Ausstellungsbesprechungen

Thomas Meier-Castel – Von der Nadel zur Flex, Galerie der Stadt Albstadt, bis 25. Januar 2009

Retardierende Momente wollen es – weniger noch auf der Tragödienbühne als im wirklichen Leben –, dass der Ruhm eines Künstlers seine Bekanntheit im zeitlichen Abstand folgt. Dies wird nirgends deutlicher als beim viel zu frühen Tod eines Menschen, der drauf und dran ist, die vordere Reihe zu erreichen.

Es ist zu denken an den Bildhauer Andreas von Weizsäcker, dem Sohn des Alt-Bundespräsidenten, der im Sommer, 52-jährig, seiner schweren Krankheit erlag, während er an seiner Ausstellung in Eislingen arbeitete. Und es ist zu denken an Thomas Meier-Castel, der noch vor seinem 60. Lebensjahr im September starb, einen Monat, bevor er den renommierten Felix-Hollenberg-Preis hätte erhalten sollen. Die Tragödie holte die Wirklichkeit diesmal sogar ein. Im Falle von Weizsäckers wurde die Ausstellung schweren Herzens gestoppt und aus dem Programm genommen, im Fall Meier-Castels hat die Galerie der Stadt Albstadt die geplante Schau zur Gedenkausstellung erhoben, weil schon der zum siebten Mal in Verbindung mit der Galerie vergebene Hollenberg-Preis eine Kontinuität nahe legte. Beiden Haltungen gebührt der größte Respekt.

Mit retrospektivem Anspruch geht nun die Ausstellung der Galerie Albstadt bis 25. Januar 2009, die nun zumal das letzte Projekt Thomas Meier-Castels ist, ins Rennen. Einmal mehr wird deutlich, dass hier in der Geschichte der Radierung ein neues Kapitel aufgeschlagen worden ist, das auch noch postum weiter tragen wird. Meier-Castel war es, der dem Tiefdruckverfahren eine größere Basis, sprich ein größeres Format gewann (zwei auf einen Meter sind keine Seltenheit!), und er begnügte sich nicht mehr mit dem Stichel, sondern erweiterte sein Werkzeugspektrum um die Flex. Was für die Plastik freilich längst eingeführt ist (wenn auch erst in jüngerer Zeit Bildhauer wie Dieter Kränzlein mit dem schweren Gerät feinfühlige Zeichnungen in den Stein graben), ist der Einsatz in der Grafik durchaus ungewöhnlich. Im Holzschnitt, dem Material nach näher an der Bildhauerei, hat Gert Fabritius die Flex eingesetzt und damit dem Hochdruck im Gefolge HAP Grieshabers neue Wege gewiesen. In der Radierung war es Meier-Castel, der radikal Schluss machte mit der im Grund salonfähigen »Griffelkunst«: In vollem Körpereinsatz malträtierte er die Metallplatten, mehr noch, er verließ das Atelier und suchte geschichtsträchtige Orte wie das Brandenburger Tor zu Zeiten des Mauerfalls oder die ehemaligen Schlachtfelder von Verdun, setzte dem Material mit Schleifmaschinen zu oder schleifte die Platten mit dem Motorrad oder dem Auto hinter sich her. Wenn er sich dabei als »Freiluftradierer« ansah, sprach daraus eine doppelbödige Ironie, ging es ihm doch nicht um die Einbindung atmosphärischer Eindrücke, sondern die Aggressivität unserer Umgebung, nennt man sie nun Natur oder Gesellschaft. »Meine Kunst erwächst aus permanentem Unterwegssein, die Radierspuren sind Seismographien von Begegnungen, Aufzeichnungen von allem, was es überhaupt gibt«, so das Credo, nunmehr Vermächtnis des großartigen Künstlers.

Die Größe macht sich nicht allein im konzeptionellen Anspruch bemerkbar, und nicht im grobschlächtigen Experiment. Es ist die gerade hier atemberaubende kontemplative Haltung, in der die Arbeiten dann in die museale Heimat zurückkehren. Sowohl in der Verletzbarkeit der Linie wie in der Poesie malerischer Effekte zeigen sich die Arbeiten Meier-Castels als hochsensibel. Ihnen ist weder die bedrohliche Ausdruckstiefe fremd noch eine schillernde Leichtmütigkeit. Hier liegt übrigens auch Nähe zu dem landschaftlich-topographischen Felix Hollenberg einerseits, nach dem der Preis benannt ist, wie die zum ersten Preisträger von 1992, Jürgen Palmtag (der jedoch auch feingliedriger und grobflächiger zugleich ist). Größere Distanz gewährt der Vergleich mit den anderen Gewinnern des Hollenberg-Preises: Ulrich Brauchle, Petra Kasten, Dietrich Klinge, Thomas Ruppel und Hanns Schimansky. So intensiv Meier-Castel auch die äußersten Grenzen der Radierung markiert, so innig bleibt er dem Tiefdruck verhaftet. Wenn man beispielsweise eine filigran-flüchtig dahingeworfene Radierung der Bildhauerin G. Angelika Wetzel dagegen halten würde, die von einer Graphitzeichnung nur noch durch den Quetschrand zu unterscheiden ist, erkennt man die Werk-Treue, die den Arbeiten Meier-Castels inne wohnt. Die Papiere vermitteln noch immer den Zustand der Metalloberfläche, ihre Schürf- und Schleifverletzungen, ihre Kratzer und Schrammen. »Ich muss die Materie durchdringen«, so der Künstler, »und ihr meine Sensibilität aufdrücken«.

Zu Lebzeiten meinte Thomas Meier-Kastel, sein »Unterwegssein« gehöre zu seiner »künstlerischen Existenz«. Sein Unterwegssein musste er einer anderen Seinsstufe überantworten, seine künstlerische Existenz bleibt in seinem Werk bestehen.

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Öffnungszeiten
Dienstag bis Freitag 11 – 13 Uhr und 14 – 17 Uhr
Samstag, Sonntag, feiertags 11 – 17 Uhr durchgehend
(24., 25. und 31. Dezember geschlossen)

Katalog
Thomas Meier-Castel. Felix-Hollenbach-Preis 2008. Hrsg. von der Galerie Albstadt. Albstadt 2008.
ISBN 978-3-934439-29-0