf, laut Ingried Brugger, tief in das ins Wanken geratene Selbstbewusstsein der 1970er Jahre: Versprechen der scheinbaren Einzigartigkeit gerieten in Zweifel und die beinahe religiös gehaltene Individualität eines jeden Einzelnen erwies sich als in vorgegebenen Schemata konstituiert. Identität wurde nicht nur reproduzierbar, sondern auch dekonstruierbar.
In besonders subtiler Form illustriert Cindy Sherman dies in der frühen Arbeit Bus Riders (1976): Mit ihrem eigenen Körper als Bildträger stellt sie Personen dar, die sich allesamt im offensichtlichen Zustand des Wartens befinden. Gänzlich ohne Bühnenbild – ein einfacher Stuhl vor einer kahlen Wand und Verkleidungen genügen – schafft Sherman es, eine Collage an Charakteren unterschiedlicher Hautfarbe, Alters und sozialer Herkunft im Amerika der 70er Jahre zu zeichnen. Ihr Augenmerk reicht hier bis in kleine Details der Körperhaltungen und deutet nicht zuletzt auf die Performanz von Subjektivität hin. Die Fotoserie handelt demnach nicht von individuellen Persönlichkeiten, sondern von Stereotypen und spiegelt das verinnerlichte Außen wider, welches sich als roter Faden durch Shermans Werk zieht.

Cindy Sherman  Untitled Film Still #2, 1977 Silbergelatineabzug 37 5/8 x 27 1/2 in. | 95,5 x 70 cm KUNSTMUSEUM WOLFSBURG Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York
Cindy Sherman Untitled Film Still #2, 1977 Silbergelatineabzug 37 5/8 x 27 1/2 in. | 95,5 x 70 cm KUNSTMUSEUM WOLFSBURG Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York

Das Außen im Innen

In einer verspielten Konfrontation mit den Werken von 21 zeitgenössischen Kunstschaffenden, darunter Gillian Wearing, Monica Bonvicini, Zanele Muholi und Samuel Fosso, wird dieser Erschütterung nachgespürt, deren Nachbeben bis heute Diskurse über Identität und Transformation prägen. Ist Identität heute frei(er) wählbar? Oder ist in den letzten Jahren nicht so sehr die Freiwilligkeit selbst gestiegen, mit welcher die Menschen ihre Zugehörigkeiten und Identifikationsmomente wählen, sondern lediglich das Gefühl dieser Freiwilligkeit? – fragt Robert Pfaller und verweist auf Spinoza, demnach ein Gefühl der Freiwilligkeit eben dort vorherrsche, wo das Individuum von ihm unbekannten, fremden Ursachen bestimmt sei.
Dieses Außen findet sich in allen Werken der Schau behandelt – auch, oder gerade dort, wo es den tiefsten Kern des Ich betrifft. Ist das der Cindy Sherman–Effekt?

Candice Breitz  Becoming, 2003 14-Kanal-Video-Installation (7 2-Kanal-Video- Installationen), Größe variabel Courtesy KOW Berlin Film-Stills: Alexander Fahl
Candice Breitz Becoming, 2003 14-Kanal-Video-Installation (7 2-Kanal-Video- Installationen), Größe variabel Courtesy KOW Berlin Film-Stills: Alexander Fahl