Ausstellungsbesprechungen

Thekla Ehling, Sommerherz

Bis zum 3. März 2008 zeigt die Robert Morat Galerie in Hamburg unter dem Titel »Sommerherz« die Arbeiten der in Köln lebenden und arbeitenden Fotografin Thekla Ehling. Was aber beschäftigt die Künstlerin in ihren Werken? Nun, es ist das Interesse an der Kindheit, dem Heranwachsen, der Entwicklung ihrer eigenen Kinder und den damit verbundenen Emotionen, die sie fotografisch einfängt.

Erich Kästner schrieb einmal, enttäuscht von der Haltung vieler Erwachsener gegenüber ihrer Kindheit, die folgenden Sätze: »Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr.« Kästner selbst suchte mit seinen Kinderbüchern, wie »Das doppelte Lottchen« oder »Emil und die Detektive«, sich aber keineswegs ausschließlich in die Herzen der Kinder einzuschreiben, sondern auch das Kind im Erwachsenen anzusprechen und zu neuem Leben zu erwecken.

 

Fotografierend nähert sich nun Thekla Ehling dem Thema »Kindheit« an. Mit ihrer Serie »Sommerherz« begleitet sie ganz behutsam durch die Linse ihrer Kamera das Aufwachsen ihrer eigenen Kinder. Dabei dokumentiert sie Situationen und Stimmungen, durch die der Betrachter ganz unvermittelt in Assoziationen und Erinnerungen an die eigene Kindheit verstrickt wird.

 

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So werden wir beispielsweise auf das kindliche Abenteuer »Badewanne« mitgenommen: Aus der Vogelperspektive blickt die Fotografin auf den im Wasser befindlichen Oberkörper eines kleinen Mädchens, das sich auf seinen linken Arm aufstützt. Den Mund wie beim Sprechen leicht geöffnet, blickt das Kind den Betrachter direkt an. Die braunen Haare treiben noch im Wasser und verdeutlichen die Vergänglichkeit und Spontaneität dieser Körperhaltung. Durch die spielerische Situation und den eindringlichen Augenkontakt mit dem Kind gelingt es Thekla Ehling, die kindliche Seite des Betrachters zu wecken. Denn im Grunde – so formuliert es Christa Wolf im ersten Satz ihres Romans »Kindheitsmuster« – ist das »Vergangene […] nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.«

 

Eine weitere spannende Arbeit aus Ehlings Serie ist das Mädchen, das am Geländer eines Wasserstegs gelehnt steht und auf das Wasser hinausschaut. Ihr Gesichtsausdruck verrät kindliche Neugierde, zeugt aber zugleich von grüblerischen Gedanken. Um die schmalen Schultern ist ein kunterbuntes, gestreiftes Handtuch gewunden, an dessen Ende zwei schlanke Mädchenbeine erscheinen. Wie wichtig der Fotografin das Kind ist, zeigt die Fokussierung auf den Körper. Denn sowohl Hintergrund als auch das zum rechten Vordergrund sich erstreckende Geländer sind unscharf. Thekla Ehling zeigt uns also nicht einen typischen Schnappschuss von einem Kind, sondern sie geht mit ihren Fotografien weit tiefer, ergründet die Faszination Kindheit, die wie ein Kleinod behütet werden muss.

 

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In seiner Zerbrechlichkeit wird dem Ausstellungsbesucher auch der Körper eines Mädchens gezeigt, das auf einem Bett mit blumiger Decke liegt. Dabei bleiben dem Betrachter zwei Optionen: Entweder schläft das Kind und hat dabei ein blaues Tuch im Schlaf vor sein Gesicht gezogen oder es weint und verbirgt dabei sein Antlitz teils aus Scham, teils aus Zorn in dem blauen Stoff, während es mit dem rechten Handrücken die Tränen zu trocknen versucht. In jedem Fall aber hat Thekla Ehling eine Aufnahme entwickelt, die Emotionen transportiert. Dabei sollte jedoch nicht vergessen werden, dass all diese Arbeiten von einer ungemeinen Ästhetik geprägt sind, wovon der ausgewogenen Bildaufbau, die Farbbalancen und die Konzentration auf Feinheiten der Körpersprache zeugen sowie das Gespür der Fotografin für den »richtigen« Moment, um den Auslöser zu drücken.

 

Nach der Betrachtung der Serie »Sommerherz« wird der Ausstellungsbesucher Pablo Nerudas Frage, »[w]o ist das Kind, das ich gewesen, / ist es noch in mir oder fort?«, zur Antwort geben können: Das Kind schlummert im Innern eines jeden Erwachsenen und bei der Konfrontation mit kindlicher Neugierde, mit dem spielerischen Umgang mit Welt durch Kinder tritt es verstärkt hervor, so dass die Umwelt plötzlich mit ganz anderen Augen wahrgenommen werden kann. Der Robert Morat Galerie ist eine absolut facettenreiche Präsentation gelungen, die uneingeschränkt empfohlen werden kann!

 

Zur Ausstellung ist bei Schaden, Köln ein Buch in einer limitierten, handgebundenen Auflage von 120 Stück erschienen.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Dienstag bis Freitag 11-18 Uhr

Samstag 11-16 Uhr und n. V.

 

Eintritt frei.

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