Ausstellungsbesprechungen

Thomas Struth - Fotografien 1978 – 2010, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, bis 19. Juni 2011

Mit einer drängelnden Menschentraube vor und einem gewaltigen Bildspektakel im K 20 fand am 25.02.2011 die Vernissage zu der Retrospektive des künstlerischen Werks von Thomas Struth, das seine Schaffensperiode von 1978 bis 2010 umfasst, statt. Min-young Jeon hat sich mit dieser umfangreichen Ausstellung auseinandergesetzt.

Die Ausstellung umfasst über hundert Fotografien des in Geldern geborenen und an der Düsseldorfer Kunstakademie ausgebildeten Künstlers. Sowohl seine frühe Schaffensphase mit den Werkserien der kleinformatigen schwarzweißen ‚Straßenbilder’, der ‚Familienportraits’, der großformatigen ‚Museumsfotografien’ als auch seine aktuellen Werkserien der ‚Paradiesbilder’ und der fotografischen Sicht auf Industrieanlagen werden huldigt.

Wer hätte eine derartige Besucherresonanz auf eine Fotografieausstellung eines deutschen Fotografen zur Zeit der frühesten Werkserie Struths im Jahre 1978 erahnen können. Wurde Fotografie als distinguierte Kunstform in Deutschland doch erst Ende der 1960er – Anfang der 1970er Jahre als Ausstellungsobjekt in Galerien und Museen salonfähig. Aus meist kritischen Blickwinkeln betrachtet, wurde Fotografie als Abbild von Realität und in ihrer Abhängigkeit vom technischen Apparat eher als Dokumentationsmittel oder zu Reportagezwecken als brauchbar erachtet.

Als Thomas Struth 1973 sein Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf aufnimmt, widmet er sich zunächst der Malerei als Schüler Gerhard Richters. Schon bald jedoch weckt das fotografische Medium sein besonderes Interesse und er wechselt in die Fotografieklasse von Bernd und Hilla Becher. Ihr dokumentarischer Stil, der angelehnt ist an den ‚documentary style’ des amerikanischen Fotografen Walker Evans, zeichnet sich durch eine besondere Systematisierung des fotografischen Blicks aus: als Sujet dienten ihnen alles, was sich in stillgelegten Industrieanlagen findet: vom Wasserbehältern bis zu den Fördertürmen. Es wurde ein einheitliches kleines Format gewählt, fotografiert wurde meist von einem leicht erhöhten Betrachterstandpunkt und bei gleichmäßigem Licht. Geprägt vom Zeitgeist der 1960er Jahre und im Kontext der Minimal Art entstanden, erhielt die konzeptuelle Idee als ein Schritt, der der Fotografie vorgelagert ist, einen eigenen Wert im künstlerischen Schaffensprozess von Bernd und Hilla Becher.

Die Fotografie als Mittel zur Sichtbarmachung und Gegenstand der Untersuchung wurde für Thomas Struth im Rahmen seiner Studien der Schriften Walter Benjamins zu einem Mittel der Erkenntnis. In Erinnerung an die Fotografien Eugene Atgets, der im Auftrag hunderte Fotografien von Paris zu Dokumentationszwecken aufgenommen hatte, verweist Benjamin auf das Aufblitzen von Geschichte in Atgets Fotografien, die in ihrem Charakter an ‚Tatorte’ erinnern.

Das Werk von Thomas Struth, das er selbst in – zum Teil offenen – Serien strukturiert verweist auf einen untersuchenden Charakter und einen sensiblen ästhetischen Blick des Künstlers. Die meist über mehrere Jahre entstandenen – Werkserien, von denen die meisten als offene Projekte angelegt wurden, haben jeweils ein übergeordnetes Thema, das in mehreren Fotografien aufgefächert wird.

Gezeigt werden diese – angeordnet in einem dialogischen Prinzip – im Erdgeschoss des K 20 in der Kleehalle und der Grabbehalle. In der Kleehalle werden neuere großformatige ‚Straßenbilder’ aus Südkorea und den USA einem Komplex aus vereinzelten ‚Familienportraits’ gegenüber gestellt. Sowie neuere megalomane Bildformate, die Industrieanlagen zeigen mit Bildern von Kirchenansichten Italiens präsentiert. Ein weiterer Dialog wird gebildet aus den ‚Audiences’ und den ‚Museumsfotografien’ mit den ‚Familienportraits’ bekannter Persönlichkeiten.

Die Grabbehalle zeigt ergänzend in einer besonders gelungenen Ausstellungspräsentation einen Dialog aus schwarzweißen ‚Straßenbildern’ und strahlend grünen ‚Paradiesbildern’ in Maßen, die an die frühen Historienbilder erinnern. Präsentiert im cleanen Schick des musealen White Cube stechen die präzisen fotografischen Bilder und vor allem die intensiv leuchtenden Farbfotografien besonders hervor.

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Die Entwicklungen, die sich an den Fotografien Struths ablesen lassen, spiegeln nicht nur die eigene persönliche Entwicklung des Künstlers, sondern vor allem auch und das macht Thomas Struth für die heutige Zeit so spannend, die Entwicklung eines Mediums in Zeiten des digitalen Umbruchs wider. Struths Fotografien beweisen in dieser Ausstellung, dass sie mehr sind als nur Dokumente und Abbildungen. Sie bieten eine Fläche der Reflektion und Auseinandersetzung mit den eigenen wie den gesellschaftspolitischen Umbrüchen und vor allem sind sie als ästhetische Artefakte vom heutigen Kunstgeschehen nicht mehr wegzudenken.

Das K 20 präsentiert mit dieser Retrospektive zu Thomas Struth eine gewaltige spannungsgeladene Bilderschau und trifft gerade mit einer Ausstellung zum fotografischen Bild den – von sozialen Netzwerken und medialer Omnipräsenz geprägten – Zeitgeist.

Ausstellungskatalog

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen. Mit hochaufgelösten Bildern, interessanten Essays und einem informativen und bündigen Überblick über die bisherigen Werkkomplexe von Thomas Struth kann der Leser die Retrospektive Revue passieren lassen.

Auch im Katalog findet man die Fotografien der einzelnen Werkkomplexe zu einer Gruppe zusammen gefügt. Die Bildqualität der Abbildungen überzeugt durch Präzision und Farbintensität. Dies ermöglicht dem Leser eine intensive Auseinandersetzung mit den in der Ausstellung übergroß präsentierten Fotografien. Hier wird noch einmal der sensible Blick des Künstlers für formalästhetische Details und Präzision deutlich.

Die Essays, die unter anderem von Armin Zweite und Anette Kruszynski beigesteuert wurden, geben einen Einblick in das komplexe konzeptionelle Werk Thomas Struths. Während Anette Kruszynski sich um eine überblicksartige Gesamtschau des künstlerischen Werkkomplexes bemüht, stellt Armin Zweite aktuelle forschungsrelevante Fragen in den Fokus seines Diskurses und setzt neuere Einzelwerke des Künstlers in einen historischen und ästhetischen Kontext.

Die Liebe des Gestalters Fernando Gutiérrez zum Detail zeigt sich nicht nur in der Behandlung des Bildmaterials, dem auf Glanzpapier gedruckt, Raum zur ästhetischen Entfaltung geboten wird, sondern vor allem in dem Überblick über die bisherigen Werkgruppen des Künstlers. In Kurztexten von Tobia Bezzola und James Lingwood werden die in der Ausstellung gezeigten Fotografien in ihren jeweiligen Werkkomplex gebündelt und mit kleinen farbigen Abbildungen ergänzt.

Der Katalog ist klar strukturiert und bietet dem Leser dank der zahlreichen Abbildungen einen umfangreichen Überblick über das künstlerische Werk von Thomas Struth. Ausstellung und Katalog sind sehr gelungen und nur zu empfehlen.

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