Buchrezensionen

Ulrike Lorenz / Gudrun Schmidt: Otto Dix. Briefe, Wienand Verlag 2013

Seine Kriegsbilder sind derzeit in allen Medien präsent, in all ihrer Eindringlichkeit und Düsternis. Unweigerlich fragt man sich, was im Kopf des Mannes vorging, der sie schuf, was ihn beschäftigte, wer er war. Ein großes Fenster in seine Gedankenwelt öffnet nun die über 1000 Briefe und Karten umfassende Sammlung von Ulrike Lorenz und Gudrun Schmidt. Raiko Oldenettel hat sich durch das monumentale Werk gekämpft und ist geradezu euphorisch!

Bielefeld, 21.05.2014 – aus seinem Arbeitszimmer

»Lieber Wienand Verlag,
liebe Frau Lorenz [gemeint ist Ulrike Lorenz],
liebe Frau Schmidt [gemeint ist Gudrun Schmidt]

          was für ein Klotz, dieses Buch über Dix und seine Briefe! Was für ein wunderschöner, von einer Mammutstötung gleicher Größe zu verstehender Beweis an die geliebte Kunstgeschichte und der Erforschung eines Künstlers, seiner Bedürfnisse, seines Schaffens und seiner Seelenwelt in postalischen Hinterlassenschaften!
         Wäre es nicht so verdammt unverschämt schon am Anfang eines Briefes Bravo zu klatschen, ich würde es unvermittelt und mit Leidenschaft tun. Mit welcher Mühe auch immer Sie sich diesem Komplex Dix genähert haben, wir werden sie in den eigentlichen Ausmaßen sicherlich nie begreifen können. Ihre Arbeit wird die Zukunft bereichern und [unleserlich] in die Belange der Kunsthistorik eingreifen. Davon bin ich überzeugt!

Es dankt,
hochachtungsvoll,
Raiko Oldenettel

PS: Bravo!«

Am 21.05.2014 verfasste er zudem eine Rezension zu »Otto Dix – Briefe«, im Wienand Verlag erschienen; 2013

So könnte sie aussehen, die Lobeshymne in postalischer Form, wenn sie in den Kanon der untersuchten Briefe von Otto Dix eingehen würde. Denn mit nicht weniger als dieser besorgniserregenden Akribie haben sich Ulrike Lorenz und Gudrun Schmidt dem Briefwechsel des Künstlers gewidmet. Die kolossale Anzahl und die nicht ganz nachvollziehbaren Aufenthaltsorte verschwundener Briefe machten die Recherche überhaupt zu einer schweren Aufgabe. Nicht abzuschätzen, wo sich noch weitere Briefe befinden, irgendwo im Kunsthandel zwischen den Händen rotieren. Und dann noch diejenigen, die wissentlich Briefe zurückhalten, wo sie doch dem höheren Verständnis des Künstlers dienen würden. Nein, ich musste meinen Hut schon an allein vor der Aufgabenstellung ziehen und als der Band dann hier auf dem Schreibtisch angekommen war, konnte ich aufgrund der tausend Seiten Umfang nur schwer schlucken.

Es ist kein Spaziergang, dieses Buch, sondern ein wirklich umfassend und sorgfältig gegliedertes Verzeichnis, das mit vielen guten Einfällen brilliert. Einer davon ist die grobe Einteilung in die vier bedeutenden Bereiche der Briefwechsel. So kann der geneigte Leser sich im Themenfeld Familie umschauen, doch kann auch der Historiker zwischen den Kunsthändlern, oder dem Bereich der Kollegen und Freunde sowie den Institutionen wählen. Einwandfrei ist dies nicht immer zu bewerkstelligen, denn aus Kollegen wurden Freunde, aus einstigen Freunden starre Vertreter von Institutionen, mit denen Dix sich rumplagen musste. Die Auswahl ist dennoch durchweg gelungen. In eigenen Untersuchungen von Briefen aus dem kritischen Zeitraum des Ersten Weltkriegs habe ich oft selbst erfahren, dass es nicht einfach ist das Relevante in einem grenzenlos erscheinenden Konvolut zu erfassen. Die beiden Damen lassen es so einfach aussehen, dass es mich gruselt!

Wäre das alles nun eine Reihenfolge von einfachen Briefen, dann wäre jedoch auch dem Wissenschaftler nicht geholfen. Im Gegenteil! Dix ließ oft Überschriften, Datierungen und richtige Angaben zu Titeln, Personennamen, Bezahlungen und Aufenthaltsorten unter den Tisch fallen. Das war nun einmal seine Art. In diesem Band sind daher vorsichtige Querverweise eingestreut, die uns zu den Persönlichkeiten, den Werken und den Schaffensorten führen. Sorgfältiger geht es nicht. Albert Speer korrespondiert mit Dix? In welcher Sache? Ein Blick in den Anhang verrät es und die detaillierten Werkverzeichnisse lassen keinen Wunsch offen. Schön auch die von Zeit zu Zeit auftauchenden Abbildungen, die einem die Realität der Postkarten von der Front, oder die späteren Briefe in Korrespondenz mit potentiellen Käufern näher bringen. Eine erkannte und gut genutzte Chance.

Faszinierend auch die eingehenden fast vierhundert Seiten Briefwechsel mit seiner Familie. Wird durch seine Bilder und seine Radierungen oft der Eindruck erweckt, Otto Dix wäre auf der Welt gewesen, um Bösartigkeit aufzusaugen und auf die Leinwand zu spucken, dann zeichnet sich zu Beginn des Bandes ein ganz anderes Bild. Ein Familienmensch, teils sehr warmherzig, durchaus pragmatisch und an manchen Stellen spröde, sodass er sich in den darauffolgenden Briefen selbst darüber schämt. Ein Mensch, der seinen Liebsten nahe stand und der sich um das Glück der anderen kümmerte. Die Zugeständnisse an die zerbrechende Ehe mit seiner ersten Frau bewegen nicht nur Feder und Tinte, sie lassen uns auch teilhaben an mentalen Prozessen, von denen noch zu wenige Beachtung in der Kunstgeschichte finden.

Der Band schließt mit einer kurzen Biographie, einem Werkverzeichnis, einem Verzeichnis über die in den Briefen erwähnten Personen und nicht zuletzt auch mit einem Verzeichnis der Quellen und der vorliegenden wissenschaftlichen Literatur. Er ist ein Klotz, wie ich eingangs schrieb. Ein Klotz mit neon-grünem Farbschnitt zwischen zwei großen blauen Buchdeckeln. Das wichtigste Instrument zur Bewältigung dieses Titans? Ich rate zu zwölf weiteren Lesezeichen, denn das feine blaue Bändchen des Bands allein wird Ihnen nicht reichen!

Ich rate jedem Interessierten, jedem Student mit Hang zur Spurensuche, jedem detailverliebten Forscher und jeder gut sortierten Dix-Bibliothek zu diesem Meisterstück. Viel besser kann man es nicht machen!