Ausstellungsbesprechungen

Ugo Rondinone, Les Krims, Zoltan Jókay

Mehr Fotografie wagen! Und wenn schon, dann richtig etwas wagen, so wie in zwei neuen Ausstellungen des Sprengel Museums. An Grenzen der Aktfotografie stoßen die Arbeiten zweier Künstler verschiedener Generationen in der Sammlung Ann und Jürgen Wilde.

Zumindest einen zweiten Blick sollte man auf die Schönheits- und Modebilder des vierzigjährigen Schweizers Ugo Rondinone wagen. Das eigene zwar zart geschminkte, aber dennoch schnurbärtige Gesicht transplantiert er digital auf die teilweise bekannten Darstellungen elfenhafter Frauenkörper aus dem Modebereich. Die irritierende aber anziehende androgyne Ambivalenz der Serie "I don't live here anymore" (2000), Projektionsfläche für eine Vielzahl von Sehnsüchten und Fragen an das Ich, entlarvt sinnlich die von der Werbeindustrie bedienten Phantasien aus Seherwartungen und Klischees. Nur oberflächlich absurd sind die inszenierten, auf die genormten Männlein-und-Weiblein-Stereotypen zielenden Alltagskonstellationen des 1943 geborenen New Yorkers Les Krims. Der Fotograf wirft tief gehende Blicke ins Innenleben, in Glaubensfragen, und ins Miteinander einzelner Menschen oder Paare aller Lebensalter. Die Sichtbarmachung des inneren Urtraum(a)s leistet Krims mit Arbeiten aus den 60-er Jahren in Form einer fast kafkaesken Erzählweise. Auf Mensch und Bühnenraum wird reduziert. Requisiten wie Kreuz, Tier oder Micky-Maus-Maske übernehmen die Funktion mittelalterlicher Heiligenattribute, lenken das Auge auf das Wesentliche.

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Mehr Augenkontakt wagen! Menschen begegnen, manchmal zufällig, so auf der Straße, sie so ablichten, wie sie sind. Das scheint ein Herzensanliegen des 1960 in München geborenen Zoltán Jókay zu sein, dessen Porträts derzeit im Raum für Fotografie ausgestellt sind. Für die Kamera posieren, ja. Sich verstellen, nein. Attitüden werden zugelassen. Umarmungen und sinnliche Vertrauensbeweise aber auch. "Sich erinnern" und "Sich begegnen" heißen zwei der ausgestellten direkten und intimen, aber vor allem neugierigen Bilderfolgen, von denen eine leichte Melancholie ausgeht. Stadt und Straße, oft Leipzig unmittelbar nach der Wende, bilden Rahmen und Kontext, mischen sich aber nur subtil in den emotionellen Gesamtgehalt der Bilder ein. Sachlich und ohne Voyeurismus, doch mit viel Anteilnahme, zeigen die Bilder von Jugendlichen aus der Serie "Erwachsen werden" die Fragilität der Kindheit auf.

In gewisser Hinsicht sind Jókays Bildnisse auch Selbstporträts. Nicht physiognomisch, sondern psychologisch. Das Sehen ist keine Einbahnstraße. Das beweisen diese sensiblen Fotografien erneut aufs Anschaulichste.

Diese Rezension wurde zuerst in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung veröffentlicht.

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Öffnungszeiten
Dienstag 10 - 20 Uhr
Mittwoch bis Sonntag 10 - 18 Uhr
Montag geschlossen

Eintrittspreise
- Sammlung
Tageskarte: 3,50 EUR ermäßigt 2,00 EUR
- Wechselausstellung
Tageskarte: 4,00 EUR ermäßigt 2,60 EUR