Ausstellungsbesprechungen

Ulrike Grossarth - Wäre ich von Stoff, ich würde mich färben, Generali Foundation, Wien, bis 29. Juni 2014

Fragen nach dem Verhältnis von Kunst und Geschichte waren schon immer ein beliebter Ausgangspunkt für Diskussionen und Ausstellungen. Die deutsche Künstlerin Ulrike Grossarth (Jahrgang 1952) erinnert daran, wie sich das Verständnis der Geschichtswissenschaft für aktuelle, ästhetische Arbeitsweisen zu den historischen Imaginationen der Gesellschaft in Beziehung setzt. Die Wiener Generali Foundation zeigt die bislang umfangreichste Retrospektive der Künstlerin. Zu sehen sind alle Werkkomplexe der Künstlerin von ihren Anfängen als Tänzerin in den 1970er Jahren, über ihre plastisch-bildnerischen Arbeiten und Aktionen, bis hin zu ihren zuletzt entstandenen Werken. Petra Augustyn hat sich umgesehen.

»BAU I« zu Beginn der Ausstellung kommt einem bekannt vor, nämlich von der documenta X in Kassel 1997. Etwa zehn Jahre hat Ulrike Grossarth an der Entwicklung dieses»plastischen Milieus« gearbeitet. Tische, Projektoren, Projektionen, Glasscherben, Warenartikel, Fotos: alles auf den ersten Blick wahllos zusammenstellt und doch genau bedacht. Der BAU ist im Grunde eine Art Privatsprache: Alle Eigenschaften der verwendeten Gegenstände haben Einfluss auf die Logik der entstehenden Gesamtform. »Mich interessierte eine Art der Intervention, die den Raum vom Gegenstand ununterscheidbar werden lässt, um damit Wahrnehmungs- und Erfahrungsweisen zu schaffen, die nicht auf der Trennung dieser beiden Aspekte beruhen«, so Grossarth. Sie geht aus von der Frage des Objektsbegriffs im 20. Jahrhundert, wie er bereits bei Marcel Duchamps Idee des industriellen Produkts als Fertigware zu finden ist und der bis hin zum Kultischen des Warenfetischs und dem Status des Objekts als Zeichen und Code reicht: Eine Lesart, deren Arrangements und Bedeutungsgeschichte es galt abzubauen und den Gegenstand zu einer Präsenz zu führen.

Der Besucher der Ausstellung ist ebenso Teil des Wahrnehmungsfelds: Gehend und schauend erschließt der Betrachter das plastische Milieu in der Zeit. Das Umkreisen, Näherkommen und Abstandnehmen von allen Seiten und aus verschiedenen Richtungen korrespondiert mit der offenen Struktur des Feldes. Somit wird, durch die physische Anwesenheit und die Bewegung der Menschen BAU I zur Inszenierung – die Projektionsträger werfen Schatten und unterbrechen, löschen, oder betonen die Lichtbilder und Zeichen.

Ulrike Grossarth studierte Tanz in Köln, Dresden und Essen, wo sie als Teil der deutsche Fluxusszene einen Ableger von Joseph Beuys’ Free International University leitete. Heute ist sie Professorin der Fachklasse »Übergreifendes künstlerisches Arbeiten« in Dresden. Radikal neue Denkräume und Aggregatzustände von Körpern, die Wirkungsweisen plastischer Zustände stehen im Fokus ihres künstlerischen Schaffens. Philosophische und andere wissenschaftliche Systeme wie die »Encyclopédie« Diderots und D’Alemberts von 1751 hat sie in ihren Werkserien vereint. Zentral für sie ist Hannah Arendts Buch »Vita activa oder vom tätigen Leben«. Darin werden die drei Grundtätigkeiten des menschlichen Lebens definiert: Arbeiten, Herstellen und Handeln. Für Arendt ist das Handeln der »eigentliche Ursprung menschlicher Prozesse«, die »man nicht rückgängig machen kann« und »die Kräfte erzeugen, die im Haushalt der Natur nicht vorgesehen sind«. Diese Handlungsbegriffe setzt Grossarth in »Public Exercises« um, einem Reiseprojekt quer durch Ostereuropa (Ungarn, Polen, Serbien, Tschechien, Ukraine). Sie sieht dieses Projekt als »Übungsreihe zur Überwindung fixierter Kulturmodule«.

In der Ausstellung wird ein Teil eines Fotozyklus um das jüdische Viertel in Lublin aus der Zeit unmittelbar vor der deutschen Besatzung vorgestellt. Die um 1938 entstandenen Aufnahmen des Lubliner Fotografen Stefan Kiełsznia (1911-1987) zeigen einzelne Straßenzüge. So entstand eine außergewöhnliche Bildfolge, die das Leben in einem der jüdischen Zentren Polens kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges festhält. Vor diesem Hintergrund ermöglicht der Dialog der bildkünstlerischen Werke Ulrike Grossarths und der Fotografien Stefan Kiełsznias einen ebenso ungewöhnlichen wie vielschichtigen Zugang zu Aspekten der Geschichte und des europäischen Geisteslebens. Aus den Fotografien herausgegriffene Details, darunter vor allem Motive von Werbetafeln für Stoffe, Textilien und Alltagsgerät, die die Straßenszenen bestimmen, werden zu abstrakten Emblemen, aber auch zu gegenständlichen Verweisen auf eine lebendige Kultur und Gesellschaft verwandelt, deren Abwesenheit als Leerstelle bis heute fortwirkt.

Das Werk »Gotische Tänze« ist das Resultat einer Auseinandersetzung mit dem Gebrauch von Material im Kathedralenbau des Mittelalters und dem Lebensgefühl des Gotikers, das unter dem Druck von Zerrissenheit und Friedlosigkeit in einem Furchverhältnis zur Erscheinungswelt stand. Ulrike Grossarth trägt ein weißes Kleid, das mit der Auskleidung des Aktionsraums korrespondiert. Durch die tänzerischen Bewegungen sollte nicht nur der Körper, sondern vor allem das Kleid bewegt werden. Das Kleid dient als Metapher für den Stein, der im gotischen Kathedralenbau in einer Weise benutzt wurde, die nicht mehr nur den Zweck des organischen Lastens und Tragens erfüllt, sondern durch weitestmögliche Reduktion metaphysischen Ideen dienen sollte.

Die Ausstellung in der Generali Foundation ist wie immer sehr sehenswert. Überschattet wird sie von der Hiobsbotschaft, dass mit 2016 die gesamte Sammlung von 2100 Kunstwerken, samt Bibliothek und Archiv, nach Salzburg ins Museum der Moderne am Mönchsberg wandert. Der Betrieb in Wien endet Anfang 2015 oder noch früher. Eine 25-jährige Zusammenarbeit mit dem Museum der Moderne wurde durch den Präsidenten und Gründer der Foundation, Dietrich Karner, besiegelt. Wien verliert mit dieser Fusion nicht nur einen Ausstellungsort, der für repräsentative, durchdachte und intelligente Ausstellungen bekannt ist, sondern zugleich eine gewichtige Rolle für Künstler und Kunstwissenschaftler auf internationaler Ebene spielte.