Buchrezensionen, Rezensionen

Thomas Buchardt: Ulrich Rückriem. Arbeiten in Nordrhein-Westfalen, Kerber 2011

Ulrich Rückriem ist für seine minimalistischen Skulpturen bekannt. Das Bundesland Nordrhein-Westfalen erweist sich für sein Werk, nicht nur als Ort der Lehre, sondern auch als Ort des künstlerischen Schaffens, als maßgebend. Im Kerber-Verlag ist jüngst eine Werksdarstellung zu Rückriem erschienen. In dieser widmet sich Thomas Buchardt nicht nur der künstlerisch-gedanklichen „Verortung“ Rückriems, sondern erläutert auch die Ortsgebundenheit seiner Kunstwerke. Günter Baumann hat sich das Buch für PKG angesehen.

In den letzten Jahren ist es ruhiger um Ulrich Rückriem geworden, aber dennoch gehört er zu den  Künstlern, die einigermaßen konstant im Bewusstsein verankert sind. Das liegt wohl besonders daran, dass seine Skulpturen weniger im Museum als im öffentlichen Raum positioniert sind, zudem sie trotz einer häufig stelenhaften Unnahbarkeit eine nahezu magische Anziehungskraft ausüben, die Begeisterung und Ablehnung gleichermaßen hervorruft – gleichgültig geht man nicht an ihnen vorbei.

Nun hat der Kerber Verlag einen handlichen Führer zu Rückriems Werk in Nordrhein-Westfalen herausgebracht, wo der 1938 in Düsseldorf geborene und in Köln lebende Künstler bis heute seinen Lebensmittelpunkt hat – wobei er sicher sein internationales Renommee als Professor erst richtig am Frankfurter Städel entfalten konnte. Über 50 Nummern verzeichnet die weitgehend auf die Freiplastik bezogene Auswahl, in der jeder Beschreibung eine exzellente Abbildung zur Seite gestellt wird. Ausnahmsweise tauchen darunter auch malerisch-grafische Wandarbeiten auf. Die Adressen unter den alphabetisch geordneten Standorten weisen den Weg, wenn auch verständlicherweise auf eine Karte verzichtet wurde. Schließlich hätte es doch zu vieler Detailpläne bedurft. Ein solches Buch wünschte man sich für andere Bildhauer auch.

Der gelernte Steinmetz und einstige Domhüttenmitarbeiter in Köln ist einer der einfühlsamsten Gefährten des Steins, bevorzugt des Anröchter Dolomits. Das klingt vielleicht hochtrabend, doch wer den Prozess von Rückriems Arbeit beobachtet, der in der Einleitung des Buches eindrücklich beschrieben ist, findet eine einfache Idee der Kooperation: Der Bildhauer geht von der „Natur“ des Steins aus – der Dolomit lässt sich in einigermaßen geometrischer Form aus dem Steinbruch herausschlagen – , bricht ihn auf, überführt ihn dadurch auf die Ebene der Kunst, um ihn dann denkbar naturnah wieder zusammenzufügen. Auf gewisse Art verletzt Rückriem den Stein, um ihn im Anschluss zu sanieren, der Preis der entstandenen „Narben“ – um im Bild zu bleiben – ist die Aufmerksamkeit, die der Stein für sich gewinnen kann.

Ohne den kaum sichtbaren künstlerischen Eingriff wäre der Stein eben nur, was er einmal war: ein unbeachteter Stein. Dem ist das freilich einerlei, der Anthropomorphismus hat allein seine Berechtigung darin, dass der Mensch sich der Natur bewusst wird. Der imposante Rückriem-Kurzführer listet die Prämissen des Künstlers auf: (1) »Das Material, seine Form, seine Eigenschaften und Ausmaße beeinflussen und begrenzen meine bildnerische Tätigkeit.« – (2) »Arbeitsprozesse müssen ablesbar sein und dürfen nicht von nachfolgenden verwischt werden.« – (3) »Die von mir am Material vorgenommenen Bearbeitungen bestimmen das Objekt selbst.«

Ulrich Rückriem verzichtet auf Sockel, um seine Steine unmittelbar mit dem Grund und damit mit ihrer Umgebung zu verbinden. Dem trägt das Buch Rechnung, denn in den Kurzbeschreibungen geht der Autor Thomas Buchardt auf die Plätze ein, auf denen sich die Steine niederlassen, als seien sie die Wächter, Mahn- und Denkmale in einem. Hier erweisen sich die Steine auch als Partner der umliegenden Architektur. Faszinierende Motive tun sich auf, die dem weitgehend naturbelassenen Stein eine größtmögliche künstlerische Idee einschreiben: So entwarf Rückriem für Bonn eines der hinreißendsten Heinrich-Heine-Denkmale überhaupt, das nur in einer eingelassenen, geschliffenen Innenseite des mit Bohrlöchern versehenen Steinquaders mit dem Schriftzug des Dichternamens aufwartet. Ein anderes Beispiel des sinnstiftenden Arbeitens ist die Gestaltung des Altars, des Ambos und des Rednerpults für die Pax-Christi-Gemeinde in Krefeld. Dass in allen Steinen des vielfachen Documenta-Teilnehmers (1972, 1982, 1987, 1992) und Biennale-Vertreters im Jahr 1978 ein enormes Potenzial steckt, zeigt jede einzelne Begegnung.

Man kann sie freilich in der ganzen Republik suchen, doch offenkundig ist Rückriems Werke nirgends in einer solchen Dichte präsent wie in Nordrhein-Westfalen. Wer seinen Spuren folgen will, hat in dem Buch einen verlässlichen Wegbegleiter. Darüber hinaus fungiert es als präzise Einleitung in das Gesamtwerk des Künstlers, die auch außerhalb von Nordrhein-Westfalen gilt. In der Preisklasse von unter 20 Euro gibt es kaum Vergleichbares.