Rezensionen

Till Schröder: Frans Haacken. Zeichner zwischen 3 Welten. Eine bibliographische Expedition in Buch, Film und Graphik. Gretanton Verlag 2012

Frans Haacken (1911-1979) war ein deutscher Grafiker, dessen Werk international bekannt wurde durch seine Illustrationen für Prokofjews »Peter und der Wolf«. Beeinflusst wurde er von der expressionistischen Grafik und der grotesken Überzeichnung der Neuen Sachlichkeit. Nun wurde der mittlerweile fast vergessene Künstler mit einer umfassenden Monografie geehrt, die Christian Welzbacher begeistert hat.

Frans Haacken. Zeichner zwischen 3 Welten © Cover Gretanton Verlag
Frans Haacken. Zeichner zwischen 3 Welten © Cover Gretanton Verlag

Dieses Buch ist eine Augenweide. Es ist wunderbar gemacht in jeder Hinsicht: Akribisch recherchiert, gut lesbar geschrieben, mit Liebe gesetzt, ordentlich gedruckt – ein Buch, wie Bücher sein sollten, es aber doch in den seltensten Fällen sind. Deshalb ist dieses Buch eine rühmliche Ausnahme, zumal im übersättigten Segment des notorisch lieblos produzierten Kunstbuchmarkts. Dabei geht es in diesem Buch um einen Unbekannten, einen Vergessenen, zudem einen, der sich in einem Randbereich der Kunst tummelte, dem von der Kunstgeschichte sträflich vernachlässigten Metier der Grafik. Der Mann im Mittelpunkt dieser herrlichen Monografie heißt Frans Haacken und lebte von 1911 bis 1979.

Unter Haackens Werken ist vor allem eines noch immer lieferbar, sein 1958 entstandener Bildzyklus zu Sergej Prokofjews musikalischem Märchen „Peter und der Wolf“ – dieses Buch (in seiner heutigen Erscheinung) wiederum ist ein echtes Ärgernis, da der Beltz-Verlag nicht imstande ist, es ordentlich verleimen zu lassen, sodass der Band, will man Haackens über den Mittelfalz ragende Bilder (die übrigens mit wenigen genau gesetzten Linien auskommen) ganz genießen, auseinanderfällt.

Till Schröders Überblick über Haackens Gesamtschaffen bereitet das Werk mustergültig auf. Ein ausführlicher, mit bibliografischen Information zum bersten gespickter Katalog nimmt den hinteren Teil des Bandes ein; den vorderen ein biografischer Essay, unterbrochen durch eingeschobene knappe thematische Betrachtungen (etwa zum „Trickfilm“, in dem sich Haacken ebenfalls übte, zu den „Feder-“ oder “Schabzeichnungen“ und anderen von Haacken bedienten Techniken). Man erfährt viel, ja genug und dies ohne Längen. Auch das eine Stärke des vorliegenden Bandes.

Fortsetzung von Seite 1

Haackens Stil der 1930er bis 1960er Jahre ist unverkennbar modern, aber konservativ abgemildert, wenngleich er sich (was besonders bei den markigen Holzschnitten auffällt) an den Expressionismus anlehnte. Viele Zeichnungen wirken vordergründig naiv, man muss genau hinschauen, um die graphisch-optische Raffinesse, aber auch die versteckten Gesellschaftskommentare zu erkennen. Ein kritischer Künstler aber, im Sinne des politischen Engagements, für das in den 1920er Jahren vor allem linke Grafiker etwa aus dem Umfeld des Malik-Verlags standen, war Haacken (von wenigen Ausnahmen abgesehen) nicht, eher ein Mitläufer, der auch im Nationalsozialismus seine Karriere pflegte, mit „rechten“ Ergebnissen. Probleme erwuchsen ihm daraus nicht. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg, als einst verfemte Autoren wieder gedruckt, ihre Texte neu verbreitet wurden, illustrierte er eine ganze Reihe von Büchern Bert Brechts, darunter die Kalendergeschichten und den Dreigroschenroman. Bis zu seinem Tod blieb Haacken ein beliebter Grafiker, nicht zuletzt im Bereich des Kinder- und Jugendbuchs. Er gestaltete Buchreihen, Buchumschläge, fertigte Bilderzyklen und Illustrationen, hatte aber auch einigen Erfolg mit selbsterfundenen Bildgeschichten, meist heiter-ironisch, witzig (bezogen auf Story und Bild) im besten Sinne. Kurzum: ein hochinteressanter Künstler mit einem spannenden Werk.

Was die Monografie, allein schon ihrer Gattung nach, nicht in dem Maße leisten kann, wie man es sich bei diesem Gegenstand wünscht, ist die Einordnung von Haackens Werk in die größeren kunsthistorischen Zusammenhänge – wenngleich Schröder hierzu die thematischen Einschübe weidlich nutzt. So bereitet die vorliegende Studie alles vor, diese Einordnung vorzunehmen, beispielsweise in Form eines Überblicks zur Entwicklung der künstlerischen und Gebrauchsgrafik mit dem Schwerpunkt Buch in Deutschland und Europa seit 1945. Erst diese Weitung des Blicks wird ermöglichen, Haackens Schaffen noch stärker historisch-kritisch zu profilieren, die Unterschiede, Eigenarten, Besonderheiten seines Werkes begreifbar zu machen, ihn als herausragenden Künstler seiner Zeit zu würdigen. Und die Weitung des Blicks könnte noch mehr leisten: Endlich den kunsthistorischen Randbereich dorthin holen, wo er hingehört, nämlich ins Zentrum des Interesses. Man kann sich nur wünschen, dass sich dazu ein Autor von Till Schröders Format findet, der nicht nur das nötige Fachwissen, die Lust und das Verständnis mitbringt, sondern dies alles – als sein eigener Verleger und sogar Auslieferer (der Mann brachte mir das Buch persönlich vorbei, womit er das „Gesamtkunstwerk“ vollendete!) – auch noch in eine bibliophile Pretiose verwandelt.

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Das Buch kann direkt beim Verlag bestellt werden. link