Ausstellungsbesprechungen

Triumph der Blauen Schwerter. Meissener Porzellan für Adel und Bürgertum 1710-1815, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Japanisches Palais, bis 29. August 2010

Ein Porzellanschloss strebte Friedrich August I., Kurfürst von Sachsen und König von Polen, genannt August der Starke (1670-1733), an, das die Macht, den Reichtum und vor allem die einzigartige Sammlung des ostasiatischen und heimischen Porzellans des sächsischen Hofes in ganz Europa repräsentieren sollte. Anett Göthe hat die Ausstellung besucht.

Die Leidenschaft für Porzellan setzte in Europa mit den ersten chinesischen Stücken ein, die Marco Polo im 13. Jahrhundert von seinen Reisen mitbrachte. Bereits im 15. Jahrhundert importierte man das chinesische Porzellan, das in Europa ein wertvolles Luxusgut darstellte und auf welches zunächst nur der wohlhabende Adel Zugriff hatte, in größeren Mengen. Die Freude am Exotischen entwickelte sich im 17. Jahrhundert zu einer Chinamode, wobei kaum zwischen Japan und China unterschieden wurde. Der Begriff „Chinesery“ oder „Chinoiserie“, der die Nachahmung ostasiatischer, vor allem der chinesischen und japanischen, Sitten, Gebräuche und im Besonderen der importierten Gegenstände bezeichnete, wurde immer populärer.

Auch August der Starke entflammte für die grazilen Asiatika und wurde schließlich zu deren wohl leidenschaftlichstem Sammler in Europa. Noch bevor Johann Friedrich Böttger und Johann Ehrenfried Walther von Tschirnhaus im Jahre 1708 das europäische Hartporzellan in Dresden erfanden und schon kurz darauf im Jahr 1710 auf der Albrechtsburg Meissen die erste europäische Porzellanmanufaktur entstand, war ostasiatisches Porzellan in größeren Mengen auch nach Sachsen gelangt. Relativ frühzeitig dürfte August der Starke den Plan gefasst haben, ein eigenes Porzellankabinett einzurichten, aus dem später der Traum von einem Porzellanschloss erwuchs. Anregungen hierfür lieferten die Porzellankabinette der brandenburgisch-preußischen Schlösser Charlottenburg und Oranienburg. Ursprünglich ging die Idee eines Porzellanhauses wohl auf das Trianon de Porcelaine Ludwigs XIV. in Versailles zurück. Doch alles bisher Dagewesene sollte im Schatten dessen verblassen, was im Sächsischen Elbflorenz entstehen würde.

Um seinen Plan zu realisieren, kaufte der Kurfürst im Jahre 1717 das Holländische Palais am Ufer der Elbe. Die Bezeichnung „holländisch“ bezieht sich zum einen auf den vorherigen Besitzer des Palais, den holländischen Gesandten Craneborg. Zum anderen spielt der Begriff vermutlich auf die Rolle der Niederlande an, die im 17. Jahrhundert mit der Gründung der Niederländischen Ostindien-Kompanie eine Schlüsselstellung beim Import von ostasiatischem Porzellan einnahm. Außerdem verbreitete sich von hier die Mode der Porzellankabinette über ganz Europa.

Aber August der Starke gab sich nicht mit einem Porzellankabinett zufrieden. In dem Maße wie er Porzellan im großen Stil anhäufte, mussten mehrere Kabinette geschaffen werden, die unter einem Dach ein einmaliges Gesamtkunstwerk ergeben sollten. Die einzelnen Räume und selbst das Porzellan sollten einer Hierarchie von Farben und Dekorationen folgen. Grundsätzlich war vorgesehen, die ostasiatischen Porzellane im Erdgeschoss und das Meissener Porzellan im Obergeschoss auszustellen. Mit dieser Art der Präsentation wollte er deutlich das Meissener Produkt über das ostasiatische erheben. Doch die Ausstellungsfläche wurde aufgrund der Mengen an Porzellan sehr schnell zu knapp. Ein Um- und Erweiterungsbau, nach den Plänen des Architekten Matthäus Daniel Pöppelmann, der Dresden mit dem Zwinger und vielen weiteren bekannten Bauten eine einzigartige barocke Note gab, sollte Platz für die gewaltig angewachsene königliche Sammlung schaffen. Die Umbauarbeiten begannen allerdings erst 1728 und waren im Jahre 1733, als August der Starke starb, noch nicht abgeschlossen. Somit kam es nie zur Verwirklichung der Idee des Porzellanschlosses.

Genau 300 Jahren nach der Gründung der Porzellanmanufaktur in Meissen präsentieren die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden eine Sonderausstellung über das „weiße Gold“ aus Sachsen. Mit etwa 800 Porzellanen, darunter große Teile der Depotbestände der Dresdner Sammlung, die dem Publikum sonst nicht zugänglich sind, und internationalen Leihgaben wird der Versuch unternommen, den einstigen Traum des sächsischen Kurfürsten eines Porzellanschlosses während der Sommermonate im Japanischen Palais Dresden wahr werden zu lassen.

Beeindruckend ist die Fülle der mit äußerster Raffinesse und höchster Qualität hergestellten Exponate Meissener Porzellans. Sie faszinieren den Betrachter in höchstem Maße und ziehen dessen Auge in ihren Bann. Bei all den Kostbarkeiten und handwerklichen Höchstleistungen wird verständlich, mit welcher Hingabe August der Starke seine Sammlung ostasiatischer und Meissener Porzellane bereicherte. Neben kostbaren Tafelservices, denen sich die Ausstellung mit besonderer Aufmerksamkeit widmet, sind Kunstwerke höfischer Tafelkultur u.a. Vasen, Tischaufsätze, Figuren, Uhren und sogar Vogelvolieren ganz aus Porzellan zu bestaunen. Zweifellos besaß August der Starke eine besondere Liebe zum Porzellan. Unter seinen zahllosen Mätressen war das Porzellan wohl diejenige, der er bis zu seinem Lebensende die Treue hielt.

Bemerkenswert ist in der Ausstellung die Gegenüberstellung von Meissener Porzellan und dessen ostasiatischen Vorlagen. Doch bleibt dem porzellanunkundigen Betrachter dieser Gegenüberstellung leider oft verschlossen, was Vorlage und was heimische Nachahmung ist. Des Weiteren gelingt der Versuch in der Ausstellung die Entwicklung und Herstellung des Porzellans unter Einbeziehung neuester Forschungsergebnisse auf Grund der sparsamen Beschilderung und Erläuterung nicht immer. Abhilfe verschafft hier der hervorragende, auf wissenschaftlichem Niveau gehaltene Katalog.

Auch die extrem reduzierte Architektur des spanischen Ausstellungsarchitekten Juan de Cubas wäre wohl nicht im Sinne des Kurfürsten von Sachsen gewesen. Es mag sein, dass diese Reduzierung in Form und Farbe die barock-opulente Porzellankunst hervorhebt, aber ein wenig mehr Prunk hätte man sich beim Wiederherstellen des augustinischen Porzellanschlosses schon gewünscht. Doch schlussendlich ist die Umsetzung eines Ausstellungskonzeptes immer auch eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Seiner "maladie de porcelaine", wie August der Starke selbst seine Sucht nach dem "weißen Gold" bezeichnete, verdankt Dresden diese einzigartige Sammlung ostasiatischer und Meissener Porzellane des 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Zeitgleich zum Jubiläum der Porzellanmanufaktur finden weitere Ausstellungen auf der Albrechtsburg Meissen („Der Stein der Weis(s)en. 300 Jahre Mythos Manufaktur Meissen: Die Albrechtsburg als Porzellanschloss“) und im Ephraim-Palais in Berlin („Zauber der Zerbrechlichkeit“) statt, die die Thematik des europäischen Porzellans umfassend beleuchten und die Ausstellung in Dresden ergänzen.