Ausstellungsbesprechungen

Thomas Baumgärtel: 1997–2007

Thomas Baumgärtels Spraybananen an Museumswänden in aller Welt sind so legendär, dass man sich kurioserweise allzu schnell damit begnügt und nur selten nach dem Werk des Künstlers fragt. Dabei würde sich hinter einer solchen Frage ein üppig gefüllter Ausstellungsraum auftun:

Baumgärtels Schaffen umfasst Objekte von erstaunlicher Vielfältigkeit. Zwar ist die Bananenchiffre auch hier (fast) immer präsent, doch überzieht der diplomierte Wahrnehmungspsychologe mit ihr auch mal ein Telefonbuch und stilisiert sie so als »Gelbe Seiten«, oder er macht ihre Schale in Form des Gekreuzigten zum sakralen Symbol, um an anderer Stelle mit einer geschredderten Betonbanane als »Bananensplit« zu witzeln. In Karlsruhe ist eine Serie malerischer und grafischer Arbeiten zu sehen, in denen die Banane uns kreativ bis in die nicht ganz ernst gemeinten Urgründe der Schöpfungsgeschichte zurück begleitet.

 

Am Anfang stand nicht die aufgesprühte Frucht, sondern die gekreuzigte Banane – und das während der Zivildienstzeit Baumgärtels 1983. Dass es sich hierbei um ein katholisches Krankenhaus handelte, machte den Kasus zum provozierten Streitfall. Und über Kunst lässt sich ja bekanntlich streiten. Nachdem er sein Kunststudium 1985 aufgenommen hatte, griff er auch bald darauf zur Sprayflasche, weltweit: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Österreich, Russland, Schweiz, USA – überall, wo Kunst und Kultur zu vermuten war, drückte Baumgärtel sein Bananen-Siegel auf, das in seiner ganzen Pracht und Entfaltung in einer Serie von Ausstellungen – die im Jahr 2007 begann und voraussichtlich bis 2009 in wechselnden Zusammenhängen querbeet in der Republik zu sehen sein wird. Natürlich stritt auch da die Öffentlichkeit weiter, denn Baumgärtel hatte sich ein Symbolobjekt bzw. -motiv auserkoren, das in der Assoziation frei war. Wurde da womöglich die Kunst verhöhnt? (Jeff Koons ging noch weiter und ließ den biblischen Johannes porzellanglänzend mit Pinguin im Arm im Museum auftreten.) Die kritischen Stimmen sind wohl dünner geworden, das Bananen-Siegel ist längst zum Gütesiegel geworden – und wer weiß, wie viele Trittbrettsprayer schon nachgeholfen haben, ihr Haus zum Bananentempel hoch zu stilisieren.

 

Baumgärtel selbst hat das Konzept entwickelt und gemeinsam mit dem Schwetzinger Kunstverein und dem Heidelberger Kehrer-Verlag ein Bananenpanorama vorgelegt, das zum einen ein pures Vergnügen darstellt und zum anderen eine Brücke schafft zu einem ganz anderen Baumgärtel-Werk, das sich in verfremdenden Gemälden mit der Alltagswelt (Konsum) genauso befasst wie mit der deutschen Vergangenheit (Nationalsozialismus), in Städte- und Landschaftsbildern wird man zuweilen an Gerhard Richter erinnert. Doch immer ist Baumgärtel sich klar darüber, dass die Freiheit zwar in der Kunst in dieser oder anderer Richtung verlaufen, in der Banalität oder im Bösen verankert sein kann – aber am Ende heißt es doch: »Kunst ist Banane« (Th. B.), was nicht heißt: einerlei, sondern frei. Mit einem beachtlich satirischen Witz und einer anarchischen Unverfrorenheit hält Baumgärtel die Balance zwischen politischem Künstler und schalkhaftem Komödianten. Einmal kriegt Ex-Kanzler Kohl eine Banane verpasst, ein anderes Mal schippert Snoopy auf einer Banane durch die Welt – und gelegentlich reichen auch schon zwei leuchtgelb aufgesprühte Kathedraltürme im Hintergrund eines Ölgemäldes, um die gar nicht anwesende Frucht zu vergegenwärtigen.

 

Der sehr schön gestaltete Katalog bietet neben klugen Essays auch die Projekte und eben das ganze Spektrum eines reichhaltigen Schaffens, wie es in den verschiedenen Ausstellungsstationen nur ausschnitthaft gezeigt werden kann. Zum genussvollen Blättern fehlt also allenfalls der Affen und der Menschen liebstes Obst in natura.

Weitere Informationen

Neue Kunst Gallery:

Öffnungszeiten

Dienstag/ Mittwoch 10–13, 15-19 Uhr

Donnerstag/ Freitag 10–13, 15-20 Uhr

Samstag 14-18 Uhr

 

Kunstverein Schwetzingen:

Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag 10–12, 13–18 Uhr

 

Diese Seite teilen