Ausstellungsbesprechungen

typisch! Klischees von Juden und Anderen, Jüdisches Museum München, bis 6. März 2011

»typisch! Klischees von Juden und Anderen« ist eine Ausstellung über das schablonenhafte Sehen, Erkennen und Zuordnen von Bildern und Ideen. Typisierungen und Klassifizierungen sind aus der populären Kultur nicht wegzudenken, wo sie uns mit dem Mittel der Vereinfachung dabei helfen, unsere Angst vor dem Unbekannten und Fremden zu bewältigen, jedoch auch das Material für rassistische Ideologien liefern. Barbara U. Schmidt hat sich die Ausstellung für Sie angesehen.

Der etwas sperrige Ausstellungstitel »typisch! Klischees von Juden und Anderen« ist Programm: Mit ‚typisch!’ werden zunächst alltägliche Identifikationen angesprochen, die Selbstverständnis und Integration in eine Gemeinschaft ermöglichen. Im Begriff ‚Klischee’ klingen auch schon Aspekte des Verfestigens und Erstarrens an. Als be- und abwertende Zuschreibungen können sie schließlich zur Ausgrenzung der ‚Anderen’, zu Antisemitismus, Rassismus, Sexismus oder Homophobie beitragen. Charakterisierungen und Stereotype oszillieren mit anderen Worten zwischen einem weiten Spektrum der Bedeutungsbildung mit ebenso weitreichenden Konsequenzen; genau dieser Komplexität geht die Ausstellung nach.

Durch Bahnen aus halbdurchsichtiger Gaze, die den Raum unterteilen, werden Kojen angedeutet, in denen zu einem Thema verschiedene Objekte gruppiert sind. Sie stammen aus der etablierten Hochkultur und Wissenschaft, aus der Volks- und Popularkultur, sowie der zeitgenössischen Kunst. Ein Beispiel dafür, wie sehr Hautfarbe als Distinktionsmerkmal fungiert, ist eine Ansammlung von Barbiepuppen, die europäische, afrikanische, hispanische und asiatische Frauentypen darstellen. Die stilisierten Körper und Gesichter bleiben gleich; entscheidend für die ethnische Zuordnung ist die Farbe des Teints, die Haartracht und folkloristische Kleidung. Scheinbar bestätigt wird diese Inszenierung durch die Skala von 36 Hauttönen, die der Anthropologe Felix von Luschan 1905 erstellt hat. Sie wurde aber, wie man im Begleittext erfährt, schon 1911 von ihm selbst widerrufen. Anlass war seine Feststellung, dass die verschiedenen Körperpartien eines Menschen – abhängig von der Sonneneinstrahlung - unterschiedliche Pigmentierungen aufweisen. Ein Tableau aus einzelnen Farbfeldern in verschiedener Hauttönen, das 2002 in einer Aktion der Künstlergruppe significans entstand, führt in seinem Nuancenreichtum die Idee der eindeutigen ‚rassischen’ Unterscheidung völlig ad absurdum.

Ein weiteres klischeebehaftetes Körpermerkmal ist die ‚jüdische’ Nase. Von Rudolf Belling wird dazu eine Porträtbüste des Kunsthändlers Alfred Flechtheim gezeigt (ca. 1927), die in strenger Abstraktion auf die Stirnfalten, die Augen darunter, die lange gekrümmte Nase und einen leicht lächelnden Mund reduziert ist. Daneben findet sich eine Quietschefigur, die unter dem Titel »Nörgeli« die stark karrikierten Züge von Marcel Reich-Ranicki trägt. Die AusstellungsbesucherInnen sind aufgefordert, die jeweiligen Gestaltungsweisen und deren Wirkung zu vergleichen. Eine Sammlung von Wiener Spazierstöcken, wie sie um 1900 beliebt waren, endet in einem Männerkopf, dessen lange Nase als Griff dient. Ob sie auf jüdische Physiognomienen anspielen, lässt der Begleittext offen. Umso eindeutiger ist dafür eine Illustration des 1938 im Stürmer Verlag erschienen Schulbuchs »Der Giftpilz«.Ein blonder Junge deutet auf die Zahl 6 an der Schultafel. Die Unterschrift: "Die Judennase ist an ihrer Spitze gebogen und sieht aus wie ein Sechser" erteilt damit der jüdischen Physiognomie die schlechteste Schulnote. Eine Zuweisung, die Dennis Kardon mit seinem Relief »49 Jewish Noses« (1993-995) unterläuft. Er hat die Nasen von jüdischen Persönlichkeiten aus dem amerikanischen Kulturleben nachgebildet. Auf weißer Fläche montiert bieten sie ein so variantenreiches Spektrum, dass sich das ‚Typische’ nicht mehr ausmachen lässt.

Ähnlich differenziert werden weitere Themen beleuchtet: Dazu gehören die Stereotypen von Zigeunern, Moslems oder Indianern, die Motive des gezähmten Wilden, des wandernden Juden oder der schwarzen Venus. Durch die Vielfalt und Zusammenstellung der Exponate wird das Publikum herausgefordert: Immer neue Relationen stellen sich ein, die die Wahrnehmung und die Zuordnung von Bedeutung irritieren, unterlaufen und neu ausrichten. Genau dadurch werden die Stereotype, die auf unkritischen Verallgemeinerungen basieren, die gegen Überprüfung abgeschottet, gegen Veränderung resistent sind, aufgebrochen und in ihrer historischen Bedingtheit, ihrer erschreckenden Suggestivität oder ihrer Lächerlichkeit erfahrbar.

Zur Disposition stehen auch Normen und Klischees des Ausstellungsbetriebs selbst. So verzichten die Kuratoren auf ihre Deutungshoheit und an manchen Stellen – wie im Fall der Spazierstöcke – wird sogar die Fragwürdigkeit vorschneller oder eindeutiger Klassifizierungen angesprochen. Auch die Exponate werden, egal ob aus dem Bereich der Hoch- oder Popularkultur stammend, gleichwertig behandelt. Sie sind alle an den Prozessen der Bedeutungsbildung beteiligt und ihre Vielfalt zeigt wie tief manche Klischees und Vorbehalte verwurzelt sind.

»typisch! Klischees von Juden und Anderen« wurde vom Jüdischen Museum in Berlin und dem jüdischen Museum in Wien konzipiert.