Kunstspiele-Rezensionen

Thomas Fackler: „Troja – Das Spiel“, Prestel Verlag, München

Geduld und ein scharfes Auge zeichnen einen guten Archäologen aus, lernen wir aus dem Spiel „Troja“.

Hinzu kommt ein nicht zu unterschätzender Glücksfaktor. Da ist was dran. Und wenn es am Ende nicht allein um schnöde Siegpunkte geht, sondern darum, welcher Spieler die höchste wissenschaftliche Reputation genießt, merkt man, dass „Troja“ eifrig bemüht ist, die Arbeit eines Archäologen spielerisch erlebbar zu machen. Kein einfaches Thema, doch es gelingt Thomas Fackler mit Bravour. 

Begeben wir uns also auf die Spuren Schliemanns. Ausgraben – Erforschen – Publizieren. Diese drei Schlagworte umschreiben nicht nur die wesentlichen Tätigkeiten eines Archäologen, es sind auch die drei Phasen, die den Spielablauf bestimmen. Zunächst geht es darum, Fundstücke zu bergen. Erfreulicherweise muss man sich dazu (im Unterschied zum echten Archäologen) nicht die Finger schmutzig machen. Dafür kommt es umso mehr auf Fingerspitzengefühl an. Wild durcheinander gewürfelt liegen die Grabungsplättchen auf der Mitte des Spielplans. Es gilt sie vorsichtig zu bergen. Nun, die kleinen Kärtchen sind keine Mikadostäbe, aber auch hier ist der Spieler aufgefordert, die Plättchen so aufzunehmen, dass keine anderen dabei bewegt werden. Im Anschluss ist ein scharfes Auge gefragt, denn die geborgenen Kärtchen sind fünf verschiedenen Grabungsschichten Trojas zuzuordnen. In diesem Puzzleelement liegt der größte Reiz des Spiels – und zugleich ein Schwachpunkt. Die fünf Grabungsschichten sind zwar durch verschiedene Symbole gekennzeichnet, doch es ist zunächst gar nicht so einfach, zu erkennen, an welcher Stelle die Funde anzulegen sind. Das Liniengespinst auf der Vorlage und den Kärtchen ist derart fein gezeichnet, dass man schon genau hinschauen muss. Das findet, verdeckt vor den allzu neugierigen Augen der Mitspieler hinter einem Grabungszelt aus Pappe statt, und kostet vor allem Zeit. Mitunter muss man dabei für seine Mitspieler viel Geduld aufbringen. Die feinen Höhenlinien auf den Plättchen verstärken zwar die Authentizität, doch wäre hier mit Blick auf ein schnelleres Agieren einer vereinfachenden graphischen Gestaltung der Vorzug zu geben. Hat man das Spiel jedoch öfter gespielt (oder von Natur aus Adleraugen), kann man sich, was natürlich etwas unfair ist, bereits beim Herausfischen aus dem Grabungshügel gezielt auf die Plättchen konzentrieren, die die meisten Punkte einbringen (diese sind, auch wenn sie verdeckt liegen, anhand des auf der Rückseite abgebildeten Liniennetzes mit etwas Übung leicht zu erkennen). Denn – auch hier simuliert das Spiel gekonnt die Wirklichkeit – nicht immer ist das Glück dem Archäologen hold: nur allzu oft stößt man auf Grabungsschutt. Doch dieser kann durchaus auch noch zu gewinnbringenden Punkten verhelfen. In der Veröffentlichungsphase geht es darum, die geborgenen und erforschten Plättchen wieder auf den Puzzlevorlagen der fünf Grabungsschichten zu platzieren, möglichst so, dass sich größere Ketten bilden. Belohnt wird das mit Reputationspunkten. 

Fortsetzung von Seite 1

„Troja“ wurde von der Jury des „Spiel des Jahres“ 2001 mit einem Sonderpreis in der Kategorie „Geschichte im Spiel“ bedacht. Es ist aber nicht allein der hehre wissenschaftliche Anspruch – das Spiel entstand in enger Kooperation mit dem Troja-Grabungssteam um Prof. Dr. Korfmann – der besticht, es ist vor allem die gediegene Ausstattung, die sich möglicherweise nicht zuletzt dem DaimlerChrysler Konzern, der die Ausgrabungen in Troja fördert und auch das Spiel in Auftrag gegeben hat, verdankt. Edles Spielmaterial, eine ebenso klare wie übersichtliche Spielanleitung und eine einführende, reich bebildete Broschüre zum Thema Troja gehören dazu.

Spielt man das Ausgrabungsspiel zu zweit, sind die Möglichkeiten, taktisch zu agieren, um etwa möglichst lange Ketten zu publizieren, weitaus größer. Bei vier Spielern ist der Konkurrenzkampf naturgemäß härter und es kommt viel stärker darauf an, wann man welche Aktion (Ausgraben/Erforschen/Veröffentlichen) machen möchte. Sind alle Karten, die bestimmen, in welcher Reihenfolge die Spieler ihre Aktionen ausführen, ausgespielt, ist das Spiel beendet. Das graphisch anspruchsvoll aufgemachte, aber nicht allzu komplexe Spiel ist ein originelles Geschenk für alle Archäologieinteressierten.