Ausstellungsbesprechungen

Tony Cragg, familiæ; neues museum

In einem einzigen weiträumigen Saal des Neuen Museums in Nürnberg finden sich 22 Arbeiten des Künstlers Tony Cragg zu einem ganz besonderen Familientreffen zusammen. Auf Einladung des Museums hat sich Tony Cragg, der mit seinem vielgestaltigen Werk einer der bedeutendsten zeitgenössischen Bildhauer ist, für das Ausstellungsprojekt in Nürnberg auf Plastiken und Skulpturen aus zwei seiner jüngsten Werkgruppen konzentriert.

Cragg, der seine Arbeiten selbst ausgewählt und im Raum positioniert hat, möchte mit der Präsentation aufzeigen, wie er über die „Early Forms“ zu den „Rational Beings“ kam und auf welche Weise alle zu sehenden Arbeiten in einem Verwandtschaftsverhältnis zueinander stehen.

 

Seit zwei, drei Jahren war eine Ausstellung mit Werken des 1949 in Liverpool geborenen Künstlers geplant. Nun ist eine eindrucksvolle und ungemein gelungene Ausstellungsinstallation entstanden, die noch bis zum 22. Januar 2006 im großen Wechselausstellungsraum des Museums zu sehen ist.

 

Die frei im Raum platzierten plastischen Arbeiten sind beim Betreten des Saales alle zugleich visuell erfassbar. Es ist jedem Besucher überlassen, welches Werk er zuerst betrachtet, in welcher Richtung er seinen Weg fortsetzt und auf welche Skulpturen er seinen Blick zurückschweifen lässt. Der Betrachter wird weder durch eine bestimmte Raumführung geleitet, noch wird sein vergleichendes Sehen durch Werkbeschriftungen abgelenkt. Statt der einzelnen Arbeit ein Titeletikett an der Wand zuzuweisen, erhält jeder Besucher einen Bogen mit farbigen Abbildungen, Titel-, Entstehungs-, und Maßangaben der ausgestellten Werke sowie ein Begleitheft, das museumspädagogisch exzellent erarbeitet wurde und dem Interessierten profunde Hintergrundinformationen und Anstöße zur Beschäftigung mit den Arbeiten in die Hand gibt. Mit der Präsentation seiner Werke in diesem 700 qm großen Museumsraum unterstreicht Tony Cragg seine ausstellungskonzeptuellen Gedanken. In diesem Sinne äußerte er sich einmal strikt gegen die Vereinzelung seiner künstlerischen Ideen: „Wenn ich Ausstellungen mache, versuche ich, ein Netz von Bezügen herzustellen, manchmal bin ich selbst überrascht über die Ergebnisse.“ (Tony Cragg in: „Ich mag die Welt nicht, wie sie ist.“ Interview von Beatrice Schaechterle mit Tony Cragg. In: Noema, Heft 4, 1991, S. 45 f.)

 

Vasen, Schalen, Glaskolben aus der Chemie - das Gefäß ist für den Künstler Tony Cragg eine reiche Metapher, ein Symbol für den menschlichen Körper, für Zellen, Organe und Organismen. Zahlreiche seiner Werke basieren auf Gefäßformen, so auch die Plastiken des Werkkomplexes „Early Forms“, von welchen hier vier Arbeiten zu sehen sind. Während „Early Forms“ aus dem Jahr 2001 sowie die Werke „Rod“ und „Sinbad“ - beide 2000 entstanden - klar auf den Boden bezogen sind und zwischen den sich ineinander transformierenden Gefäßen Einblicke in die hohlförmigen Innenräume der Plastik gewährt werden, markiert „Declination“ von 2003 eine Weiterentwicklung dieser Arbeiten: in der Farbigkeit und formal unterscheidet sich „Declination“ von ihren Vorgängern. Sie ist die erste Arbeit Craggs, die nicht mehr auf den Boden bezogen ist. Wie zahlreiche jüngste Skulpturen, die der Künstler im vergangenen Jahr in Holz arbeitete, ruht die gelb lackierte Bronzeplastik auf einem Sockel. Ihre Volumina dehnen sich entlang einer gebogenen Achse in freien geschwungenen Formen aus und weisen nur schmale schlitzförmige Öffnungen auf.

 

Bildhauer zu sein bedeutet für Tony Cragg, mehr von der Welt zu verstehen. Bildhauerisch zu arbeiten, sei, so der Künstler, eine seltene menschliche Aktivität. Das Material bietet ihm unerschöpfliche Möglichkeiten. Tony Cragg verwendet unterschiedlichste Stoffe als Ausgangspunkt für seine Arbeiten: Holz, Stein, Edelstahl, Fiberglas, Bronze, Kunststoffe und zahlreiche andere. Es geht dem Künstler darum, aus diesen Werkstoffen Dinge zu machen, für die sie nicht hergestellt wurden und Formen zu kreieren, die noch nicht existieren. Cragg möchte, wie er immer wieder betont, dem Betrachter mit seinen Plastiken und Skulpturen eine Alternative nicht nur zur Betrachtung der Natur, sondern in besonderem Maße auch „zur Wahrnehmung der stumpfsinnigen industriell utilitaristischen Wirklichkeit“ anbieten. (Tony Cragg in: Jon Wood im Gespräch mit Tony Cragg. Katalog zur Ausstellung, Nürnberg 2005, S. 10.)

 

Bei den „Rational Beings“ dominiert die künstlerische Arbeitsweise des Übereinanderschichtens mehrerer dünner Platten. Nach der Schichtung wird das Material mit speziellen Werkzeugen bearbeitet und die Oberfläche des Werkes geschliffen, so dass organisch anmutende Formen entstehen. Für die Arbeiten dieser Familie hat Tony Cragg die Konturen einer gestischen Zeichnung verwendet. Die beiden als „Flotsam“ betitelten Plastiken sind aus Styropor gearbeitet, und wurden anschließend mit einer Haut aus Fiberglas überzogen. Die matte hellgrünlich schimmernde Ummantelung lässt Filzstiftmarkierungen in schwarz und grün durchscheinen und offenbart dadurch den Aufbau den inneren Kerns. Mit dem Versuch, die Skulptur transparent zu halten, ihr Inneres und Äußeres zugleich sichtbar werden zu lassen, beschäftigt sich Cragg in der als „Envelope“ bezeichneten Werkgruppe, zu der auch „Tongue in Cheek“ aus dem Jahr 2002 zählt. Die bronzene goldfarben lasierte Plastik zeigt in ihrer äußeren Umwandung runde, in gleichmäßigem Abstand gesetzte Perforierungen. Durch die durchbrochene Haut werden Partien des Werkes sichtbar, die ins Körperinnere verlagert sind. Hier kehrt auch das den „Early Form“s zugrunde liegende Motiv des Gefäßes wieder. In diesem, wie in vielen Werken des Künstlers, findet ein Zusammenspiel von organischen und industriell technisch produzierten Elementen und Anklängen statt. Craggs Formensprache ist aufgeladen von Assoziationen, die Gefühle und Empfindungen wachrufen. Eine Aufsicht auf den großflächigen Auftritt der von ‚emotionalem Vokabular‘ geprägten „Rational Beings“ und „Early Forms“ erfährt der Museumsbesucher von der kleinen Empore auf der über dem in hellem grau und weiß gehaltenen Ausstellungssaal gelegenen Etage.

 

Im unteren Foyer des Museums unweit der „Elliptischen Säule“, einer Plastik Tony Craggs, die seit 2002 Teil des Sammlungsbestandes ist, läuft auf zwei Monitoren die eindrucksvolle Künstlerdokumentation „Mit Kunst-Stoff die Welt formen. Der Bildhauer Tony Cragg“, ein Film von Anne Linsel, der von 3sat produziert wurde. Dieses Angebot für den Besucher, sich vor, während oder nach dem Ausstellungsbesuch an diesen, vom Geschehen entfernten Ort zurückzuziehen, ist sehr zu begrüßen. Der Film begleitet den Künstler sehr einfühlsam, lässt ihn oft selbst zu Wort kommen und gewährt Einblicke in sein Wuppertaler Atelier und seine ‚gedanklichen Reisen‘, die er als Bildhauer unentwegt macht.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Dienstag - Freitag: 10 - 20 Uhr

Samstag, Sonntag: 10 - 18 Uhr

Montags geschlossen

 

Eintrittspreise

Sammlungen: 4 Euro (ermäßigt 3 Euro)

 

Ausstellung und Sammlungen: variabel

Sammlungen sonntags: 1 Euro

Ausstellung und Sammlungen sonntags: variabel