Ausstellungsbesprechungen

Tobias Wyrzykowski – Es wären Orte, wo blaue Blumen wachsen, Galerie Rainer Wehr, Stuttgart, bis 10. Mai 2013

Tobias Wyrzykowski geht es in seinen künstlerischen Untersuchungen um Möglichkeiten der Entgrenzung der Malerei. Günter Baumann hat sich dem Newcomer aus der Nürnberger Akademie gewidmet.

Auf den ersten Blick sehen die Arbeiten des 1987 in Würzburg geborenen Tobias Wyrzykowski aus, als seien sie schneller entstanden als man braucht, seinen Namen auszusprechen. Doch wird man ihm da nicht gerecht, denn zum einen sind die Bilder farbig markierte Denkakte zur Malerei an sich, zum anderen sowohl Capriccios der Abstraktion als auch Chiffren der Landschaft. Der kühne Pinselstrich setzt mal lakonische Stakkato-Zeichen, mal differenzierte Flächen, zaubert hier ein Schiff auf die Leinwand und dort ein langgezogenes Riff.

Wyrzykowskis Arbeiten befassen sich indirekt mit der Romantik – darauf bezieht sich auch der gewitzt in den Konjunktiv gesetzte Titel, der das Sehnsuchtsmotiv der Blauen Blume bemüht –, wie sie sich an Meistern gegenstandsloser Kunst, namentlich Mondrian, abarbeiten.

Der Galerist Rainer Wehr bereist regelmäßig die Akademien zwischen Karlsruhe, München und Nürnberg. Immer wieder findet er dabei junge Künstler, die ein erstaunliches Potential haben und in Wehrs Galerie ein Sprungbrett zu einer möglichen Karriere erhalten. Zugegeben, der Markt ist hier gnadenlos, doch im Fall Wyrzykowski hat man einmal mehr den Eindruck, hier schlummere ein großes Talent.

Der 1987 in Würzburg geborene Künstler arbeitet wie andere seiner Generation in einer spannenden Phase der Neubegründung der Malerei, in der es eigentlich um deren Entgrenzung geht. Zum einen inhaltlich: etwas Vertrautes ganz anders zu denken, um einen neuen Zugang zu finden; zum anderen formal: aus der abstrakten Form konkrete Bezüge zu ziehen bzw. ein klassisches Thema wie die Landschaftsmalerei abstrakt zu unterlaufen. Das ist keine bahnbrechende Erkenntnis, doch hat sich selten die Romantik in ihren eigenen Auflösungserscheinungen, welche den Bezug tatsächlich – im Blick zurück nach vorn – modern macht, so in das Denken eines jungen Künstlers unsrer Zeit eingemischt. Er selbst findet sich in Novalis wieder: »Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.«

Praktisch taucht dann mal ein plastisches Element auf seiner im Grunde sparsam bemalten Leinwand auf, das der Rest getrockneter Farbe sein könnte (»Nacht, Fahne, Wolke, Stein«), aber doch gegen den dokumentarischen Anschein des Titels Fragen aufwirft. Ein andermal schraffiert Wyrzykowski mit dem Pinsel einen Streifen über ein abstraktes Bild und evoziert damit eine nahezu realistische Ansicht von – so der Titel – »Klippen und grüner Himmel«. Andere Gemälde wie »Objekte im Feld« sind fast schon euphemistisch, da sich beim besten Willen kein Objekt einstellt. Und immer wieder: Elemente, See (vom »Lavasee« bis zum »Chinesischen Seestück«!), Berg, Landschaft, Höhle, Feld, Heide, Sumpf usw., Auszeichnungen als Naturraum, die sich als Gegenentwurf zu unserer Vorstellung ebenjener Motive zu erkennen geben. In seinen Objekten mit Beiwerken aus Kupfer, Stahl oder Keramik entgrenzt der Maler seine Arbeiten auch noch im materiellen Bereich. Kurzum, wie der Galerist notiert: »Im vollem Bewusstsein der Kunstgeschichte entwickelt er seine waghalsigen Bilder in völliger Freiheit und begreift die Komplexität der Malerei als permanente Herausforderung.« Was Wyrzykowski tut, strahlt selbst im großen Format eine Souveränität aus, die neugierig darauf macht, wohin ihn sein Weg noch führen mag.