Ausstellungsbesprechungen

Über Wasser. Malerei und Photographie von William Turner bis Olafur Eliasson, Bucerius Kunstforum Hamburg, bis 20. September 2015

Eine im wahrsten Sinne des Wortes Sommerausstellung zeigt das Bucerius Kunstforum: sie widmet sich dem Thema Wasser und holt es aus dem Freibad ins Museum. Ganze 200 Jahre der Darstellung des nassen Elements finden sich hier und die Bandbreite reicht von dramatischen Naturdarstellungen bis zu kleinteiligen Tropfengebilden. Jaqueline Menke hat es sich angeschaut.

Bereits der mehrteilige Ausstellungstitel impliziert, dass es sich bei dieser Präsentation nicht nur um ein spezifisches Motiv handelt, sondern auch die visuellen Vergleichsmöglichkeiten, die unterschiedliche künstlerische Medien bieten können, thematisiert werden. Gemeint ist die Darstellung des vielseitigen Naturstoffes Wasser in der Ölmalerei und der Fotografie in einer Zeitspanne von 1800 bis heute. Welche immense Inspirationsquelle das Element Wasser auf die künstlerische Interpretation auslöste und fortlaufend auslöst, wird auf den zwei Etagen des Bucerius Kunstforum am Rathausmarkt in Hamburg eindrucksvoll aufgearbeitet.

Im oberen Stockwerk beginnend, nähert sich der Betrachter zunächst der fotografischen Inszenierung des Wassers.

Der Tropfen in seinem organischen losgelösten Zustand ist derjenige Teil des Wassers, welcher die Künstler im 20. Jahrhundert faszinierte: Gezeigt werden fast wissenschaftlich-analytisch anmutende Fotoarbeiten von Hermann Landshoff (1905-1986), und Yves Klein (1928-1963). Besonders beeindruckend ist die Interpretation »1001 Gesichter« von Peter Keetman (1957), die in einer von Tropfen durchzogenen Gitterstruktur kleinste Spiegelungen eines männlichen Gesichtes zeigt. Durchbrochen wird diese Reihe dann von der Bleistiftszeichnung Li Triebs (geb.1953) unter dem Raumtitel »Tropfen«. Dank dieser feinen Bleistiftarbeit wird man sich der verblüffenden Ähnlichkeit der künstlerischen Ausdrucksformen von Fotografie und Malerei bewusst. Bei fehlender Objektbeschriftung oder ungenauem Hinsehen hätte man Probleme mit der Zuordnung des Mediums, so verblüffend fotografisch ist Triebs Werk. Welche Dimensionen das Wasser im freien Fall in der Landschaftsmalerei seit dem 17. Jahrhunderts annahm, macht die Arbeit von Joseph Anton Koch, »Wasserfall im Berner Oberland« (1796) sichtbar. Diese suggestive, ungezähmte Energie des Wassers breiten auch hier Fotografie und Ölmalerei gleichermaßen eindrucksvoll aus.

Stichwort Landschaftsmalerei – Verlassen wir nun den oberen Bereich der Ausstellung, der doch durch die Teilüberschriften und thematischen Schwerpunkte sehr klar strukturiert wirkt und ins Bewusstsein ruft, welche unterschiedlichen Erscheinungsformen Wasser haben kann, und welche Ausstrahlungskraft diese auf die Künstler seit dem 17. Jahrhundert haben.

Im unteren Bereich angekommen, wird man, sich links haltend, an den Arbeiten des englischen Landschaftsmalers William Turner (1775-1851) vorbeigeführt. Turner, bekannt durch seine großformatigen, dramatischen Naturbilder und romantischen Landschaftsdarstellungen, begegnet in Hamburg mit kleinformatigen Schautafeln. Darauf zu sehen sind skizzenhafte Darstellungen von einer halb mit Wasser gefüllten, durchsichtigen Kugel, eine Darstellung in blau, schlammgrün, eine in rotockerfarbenem Ton. Das Thema hier :»Reflexionen«. Turner scheint sein Interesse zeichnerisch den Lichtbrechungen und Reflexionen der wassergefüllten Glaskugel gewidmet zu haben. Damit war er der erste Maler, der sich kurz nach 1800 mit dem Wasser als Element im naturwissenschaftlichen Sinne auseinanderzusetzen und es gleichzeitig als künstlerische Inspirationsquelle zu nutzen wusste.

Ob künstlich erzeugt, wie bei Turner im 19. Jahrhundert, oder natürlich aus der Darstellung einer von Wasser getränkten Straße nach einem Regenschauer entstanden, wie bei Sasha und Cami Stone in den späten 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, repräsentieren verschiedene Künstler erneut die Variationsbreite einer der vielen Erscheinungsformen von Wasser. Unter dem Aspekt der Reflexion sind ebenso farblich und strukturell sehenswerte Arbeiten von David Hockney, Andreas Gursky, Roni Horn und Adreas Gefellers »Ohne Titel (Schwimmbad)« (2008) ausgestellt.

Ein weiterer, nischenartiger Raum wird mit Arbeiten zu dem Thema »Welle« gefüllt: Kunsthistorisch beginnt die Auswahl im 19. Jahrhundert mit den brechenden und wild schäumenden Wellen von Gustave Courbet, dem Brandungsbild von Auguste Renoir »Meersbild,Guernsey« (um 18839 und führt weiter über die farblich aufgeladene, impressionistische Darstellung von Claude Montes »Das Meer bei Antibes« (1888), und mündet in den dramatisch-spannungsgeladenen Bildern von Gerhard Richter, dem »Seestück bewölkt« (1969), und Thierri de Cordiers. »Hochsee« (2011).

»Eis und Schnee« widmet sich ein weiterer Schwerpunkt: Mit der dokumentarischen Fotoarbeit von Olafur Eliasson schwingt dann der gesellschaftskritische Aspekt im Kontext des Klimawandels, der Wasserknappheit und der Überschwemmungskatastrophen mit. In zwölf kleinformatigen C-Prints dokumentiert Eliasson fotografisch einen in einer winterlichen Landschaft platzierten Eisblock, der in seiner kompletten Form schmilzt. Die bedrohliche Eigenschaft des Wassers dagegen visualisiert Andreas Müller-Pohles Beitrag aus der Serie »Hong Kong Waters«, der den dramatischen Anstieg des Meeresspiegels vor den Toren Hong Kongs aus der Froschperspektive fotografisch festhält.

Das Bucerius Kunstforum leistet mit der Schau seinen diesjährigen Beitrag zur bereits vergangenen »Triennale der Fotografie« (18. bis 28. Juni 2015) unter dem Motto »The Day Will Come When Water Matters« und präsentiert am motivischen Beispiel des Elementes Wasser eine kunsthistorische Reise durch die Epochen und verdeutlicht den Reiz und die Fülle an künstlerischen Interpretationsmöglichkeiten in dem Medium Fotografie und der Malerei. Als Betrachter nimmt man aktiv Teil an einem stillen Lauf durch die Zeit von 1800 bis heute, wird mitgerissen, staunt, und fühlt die Bedrohung, die dem Wasser innewohnt. Und all dies auf eine ästhetisierende künstlerische Weise, die nach einem Wiederholungsbesuch ruft. Anlässlich der Ausstellung erscheint der gleichnamige Katalog der Kuratoren Ulrich Pohlmann und Ortrud Westheider, der die Raumabfolge und thematischen Schwerpunkte wiedergibt, reich bebildert ist und von kunsthistorischen Exkursen zum Themas Wasser inhaltlich fundiert wird.