Buchrezensionen

Theodora Vischer (Hrsg.): It might turn out well, if the sunshine lasts... Fondation Beyeler. The Collection, Hatje Cantz Verlag 2017

Zwanzig Jahre Erfolgsgeschichte Fondation Beyeler spiegeln sich in dem neuen Katalog der Sammlung wider. Denn das Sammlerehepaar Beyeler hat in Basel eine beeindruckende Sammlung geschaffen, die obendrein immer wieder in beeindruckende Ausstellung mündet. Walter Kayser hat sich den Sammlungskatalog mit Freuden angesehen.

So wunderschön die auf dem Umschlag rotierende Miró-Sonne, ein Ausschnitt aus seiner 1969 entstandenen »Naissance d’une galaxie«, auch sein mag, so merkwürdig unheilsschwanger, ja apokalyptisch kommt der Titel daher: »It might turn out well, if the sunshine lasts...« (»Es könnte gelingen, wenn nur die Sonne weiter scheint...«). Als schwebte über der Fondation Beyeler ein Damoklesschwert! Aber auch Claude Monet, auf den dieser Satz zurückgeht, hatte da höchstens das etwas unbeständige Wetter in Nordfrankreich im Auge. Er wollte die Kathedralbilder von Rouen als Serie zu Ende bringen, und für seine Malerei brauchte er Freiluft und Himmelslicht. Finanziell war Monet sehr bald ein gemachter Mann, der die Preise diktieren konnte, wie er wollte. Auch für die Sammlung Beyeler in Riehen bei Basel kann man sich eigentlich keine wirtschaftlichen Existenzsorgen vorstellen, ist sie doch eine internationale »top destination« in Sachen moderner Kunst.

Seit 1997, als der Traum von Hildy und Ernst Beyeler endlich wahr wurde und sie die besten Werke, die sie in den letzten Jahren ihres Kunsthandels zurückgehalten hatten, in ihrem eigenen Museum präsentieren konnten, ist die Geschichte eine Erfolgsgeschichte. Das ist nun 20 Jahre her und Anlass für diesen neuen Katalog - eine Bestandsaufnahme und Präsentation des erweiterten Bestandes der besonderen Art.

Ernst Beyeler starb bald nach der Vollendung seines Lebenswerks und ein gutes Jahr nach seiner Frau im Jahre 2010. Aber wer den schlanken, großgewachsenen Kunstsammler auch nur einmal zu Lebzeiten treffen konnte, der hatte den Eindruck, dass er in jeder Beziehung einem Glückskind gegenüberstand: nobel und gewandt im Auftreten wie ein französischer Grandseigneur, geschäftstüchtig und im entscheidenden Augenblick kaufmännisch knallhart wie ein calvinistischer Kaufmann, ökologisch und alternativ gesonnen wie die eigene Enkelgeneration, schlaksig, durchtrainiert und unprätentiös-lässig wie ein »american sporting ace«. Seinem ganz persönlichen Charme und seinem entschiedenen Geschmack ist die Einzigartigkeit dieser Sammlung zu verdanken. Legendär ist der Eindruck, den Ernst Beyeler auf Picasso machte. Bei einem Besuch in dessen Villa in Mougins oberhalb von Cannes im Jahre 1969 stellte der Maler dem Schweizer Kunstsammler völlig frei, welche der Werke der einpacken und mitnehmen wolle. Schließlich ist Beyeler ein Glückskind, weil auch ein Stararchitekt wie Renzo Piano keineswegs immer solch herausragende, dem Gelände und der Natur wunderbar sich anpassende Gebäude erstellt hat wie bei diesem einstöckigen Museumsbau aus Licht und Porphyr, der sich parallel zum Flüsschen Wiese hinzieht.

Keine dunklen Wolken also über der Sammlung in Riehen, auch wenn vor Jahren die Provenienz von Kandinskys »Improvisation 10« als Raubkunst in die Schlagzeilen geriet. Im Gegenteil: Die Besucherzahlen erreichen Rekorde um Rekorde in den fast 100 Ausstellungen nach der Eröffnung. Auch versteht sich der jetzige Direktor des Museums Sam Keller nicht als Hüter eines unantastbaren Grals. Vielmehr hat er mit Unterstützung des Stiftungsrates die konsequente Erweiterung der Sammlung im Blick. Zwischen klassischer Moderne und zeitgenössischer Kunst soll es keine Schwelle geben. In dieser Richtung ist auch die Konzeption des neuen Katalogs zu verstehen, meisterhaft ediert (wie nicht anders zu erwarten) von Hatje Cantz. Er schreibt den Katalog, der 1998 im Prestel-Verlag erschien, in einer ganz bewussten Weise um und fort. Der Zuwachs an zeitgenössischen Werken des Privatmuseums ist beeindruckend. Lag der Bestand 1997 noch bei 188 Werken, so ist er mittlerweile auf 320 angewachsen. Das wiederum ist Voraussetzung, um auch in Zukunft mit Leihgaben an andere Museen selbst wieder auf Wohlwollen rechnen zu können, wenn es darum geht, eigene Ausstellungen mit ungewöhnlichen und passenden Kunstwerken ergänzen zu können.

Dass moderne Kunst immer ein Wagnis und eine Herausforderung ist, dass als unerhört erscheint, was bislang ungesehen war, dieser Gedanke soll sich wie ein roter Faden in die Gegenwart und Zukunft ziehen. »Alles, was ich je geschaffen habe, wurde für die Gegenwart und mit der Hoffnung geschaffen, dass es immer in der Gegenwart bleiben wird«, äußerte Picasso schon 1923 und gab damit einer Hoffnung Ausdruck, von der sich alle innovativen Künstler nähren, deren Schöpfungen von den meisten Zeitgenossen mit Argwohn, Spott und Unverständnis begleitet wird. Deshalb wird die bildliche Präsentation der Kollektion mit Texten von Künstlern selbst konfrontiert. Das können Brief- oder Tagebucheinträge sein oder Selbstäußerungen und Bekenntnisse, die ihnen im Gespräch entlockt wurden. In jedem Fall sind diese Aussagen »unfertiger« in dem Sinne, dass sie den Kunstwerken keine kategorisierenden Begriffe aufprägen. Wenn der eigentliche Katalog, der einer chronologischen Ordnung folgt und zwischen der Ära Beyeler und der nach ihm erworbenen Kunst keine Zäsur erkennen lässt, von Fotografien eingerahmt wird, die Ateliers zeigen, dann ist das sinnbildlich: Werkstattatmosphäre und »work in progress« statt definitiver kunsthistorischer Einordnungen.

Zum Abschluss gibt es dann doch zwei Theorie-Essays. Ralph Ubl, Professor für Kunstgeschichte in Basel, beschäftigt sich unter dem bezeichnenden Motto »Talks on art are almost useless« mit dem Verhältnis von Werk und Text. Natürlich war solch ein Satz, wie so vieles bei Andy Warhol, eine gut kalkulierte Koketterie; dennoch steht das Werk, wenn es denn als echte Kunst bestehen will, uneinholbar und unabgegolten vor und neben dem wie auch immer erhellenden Kommentar. Gottfried Böhm wagt dann zum Abschluss doch so etwas wie eine Bilanz nach 20 Jahren der Fondation Beyeler. Aber der Bogen von den Impressionisten bis hin zu Wolfgang Tillmans oder Wilhelm Sasnal bleibt genauso unabgeschlossen. Der Blick für Qualität, oder sagen wir es mit den Worten des Direktors Sam Keller: die »DNA« Ernst Beyelers, ist das, was trägt und das Gelingen garantiert - egal ob die Sonne scheint oder nicht.