Buchrezensionen

The Great Graphic Boom. Amerikanische Kunst 1960–1990, Sandstein Verlag 2017

Die Amerikanische Druckgraphik aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird zuweilen vor allem in den Werken Warhols und Lichtensteins gesucht. Dabei hat sie aber weit mehr an Kunstrichtungen zu bieten als Pop Art. Der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung beweist das und Andreas Maurer ist begeistert!

Wer von »Amerikanischer Kunst nach 1945« liest, denkt wohl sofort an die Vertreter der Pop Art wie Andy Warhol oder Roy Lichtenstein. Dass aber die künstlerischen Produkte dieser Zeit ebenso vielfältig wie die Kunstschaffenden selbst sind, beweist seit Juli eine Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart. In Kooperation mit dem Norwegischen Nationalmuseum Oslo widmet man sich dabei den Jahren 1960 bis 1990. Gezeigt werden aber nicht bekannte Highlights, sondern ein bislang eher wenig beachteter Faktor der amerikanischen Kunst der Nachkriegszeit, der sich abseits des Mainstreams entwickelte: die Druckgraphik.

Die etwa 200 ausgestellten Werke von 22 Künstlerpersönlichkeiten (darunter nur drei Frauen) stammen zum größten Teil aus dem hauseigenen Bestand der Staatsgalerie Stuttgart, der mit zahlreichen frühen Erwerbungen, der Konrad Kohlhammer–Stiftung und dem Vermächtnis Günther und Renate Hauff eine der umfangreichsten europäischen Sammlungen amerikanischer Druckgraphik überhaupt bildet. Die Institution gibt somit nicht nur Einblick in die bunte Welt der »Prints«, sondern öffnet auch die Türen zur hauseigenen Sammlungsgeschichte. Das norwegische Nationalmuseum in Oslo hat seinerseits die Sammeltätigkeit auf diesem Feld zwar erst vor einigen Jahren auf Basis weniger bereits vorhandener Arbeiten begonnen – hinsichtlich der Qualität der Blätter steht man dem deutschen Konvolut aber in nichts nach. Bis Mai brachte die Kooperation der beiden Institutionen 115 Leihgaben aus Stuttgart nach Oslo, im Gegenzug sind aktuell 17 Werke aus Norwegen in Deutschland zu besichtigen. Da das nordische Publikum bis dahin lediglich mit Pop Art in Berührung gekommen war, kann der Ausstellung im Nationalmuseum sogar durchaus eine pädagogische Bedeutung beigemessen werden.

Anhand der Exponate und der ausgewählten KünstlerInnen (John Baldessari bis Andy Warhol) lässt sich nämlich erkennen, dass »Amerikanische Kunst« weit mehr bedeutet als »Pop Art«: Abstrakter Expressionismus, Minimal Art, Hard Edge oder Neo Dada sind dabei nur einige dieser Begriffe, welche versuchen die vielfältigen Blätter in übergeordnete Rahmen zu fassen. Bei der begleitenden Präsentation »Pop Unlimited« im Graphik-Kabinett des Hauses kommen aber auch Pop-Art-Veteranen auf ihre Kosten – für die politische Legitimation dieser Sonderausstellung amerikanischer Kunst auf deutschem Boden ist ebenso gesorgt; die Schau steht nämlich unter der Schirmherrschaft des US–Generalkonsuls James W. Herman.

Diente die Druckgraphik in der Vergangenheit vor allem als breitenwirksames Informations- und Kommunikationsmittel, so stellten sich die amerikanischen KünstlerInnen Mitte des 20. Jahrhunderts dieser vorgelegten Stiltradition und nutzten die unterschiedlichen Möglichkeiten der Technik vielmehr, um auf die politischen und sozialen Umwälzungen ihrer Zeit zu reagieren und diese zu interpretieren. Voraussetzung für die Entstehung dieser »American Print Renaissance« und damit einer eigenständigen, dynamischen und unabhängigen Kunstszene in Amerika waren aber nicht nur die Kunstschaffenden, sondern auch das Aufkommen mehrerer professioneller Druckwerkstätten Ende der 1950er Jahre.

Auf Kooperation setzten auch die Staatsgalerie Stuttgart und das Nationalmuseum Oslo – jedes Land schickte für die Ausstellung eine/n Kurator/in (Oystein Ustvedt und Corinna Höper) und auch der begleitende Katalog entstand in enger Zusammenarbeit. Wenn nun eine Ausstellung aber Graphik zeigt, dann darf die dazu erscheinende Publikation den Werken natürlich nicht hinterherhinken, und das tut sie in diesem Fall auch nicht: Obwohl man Roy Lichtensteins »Weinendes Mädchen« (1963) als Titelbild wählte, gibt der Inhalt der Publikation von der ersten bis zur letzten Seite ausschließlich Anlass zur Freude.

Nicht weniger als 170 ganzseitige, farbige Abbildungen, allesamt in hoher Auflösung, inklusive aller bekannten Angaben (Autor, Titel, Technik, Jahr, Größe und Katalognummer) warten auf die Leserinnen und Leser. Durch alphabetische Reihung der KünstlerInnen vermeidet man geschickt ein hierarchisches Gefälle, wiewohl manche Namen (z.B. Judd, Liechtenstein und Warhol) natürlich allein durch die Menge der von ihnen abgebildeten Werke trotzdem hervortreten.

So hochaufgelöst die Bilder der Prints auch sind, so kompliziert ist oft der inhaltliche Zugang. Erleichterung schaffen hier je zweiseitige Einführungstexte mit kurzen Biographien und einigen Erläuterungen zu den einzelnen KünstlerInnen und den darauffolgenden Beispielen. Zu den Namen suchte man außerdem passende Zitate aus, welche durchaus als übergeordnete sensible Stimmungs-Zusammenfassungen zu den nachfolgenden Lebensläufen und Werken gelesen werden können. Beim Ablauf der Beispiele blieb man dem analytischen Zugang treu, und brachte die Blätter in chronologische Abfolgen, wodurch man – manchmal mehr, manchmal weniger – gute Einblicke in die künstlerischen Entwicklungen der verschiedenen Œuvres bekommt. Für alle, die es noch genauer wollen: Am Ende der einzelnen Aufsätze platzierte man einige Literaturangaben, zusätzlich hervorgehoben jene Lektüren, welche von den AutorInnen bei der Arbeit an ihren Texten verwendet wurden.

Die beiden Einführungsaufsätze zur Annäherung an die Zeit dieses »Print Revival« stammen von den Kuratoren aus Stuttgart und Oslo, für die weiteren Wortspenden zeichnen Assistentin Nathalie Frensch und darüber hinaus Peter Scholz, Niels Ohlsen, Äsmund Thorkildsen und Moyfrid Tveit verantwortlich. Im Anschluss an den zentralen Teil der Publikation findet sich zusätzlich noch eine komplette Auflistung aller Exponate mit den dazugehörigen Blatt- und Plattengrößen, Provenienzen und allem Weiteren, was das Herz der Wissenschaft begehrt. Dessen Puls schlägt aber nach den Artikeln und Beispielen wahrscheinlich noch höher, denn: Im Anhang beschenkt man die Leserschaft mit dem vollständigen Verzeichnis amerikanischer Graphik aus dem Besitz der Staatsgalerie Stuttgart, ergänzt durch einige »Grenzgänger« (nicht in Amerika geborene aber dorthin emigrierte oder dort überwiegend arbeitende KünstlerInnen), dafür aber exklusiv den Druckgraphiken von Marcel Duchamp (hierzu existiert ein eigener Katalog). Nicht verzichten muss man bei diesem Druckwerk außerdem auf eine ausführliche Bibliographie, ein Personenregister, ein Abkürzungsverzeichnis und einen Bildnachweis.

Zwar titelte schon 1971 das Wall Street Journal über »The Great Graphic Boom«, bis heute fristet dieser in der Forschungslandschaft jedoch ein Stiefmütterchendasein. Anhand der in Stuttgart und Oslo präsentierten Blätter zeichnen sich nun aber eindrucksvoll die unterschiedlichen und oft selbständigen Wege und Stilrichtungen, welche die amerikanischen Prints im Lauf ihrer Entwicklung eingeschlagen haben ab, und bestätigen vor allem eines: Dass Graphik keineswegs ein Medium zweiter Klasse ist.