Buchrezensionen

The Journeys of / Die Reisen des Casanova, Hatje Cantz 2014

Giacomo Casanova (1725-1798) war so etwas wie der erste Kosmopolit. Er lebte unter anderem in Wien, Paris, Rom, London, Berlin, St. Petersburg und Madrid. Der Bildband heftet sich an die Fersen des großen Libertins und begleitet Passagen aus seinen in so vieler Hinsicht bemerkenswerten Memoiren mit frühen Fotografien und handkolorierten Buchillustrationen. Passend zum frivolen 18. Jahrhundert ist er zudem in Seide gehüllt. Warum Walter Kayser daran nichts Neckisches findet, erklärt er nachfolgend.

Schon rein äußerlich kann man sich fragen: Ist das noch ein Buch oder schon die Seidentapete einer versteckten Türe, durch die man in ein schwül-schwülstiges Boudoir schlüpfen kann? Durch das aufreizende Titelbild schon ganz auf Casanova eingestimmt, möchte man, voyeuristisch geradezu aufgeladen, wissen: Was mag bloß diese Hülle verbergen? Ein »überformatiger Prachtband, zum frivolen Zeitalter passend in feinste Seide gehüllt«, lautet die Verlagsangabe. Dass das nicht stimmt (oder leider eben nur zu sehr), das erkennt dann der Leser nach wenigen Minuten.

Aber sich die Mühe zu machen, das Buch zu lesen, das braucht es dennoch nicht. Warum? Ganz einfach: es gibt darin einfach nichts Lesenswertes. Diese Art von Druckwerk läutet der Gutenberg-Galaxis das Sterbeglöckchen. Ein Buch ohne Gehalt, dafür aber im Überformat – das ist wie das Kaminfeuer vom Flachbildschirm oder die nicht nur in den USA so sehr beliebten Imitate von auf alt gemachten Lederfoliantrücken, die leere Regale mit dem Schein von Bildung anfüllen sollen und dann doch nur als Attrappen neben Nippes dienen oder als aufklappbare Behälter für Papiertaschentücher und Sparbücher.

Nichts gegen die Frühzeit der Fotografie, im Gegenteil. Aber zwingend ist die angekündigte Begegnung zwischen dem ausgehenden Rokoko und dem späten 19. Jahrhundert nicht. Die abgebildeten Bilder meist unbekannter Fotografen sind typische Postkartenmotive, leer geräumte, langweilige Großansichten bekannter Bauwerke in der Totale, die auf den Aha-Effekt zielen: Ach ja, die Seufzer-Brücke, das musste einfach sein! Und hier, na klar, Schloss Schönbrunn in der Hauptansicht vom Parterre her. Ach ja, Notre Dame in Paris, schräg von oben über die Seine von der Rive gauche aus gesehen. Da war ich auch! Und hier der typische Überblick über den Gendarmenmarkt: der deutsche Dom, Schinkels Schauspielhaus und der Französische Dom – alles auf einen Streich.

Die Bezüge zu Casanovas Reisen, zu den vielen Orten und Begegnungen, die in seiner grandiosen Autobiografie auftauchen, sind jedenfalls platt, vage und historisch nicht stimmig. Weder wird das einzigartige Zeitpanorama, welches sich in seinen literarischen Schilderungen entfaltet, ernst genommen noch die großformatigen Abbildungen. Alles ist beliebig. Das meiste hat Casanova zudem so jedenfalls nie gesehen.

Und auch auf einer anderen Ebene geht es weniger um Stimmigkeit als um Hingucker-Effekte und optische Häppchen. Wie die Joker in einem Kartenspiel haben sich nämlich in die alten Schwarz-Weiß-Fotografien zehn Farblithografien als Schmankerl eingemischt, die mit pikanten Erotikszenen aufwarten. Von Seiten des Buchherausgebers ist das wohlkalkulierter Voyerismus.

Der Maler dieser Bilder ist Jules Marie Auguste Leroux. Aber wem dieser Name jetzt auf Anhieb nichts sagen sollte, der braucht keineswegs aus schlechtem Gewissen zusammenzuzucken. Auguste Leroux war durch und durch jemand, der den Geschmack seiner Zeit zu bedienen wusste. Mehr nicht. Aber daraus machte er ein gutes Geschäft. Geboren in den Tagen der Commune 1871, brachte er es innerhalb kürzester Zeit nicht nur zu einem stattlichen Vermögen, das ihm ein luxuriöses Heim im 14. Arrondissement von Paris einbrachte, sondern auch dazu, dreißig Jahre Professor an der École nationale supérieure des Beaux-Arts, der berühmten ENSBA von Saint-Germain-des-Prés, zu sein. Er starb erst 1954. Doch was hat das mit Casanova zu tun? Eigentlich nichts. Gut, Leroux hat die in Frankreich vielleicht verbreitetste Ausgabe von Casanovas Memoiren illustriert. Sie erschien 1932 in Paris. Aber Ähnliches gilt für die Werke von Gustave Flaubert, Honoré de Balzac oder Anatole France. Leroux lieferte. Die Lithographien sind gefällig und gut gemacht, historistischer Geschmack und alte Schule eben, aber mehr auch nicht.

Beim besten Willen lässt sich deshalb auch in diesem Punkt kein zwingender oder gar erhellender Bezug zu Casanovas umfangreicher Lebensbeschreibung erkennen. Eher würde diese geschmäcklerische Bebilderung zu Hofmannsthals »Rosenkavalier« oder Arthurs Schnitzlers »Casanovas Heimkehr« passen. Auf diese Weise wird die tatsächliche Bedeutung des Kosmopoliten Casanova auf seinen legendären Ruf als besonders viriler libertin de mœurs reduziert. Und das wird einem vielseitigem Intellektuellem, einem aufgeklärten, in alle Richtungen offenem Geist und einem literarischen Meisterwerk keinesfalls gerecht.