Ausstellungsbesprechungen

Überwältigend kühn. Der ganze Rohlfs in Kiel, Kunsthalle zu Kiel, bis 17. Februar 2013

Die Kieler Kunsthalle verspricht im Untertitel nicht zuviel – kann sie doch dank eines Eigenbestandes von nicht weniger als 1850 Werken sämtliche Schaffensphasen des langen und abwechslungsreichen Künstlerlebens dokumentieren. Christian Rohlfs (1849–1938) begann als Realist, malte impressionistisch und pointillistisch und wurde schließlich ein Expressionist. Stefan Diebitz war von der Experimentierfreude und technischen Vielseitigkeit des Künstlers beeindruckt.

Rohlfs hatte ein schweres Leben, denn neun Jahre, nachdem er als fünfzehnjähriger Junge von einem Apfelbaum gestürzt war, musste sein rechtes Bein amputiert werden. Allerdings wurde sein offenbar eminentes zeichnerisches Talent durch diese Behinderung vielleicht sogar gefördert, denn im Krankenbett scheint er außergewöhnlich viel gezeichnet zu haben. So wurde er schon früh entdeckt, und auf Grund einer Empfehlung von Theodor Storm – Rohlfs war ein Holsteiner Junge – kam er erst nach Berlin, später an die Großherzoglich-Sächsische Kunstschule in Weimar.

Im weiteren Verlauf seines langen und produktiven Lebens war er ein aktiver Teilnehmer an nahezu allen Bewegungen der Kunst: Er begann als Realist, nahm aber schon bald Anregungen des Impressionismus auf, der in Deutschland von der Weimarer Malerschule entdeckt wurde. Den Wechsel vom Realismus zum Impressionismus können zwei besonders schöne Bilder dokumentieren, die in Kiel im ersten Saal einander gegenüber hängen. 1899 erwarb die Kieler Kunsthalle als erste Arbeit von Rohlfs ein »Fischerhaus an der Trave« genanntes Pastellbild, das in dem dunkeltonigen Braunrot des Realismus gehaltene Porträt eines Backsteinhauses, in dem ich zu meinem größten Vergnügen ein noch heute ganz unverändert stehendes Haus aus meiner unmittelbaren Nachbarschaft wieder erkannte.

Nur vier Jahre später malte er nicht allein pointillistisch, sondern nahm auch sonst Anregungen des Impressionismus auf. So schuf er pointillistische Ansichten von Weimar, aber noch beeindruckender ist das 1903 gemalte Bild eines Stangenwaldes, das dem Fischerhaus gegenüberhängt. Öder Fichtenwald wird in seiner sturen Eintönigkeit sonst nur von Borkenkäfern geschätzt, aber Rohlfs wusste in seinem Bild die impressionistische Feier eines von flirrendem und funkelndem Licht erfüllten Forstes zu schaffen, ein Loblied auf die Vertikale. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits über fünfzig, aber immer noch zu Experimenten bereit und auch noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung angekommen.

Bald darauf wurde der Kontakt zu Emil Nolde und zu den Brücke-Künstlern wichtig, und er schuf eine ganze Reihe von teils sehr beeindruckenden expressionistischen Werken. Eigentlich war er seit seinem Beginn in Weimar ein Landschafter, aber das Ölbild »Der Prophet« von 1917 mit seinen expressiven Gestik zeigt eine ganz andere Seite dieses Malers, ebenso wie das Bild eines Gefangenen hinter Gittern, die ausgestellten Skizzenbücher, die tatsächlich einen ganzen Raum füllen, oder kleinere Blätter mit (meist wenig bösartigen) Karikaturen oder Tierabbildungen. An den Skizzenbüchern kann man sehen, wie sich ein Motiv aus dem anderen entwickelt – ist es zu sagen erlaubt, dass hier das Gesetz seines Künstlerlebens im Kleinen sichtbar wird?

Die Vielfalt der von Rohlfs benutzten Techniken ist ebenso erstaunlich wie die stilistische Breite seiner Arbeiten. War er ein Opportunist? Die Ausstellungsmacher glauben das nicht, sondern verweisen darauf, dass er in manchen Phasen seines Lebens der Entwicklung sogar voraus war. Er scheint ein eminent experimentierfreudiger, überaus weltoffener und trotz seiner Behinderung auch reiselustiger Mensch gewesen zu sein. Paul Westheim, als Herausgeber des »Kunstblattes« einer der wesentlichen Kunstkritiker seiner Zeit, hatte mit dem proteusartigen Charakter des Künstlers offenbar zu kämpfen: »Rohlfs nimmt auf, aber nicht an. Rohlfs ist verbohrt wie nur der Dilettant, ist ausschweifend bis zur Tapete und ist wiederum überwältigend kühn wie ganz allein das Genie.« Der letzte Teil dieses Zitats, der mir etwas übertrieben scheint, gab der ganzen Ausstellung den Titel.

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Man muss an Max Liebermann denken, dessen ähnlich weite Lebensspanne sich mit der von Rohlfs fast deckt – bis hin zu den Demütigungen im Dritten Reich, die beiden Künstlern an ihrem Lebensende nicht erspart blieben. Ein Bild von Liebermann erkennt man auf den ersten Blick, aber bei Rohlfs ist so etwas fast unmöglich. Vielleicht war das der Grund für seinen verhältnismäßig geringen Erfolg, denn der Künstler konnte nicht einmal halb so hohe Preise wie sein Freund und Kollege Emil Nolde erzielen.

Rohlfs nahm nicht allein Anregungen von seinen Zeitgenossen auf, sondern auch von den Heroen der Vergangenheit; in Kiel ist ein »Weiblicher Akt« von 1911 zu bewundern, der eigentlich nichts Anderes darstellt als eine Variation zu Francisco Goyas berühmter »Die nackte Maja«.

Wahrscheinlich waren es auch Probleme mit der Beschaffung von Farbe, weshalb so viele Künstler während des 1. Weltkrieges Holzschnitte schufen. Auch Rohlfs tat das. Dazu arbeitete er sehr gern mit dem eben erst erfundenen Tintenstift, mit dem er eine erstaunliche Anzahl von Skizzen und Zeichnungen schuf, die aber wegen der Lichtempfindlichkeit des Materials nur bei gedämpftem Licht gezeigt werden dürfen und später auch wieder im wohltätigen Dunkel der Magazine verschwinden müssen.

Ein wichtiger Bestandteil seines Œuvre sind noch Blumenbilder, oft mit Temperafarben in einem drei Phasen umfassenden Arbeitsgang geschaffen. Das Bild wurde in der zweiten Phase mit Wasser übergossen, und dann, im dritten Schritt, hat der Maler mit dem Pinselstiel oder einem anderen Gegenstand gekratzt, oft so lange, bis die Textur der Unterlage sichtbar wurde. Auf diese Weise erhalten diese Bilder eine gewisse Tiefendimension und große Lebendigkeit.

Rohlfs außergewöhnliches Leben erreichte vielleicht seinen Höhepunkt, als er an seinem siebzigsten Geburtstag eine Endzwanzigerin heiratete, die ihn fortan managte und ihm auch zu reisen erlaubte. Als Maler war er fast bis zu seinem Lebensende aktiv, musste dann allerdings die Demütigungen durch die Nationalsozialisten ertragen. Die Kieler Kunsthalle, die ihn so früh entdeckt hatte, hielt allerdings auch dann noch zu ihm, soweit es die Umstände erlaubten. Die eminente Anzahl von Rohlfs-Bildern, die ihr vor einigen Jahren gestiftet wurden und welche die Grundlage der Ausstellung bilden, sind also zweifellos an die richtige Adresse gelangt. Auf jeden Fall ist diese Ausstellung nicht allein sehr groß und deckt fast alle Aspekte seines Wirkens ab, sondern überzeugt auch von Raum zu Raum durch ihre durchdachte Konzeption.