Ausstellungsbesprechungen

Thomas Struth, Situation Kunst (für Max Imdahl) Bochum, bis 10. April 2011

Mit der kleinformatigen Fotografie »Am Kreuzacker, Duisburg« (1985) eröffnet der Fotokünstler Thomas Struth seine Mini-Retrospektive im Neubauwürfel des ehemaligen Haus Weitmar. Heute ein kleiner, aber doch feiner Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst. Kein exotischer Auftakt für einen vielgereisten Künstler, der dem breiten Publikum mit großformatigen Bildern von satten Dschungel-Paradiesen sowie den »Museums Photographs« bekannt ist. Es ähnelt einer architektonischen mise-en-abyme Bild-Konstruktion, die genau an dieser Stelle den Besucher zu einer Verortung seiner selbst drängt. Katharina Hohenhörst hat sich die Ausstellung für PKG angeschaut.

Im fensterlosen White Cube des Ausstellungsortes, der inmitten eines Parkes liegt, vermitteln sich die städtebaulichen Sünden nicht. Biegt man nur wenige Straßenzüge vorher ab, muss man nicht lange suchen. Zwar trügt heute der gern verwendete bonbonfarbene Anstrich darüber hinweg, aber die großen architektonischen Utopien „Wohnraum für alle“ haben sich nirgendwo so tief eingeschrieben wie im Ruhrgebiet. Vor und nach dem Zweiten Weltkrieg ist es die Schwerindustrie und der Kohleabbau, die ihren Arbeitern in der Nähe der Produktionsstätten ein Heim gaben. Hierzu wurden die damals modernen Architekten, wie Bruno und Max Taut sowie Schüler von Gropius und Mies van der Rohe gerufen, um die genormten Lebenszellen zu entwerfen. Die Siedlungsgeschichte Deutschlands ist umfangreich, gemeinsam ist den Projekten, dass diese Art von sozialem Wohnungsbau gescheitert ist.

Erst der langsame, konzentrierte Blick auf die Fotografie »Am Kreuzacker« offenbart die modernistische Fassadenstruktur, die rhythmisch ungleichmäßige Abfolge von quadratischen Wohnraum- und rechteckigen Treppenhausfenstern. Die präzise Symmetrie der Mezzanin-Geschossluken, das elegante dünne Flachdach sowie die proportional angeordneten Kamine zeugen von Konzeptideen des Neuen Bauens. Die Szene heute zeigt, dass der ambitionierte, profitable Strukturwandel sich ummittelbar auf die Außenhaut der einstigen Arbeiterbehausungen niedergeschlagen hat. Die fischschuppenartige Gebäudeverkleidung, Plastikblumen und der Abstellplatz für den Mittelklassewagen sind die erarbeiteten Errungenschaften.

Thomas Struth beschäftigt sich seit Beginn seiner künstlerischen Laufbahn Mitte der 70er Jahre mit Architektur und städtebaulichen Situationen. Zunächst in seiner näheren Umgebung, den Straßen von Düsseldorf. Ein Stipendium führt ihn nach New York, später Köln, München und Brüssel. Zwischen 1979 und 1980 fotografiert er in Paris das in den 70er Jahren entstandene gigantische Wohnungsbauprojekt Beaugrenelle, eine entrückte Stadt in der Stadt für die urbane Elite. In diesem Kontext steht der Arbeiterwohnblock »Am Kreuzacker«, welchen Struth, zusammen mit anderen kleinformatigen Aufnahmen zum Thema Architektur, unter dem Titel »Unbewusste Orte« verschlagwortet. Mit dieser Reihe von meist menschenlosen Fotografien kreiert er ein Kaleidoskop von Mentalitäten und Kulturen anhand von architektonischen Manifestationen, die bis heute Gültigkeit besitzen und Geschichte konservieren.

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Die empfohlene Langsamkeit der Rezeption schlägt sich in dieser Ausstellungsrezension nieder: Bislang wurde nur ein Bild besprochen. »Am Kreuzacker« bleibt die exponierte Ungerade der Ausstellung, die 8 weitere Fotografien, frühe Landschaften im weitesten Sinne (Paradiese und Nevada Wüste aus den 90ern) und eine letzte Museums-Bildreihe aus der Eremitage St. Petersburg (2005) zeigt. Paritätisch sind die Werke auf die zwei quadratischen Räume verteilt. Die Hängung ist auf korrespondierende Momente sowie dem Wechsel von Groß- zum Kleinformat angelegt. Auf jeder Wand ist nur ein Bildtableau platziert, was zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Motiv zwingt. Eine besondere Art der Nachhaltigkeit wird durch die konzentrierte Werkauswahl geschaffen.

In Bochum bemüht man dafür den Begriff der „photographischen Installation“, womit der Raumbezug doppelt unterstrichen wird. Zudem entsteht eine fortlaufende Geschichte beim Drehen im Raum.

Das einzige farblose »Paradise 8, Daintree Australien« (1998), in der Serie der großformatigen Dschungelbilder, unterscheidet sich in der Komposition mit Wegschneise (Bloomfield Track) von den bekannten, undurchdringlichen all-over Geschlinge der satten grünen Paradiese. Grafisch, vorwiegend in Schwarz- und Graustufen aufgelöst, moderiert es den Übergang zwischen den Kleinformaten »Am Kreuzacker« und der »Hörder Brückenstraße, Dortmund« (1986) zum streng vertikal ausgerichteten Bayerischen Wald bei Zwiesel, »Paradise 19« (1999). Um mit der nächsten Drehung wieder bei uns selbst zu landen, wie wir in diesem Moment der Kunstbetrachtung uns unangenehm in den Eremitage Touristen spiegeln.

Im anderen Raum der Ausstellung eröffnet uns Struth die endlosen Weiten mittels der Fotografien »Nevada 2« (1999) und »Nevada 1« (1999). Erhabenheit der Natur und dergleichen Implikationen werden aufgerufen und transportieren doch nicht adäquat die Mühsal der abgerungenen Zivilisation sowie die Enteignung der Urbevölkerung. Vielmehr ist es die Erdkrümmung, die Oberflächenbeschaffenheit, die Weite, die in Bochum die Enge durchbricht. „Freiheit!“möchte man rufen. Nichts außer Landschaft ist abgebildet. Nichts, was es zu entdecken gäbe – nur wenige Goldgräberhütten. Dazwischen platziert Struth die Fülle, das »Paradise 12, (Xi Shuang Banna), Yunnan Province, China« (1999). Das Konzept der All-over-Struktur als ein tabula rasa-Moment, eine gedankliche Reinigung, greift die Leere der Wüstenaufnahmen inhaltlich auf.

Zurückgeworfen durch den Blick (über die Garagenplätze) auf »St. Salvator, Duisburg« (1985), endet hier Struths Angebot. Wie das die Kirche umringende eklektische Stadtensemble, stellen die Bilder unterschiedliche Modi des Lebens dar. Dies zu erspüren, erfordert Zeit.

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