Ausstellungsbesprechungen

Tony Cragg – Second Nature. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, bis 3. Mai 2009. Museum der Moderne, Salzburg, 27. Juni bis 4. Oktober 2009

Tony Craggs figurative Plastiken, von denen man nicht einmal genau sagen kann, ob sie konkret fassbar sind, tauchen regelrecht auf – nebulöse Filme kommen in den Sinn, in denen fragwürdige Schattenwesen die Protagonisten umwogen. Wie in einer Augentäuschungsmenagerie schaukelt sich der Betrachterblick die Holz-, wächsernen Metall- oder Steinkörper empor und schwingt unvermittelt an einem menschlichen Profil entlang. Doch damit nicht genug: Durch seinen Umgang mit organischen Kunstfasern hat sich Cragg (geb. 1949) zu einem der innovativsten Bildhauer der Gegenwart entwickelt – und wie es oft auffällt bei den besten Plastikern: zu einem der begnadeten Zeichner. Eine spektakuläre Schau des Werks dieses britischen Künstlers, der in Wuppertal seine Wahlheimat gefunden hat, ist nun in der Karlsruher Kunsthalle zu sehen.

Wenn Gerhard Richter, als Maler, zweigleisig abstrakt und gegenständlich arbeitet, fügt Tony Cragg beide Komponenten in ein und derselben Arbeit zusammen. Obendrein treten seine figurativ-abstrakten Objekte in einer nahezu klassischen Schönheit auf, die den Vergleich mit marmornen Parkgöttinnen nicht scheuen müssen und auch deshalb im öffentlichen Raum Furore machen. So finden sich – wie die in Karlsruhe gezeigten Filmdokumente zeigen – die Craggschen Arbeiten tatsächlich mit großem Wohlgefallen in Grünanlagen, ob sie nun metallisch, das heißt gegen die Natur anglänzen oder ob sie in natürlichen Materialien mit ihr ein kreatives Wechselverhältnis eingehen (in Wuppertal richtete Cragg 2008 einen Skulpturenpark ein). Und sie stehen im städtischen Raum harmonisch mit Kulturschöpfungen anderer Zeiten vereint, wie etwa im Umfeld der Stuttgarter Staatsgalerie, wo sich die Silhouette einer Cragg-Figur mit der einer klassizistischen Gefäßschale misst. Auch die Orangerie in Karlsruhe erweist sich als kongeniale Raumbasis für die nach diesem Raum greifenden Objekte.

»Second Nature« ist der Titel der Karlsruher Ausstellung, Ähnlichkeiten mit der Sprachwendung des »Second Life« mögen zufällig sein, doch passt beides gut zusammen: einmal weil die Seinsform der rund 25 skulpturalen Werke in jene oben erwähnten virtuellen Welten vordringt, und zum anderen auch deshalb, weil den Bildhauer letztlich gar nicht die mehr oder weniger konkrete Form interessiert, sondern vielmehr die Faszination für den plastischen Körper an sich, sein Volumen, seine Bewegung im Raum, kurz: sein inneres bzw. äußeres Leben. Die Zeichnungen gehen noch darüber hinaus, weil sie bei aller handwerklichen Brillanz Zeugen des codierfähigen Informationszeitalters sind. Alles fließt: Die amorphen Liniengeflechte auf dem Papier sind drauf und dran, aus sich selbst heraus in den dreidimensionalen Raum hinauszuwachsen. Dem gemäß geraten viele seiner Plastiken zu Skizzen, von denen Cragg ausdrücklich nicht weiß, »wer das Sagen hat«, er oder die Skulptur. Dass manche Arbeiten, die wie grazile Luftformationen wirken, auch mal ein Gewicht von anderthalb Tonnen auf die Wage bringen, kann man kaum glauben.

Der Documenta- und Biennale-Teilnehmer Tony Cragg strich nacheinander den Turnerpreis (1988), den Shakespearepreis (2001) und den »noblen« Praemium Imperiale (2007) ein, letzteren zeitgleich mit dem Ehrenring seiner Wahlheimat Wuppertal. Daran lässt sich ermessen, welche Bedeutung der Künstler in dieser Zeit innehat. In Karlsruhe zeigen sich seine jüngeren Arbeiten mit einer unbändigen Wucht und zugleich mit einer theatralischen Demut, die wir als zwei Seelen in einer Brust ausmachen, die jedem Menschen eigen sind, so dass ihre Präsentation einer Entdeckungsreise durch unsere eigene Phantasie gleichkommt.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten
Dienstag-Freitag 10-17 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertage 10-18 Uhr

Katalog
Tony Cragg. Second Nature. Hrsg. von der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Mit Textbeiträgen von Kirsten Claudia Voigt (u.a.). Köln: DuMont, 2009.
ISBN 978-3-8321-9165-8, Ladenpreis 49,95 €


 

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