Ausstellungsbesprechungen

Tim Eitel, Terrain

Tim Eitel (geb. 1971) gehört mittlerweile zu den wichtigsten (und teuersten) Malern der jüngeren Generation, die sich nicht scheut, selbstbewusst den Pinsel in die Hand zu nehmen: Mit der gegenständlich-traditionellen Tafelmalerei schafft er es wie kaum ein anderer, erfrischend neue Zeichen mit den herkömmlichen Mitteln der Malerei zu setzen. Aus dem schwäbischen »Ländle«, aus Leonberg, ist Eitel als angehender Student nach Halle und im Anschluss nach Leipzig gepilgert, um bei Arno Rink zu studieren – da hätte er es wohl selbst nicht gedacht, dass er bald darauf zum Kopf der »neuen Leipziger Malerschule« aufsteigen würde.

Der Reiz dieser Arbeiten liegt in der unbestimmten Nähe zu so unterschiedlichen Vorbildern wie Caspar David Friedrich und Piet Mondrian, die Eitel mit einer Portion Melancholie mischt. Was wie fotografiert wirkt in seiner realistischen Darstellung, erweist sich in Wirklichkeit als kühle Distanz, die ihren Grund in der rein malerischen, ja demonstrativen Flächigkeit hat. Heute wohnt Eitel in Berlin.

 

 

Backnang ist die dritte Station der Eitel-Ausstellung nach Schaffhausen in der Schweiz und Altkirch im Elsass, nun in leicht modifizierter Form. Dem Titel folgend, geht es im Werk von Tim Eitel darum, Terrain zu gewinnen – ein Begriff aus der Geografie: bezogen auf das ausschnitthafte Gelände, aber auch durchaus auf die Erdoberfläche, was die Möglichkeiten symbolischer Deutung eröffnet. Terrain gewinnen meint auch einen Platz einzunehmen, den die Malerei über Jahrhunderte inne hatte, dann jedoch an die Fotografie, Videokunst und neue Medien verlor. Keineswegs ist damit allerdings ein Rückschritt verbunden; vielmehr sind die medialen Künste an ihre eigenen Grenzen gestoßen und die Diskussion widmet sich auch wieder der figürlichen Malerei, die ja nie aufgegeben wurde. Unterm Strich ist hier also eine notwendige Korrektur zu verzeichnen. Darüber hinaus bedienen sich Eitel und seine Malerkollegen der Fotografie und des Videos als eine Art Skizze, eine »festhaltende Notiz« (Eitel) – »Ich versuche, Bilder zu konstruieren, die eigentlich nichts mit dem Foto zu tun haben und keine bloße Abbildung darstellen. Es sind innere Bilder, die ich mir mit Hilfe der Fotografie zusammensetze.«

 

Fortsetzung von Seite 1

Einflüsse holt sich der Künstler ausdrücklich in der Romantik mit ihrem Utopie-Potenzial, ohne jedoch einem unzeitgemäß sentimentalen Pantheismus zu erliegen, sowie in Einzelmotiven Piet Mondrians, die vor allem in den Museumsinterieurs zitiert werden – wobei Eitel Abstand von der abstrakten, selbstbespiegelnden Formensprache als solcher Abstand nimmt. Bei den Strandbildern standen dagegen Bilder aus Musikvideos Pate, die sich vor der Folie klassischer Landschaftsmalerei ausbreiten dürfen. Erklärt diese Vielfalt der Bezüge den Erfolg der Arbeiten? Sicher nicht allein. Denn auch derjenige, der weder Kunstgeschichte noch VIVA parat hat, kann sich der Wirkung kaum entziehen. Neben der technischen Versiertheit ist es besonders der Blick hinter nur vordergründig Zeitgeistiges, der Eitels Werk auszeichnet. Karg sind die gemalten Räume und Landschaften, die von wenigen Menschen bevölkert werden, die sich modisch als unsre Zeitgenossen erweisen. Unaufgeregt schlendern die meist jungen Leute einher, die Small-talk-Laune täuscht allerdings nicht darüber hinweg, dass die Protagonisten allesamt für sich, allein bleiben. »Vielleicht«, so schreibt Markus Stegmann im Katalog, »ist der Ort, den wir suchen, gar kein Ort, sondern ein Horizont. Sobald wir einen Horizont erreicht haben, kommt dahinter schon der nächste.«

 

Fortsetzung von Seite 2

Die Tradition der »Leipziger Schule« ist beeindruckend genug. In den 60er und 70er Jahren wurde sie geprägt von Bernhard Heisig – dessen Werk in einer prächtigen Ausstellung zur Zeit in Leipzig gezeigt wird –, Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer. Ihnen folgten Volker Stelzmann, Uwe Pfeifer und Arno Rink, der nun, zusammen mit seinem Assistenten Neo Rauch, als Vater der »Neuen Leipziger Schule« gepriesen wird. Sie ist internationaler und weniger expressiv in ihrem Realismus, zeichnet sich aber nach wie vor durch eine gegenstandsbezogene Thematik aus, wenn sie sich auch jeglicher Etikettierung verweigert. Zur Schule (ohne Schulzwang) gehören Steven Black, Christiane Baumgartner, Tim Eitel, Ricarda Roggan, Isabelle Dutoit, Paule Hammer, Martin Kobe, Christoph Ruckhäberle, Julia Schmidt, David Schnell u.a. Eitel gilt darunter als der Shooting Star. Es soll für seine Werke bereits Wartelisten geben wie einstmals für Autos – ein gutes Zeichen für die Malerei.

 

 

 

Öffnungszeiten

Di–Do, 17–19 Uhr

Fr–Sa, 17–20 Uhr

Sonntag 14–19 Uhr

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