Ausstellungsbesprechungen

Thomas Schütte – Big Buildings. Modelle und Ansichten, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, bis 1. November 2010

Thomas Schütte ist es in den vergangenen drei Jahrzehnten gelungen, klassische Bereiche der bildenden Kunst, die von einer Avantgarde der 1960er und 1970er Jahre als Folklore und Kitsch abgelehnt worden sind, wieder für die künstlerische Kreativität zurückzuerobern und als gesellschaftlich und ästhetisch hochbrisant zu etablieren. Günter Baumann hat sich die Ausstellung angesehen.

Thomas Schütte lässt seine Helden im Matsch stehen: Einst schuf man Heroen hoch zu Ross oder auf hohen Sockeln, was die Taten der regelrecht in den Himmel Gelobten nicht immer auch besser machte (in der Regel führten sie Kriege); mit der Ernüchterung besseren Wissens und der historischen Relativierung holte man die denkmalwürdigen Gestalten vom Sockel, präsentierte sie aber auf Augenhöhe – Helden wie du und ich –; Schütte nun versenkt seine zum Antihelden mutierten Männer knietief im gipsernen oder bronzenen Schlamm, wobei diese potentielle Demütigung durch die teilweise monumentale Darstellung noch gesteigert wird. Großes Wollen, auch mal mit Wünschelrute in der Hand – und doch nicht können, weil man feststeckt, der Karren ist festgefahren, das heißt wir selbst stecken fest in unserer Gedankenwelt. Schütte geht noch weiter: In seiner Serie der »Kleinen Geister« zieht er aus den schlammständigen Steckenbleibern Konsequenzen und holt sie zwar aus dem Sumpf, aber statt befreiter finden wir ganz und gar verschlammte Geister vor. Dem Manne kann nicht geholfen werden.

Soweit zum Menschenbild im genial-anarchischen und fantasiestrotzend-frechen Werk von Thomas Schütte, der in der hochnoblen Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn ausstellt, durchaus angemessen, ist er doch u.a. mehrmaliger Documenta-Teilnehmer und Preisträger des Goldenen Löwen der Biennale von Venedig 2005 (und man darf hier nicht verschweigen, rückblickend tatsächlich einer der nachhaltig eindrucksvollsten Künstler, die auch noch fünf Jahre danach im Gedächtnis hängen blieben). Es geht in Bonn jedoch nicht nur um das Menschenbild – das Knetpersonal bleibt weitgehen ausgespart –, sondern auch oder insbesondere um seine »Big Buildings – Modelle und Ansichten« , so der Titel der großartigen Themenschau, die so üppig ausfällt, dass man ihr schon eine retrospektive Größe zugestehen will. Tatsächlich gewährt sie einen Blick auf das gesamte Schaffen von Thomas Schütte, dem es letztlich immer um den Menschen geht: Das wird auch in seinen Architekturmodellen deutlich, sei es, dass sie als Bühnenbilder der schauspielerischen Darstellung(ssucht) assistieren, oder dass sie als Provokation sogar personifiziert werden, so bei Arbeiten wie »Ferienhaus für Terroristen« oder seinen »One Man Houses«, die die Wahrnehmung architektonischer Formen unmittelbar an die menschliche Existenz binden. Die Architektur ist meist transparent, so dass man ihre Bewohner schon fast sinnlich wittert – nur sind sie selten auch anwesend, sozusagen geistig auch anwesend, als würden sie sich verstecken (da wäre er wieder, im übertragenen Sinn: im Schlamm des undurchdringbaren Daseins). Da gerät denn auch die Klarheit der Hausmodelle ins Wanken, wie es die »Blaue Burg« oder das »Haus für den schüchternen Verleger« vorführen. Wenn man dann noch die fragwürdigen Beschützer des irdischen Seins in Form von kleinen, filigran-fragilen Fimo-Goldpapier-Engeln oder großen Blech-Engel-Ungeheuern hinzunimmt – vom »Vater Staat« ganz zu schweigen, sind wir auch schon mitten im Leben, zumindest im künstlerisch-ästhetisch brillantesten Sinne.

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