Ausstellungsbesprechungen

Unendlicher Spaß, Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 7. September 2014

Selbstoptimierung, Selbstdarstellung und zugleich Spaß, Spaß, Spaß. Das ist die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Achtzehn Künstler präsentieren ihre Gedanken zu dieser Entwicklung in der Ausstellung, die nicht von ungefähr den gleichen Titel trägt wie der berühmte Roman. Die jedoch ist nicht immer ein Spaß, findet Anett Göthe.

»Unendlicher Spaß« heißt die aktuelle Ausstellung der Schirn Kunsthalle Frankfurt, die vom gleichnamigen Roman von David Foster Wallace inspiriert wurde und – dem dem Titel zu Trotz – einen pessimistischen und ernüchternden Blick auf den modernen Menschen und seinen obsessiven Drang nach Selbstdarstellung wirft. Schneller, hipper, erlebnisintensiver: Die Postmoderne erlaubt fast alles, fordert dafür aber permanente Selbstoptimierung.

Zu sehen sind in der aktuellen Schau Werke von achtzehn zeitgenössischen Künstlern zu Themen wie Erlebnis- und Spaßgesellschaft, das Streben nach Selbstoptimierung und dessen Scheitern – immer mit dem Anspruch, an die Erzählstruktur des Romans von Foster Wallace anzuknüpfen. Der Titel verspricht einiges, doch unendlichen Spaß sollte man in der Schau nicht erwarten.

In der literarischen Vorlage von Foster Wallace ist »Unendlicher Spaß« eine süchtig machende filmische Droge, die von Separatisten ins amerikanische Fernsehen gebracht werden soll, um damit der Spaßgesellschaft den Garaus zu machen. Dagegen macht die Frankfurter Ausstellung mit ihren gänzlich heterogenen Werken sicher nicht süchtig. Aber sie knüpft ganz bewusst an die etwas verworrene und labyrinthische Erzählweise des Romans an: So soll sie sich nicht nur wie ein Labyrinth anfühlen, sondern jede Arbeit soll sich ihren ganz eigenen Raum schaffen.

Thematisch befassen sich die einzelnen Künstler in der Ausstellung, losgelöst vom namensgebenden Roman, mit der Überforderung des Einzelnen in einer Gesellschaft, in der man sich beständig – ob real oder im virtuellen Netz – selbst darstellen muss. Dabei sind die neuen Medien als ein bedeutender Faktor unserer zivilisatorischen Entwicklung und ihre Kurzlebigkeit das vorrangige Thema der künstlerischen Beiträge. Joep van Liefland zeigt in seiner labyrinthartigen und klaustrophobischen Installation schmale Gänge, in denen sich Regale voller VHS-Kassetten, die Zeugnis einer scheinbar manischen Sammelleidenschaft sind, eng aneinander reihen. Nur leider ist diese trashig anmutende Film-Sammlung absolut nutzlos und unbrauchbar, da die VHS-Technologie mittlerweile völlig überholt ist.

Der Amerikaner Ryan Trecartin, demonstriert in seinem Video »Ready (Re’Search Wait’s)« den Zwang zur permanenten Neuerfindung des Ich. Er bombardiert den Betrachter mit einem hysterischen Selbstdarstellungsvideo, das sämtliche sexuelle Identitäten – sofern überhaupt noch vorhanden – in die Fragmentierung zieht.

Andrea Fraser spielt uns in einem Film Teile ihrer eigenen Psychoanalyse vor. Sie sitzt sich selbst gegenüber und ist dabei Therapeutin und Patientin in Einem, die sich zugleich sowohl selbst behandelt als auch optimiert. Josh Klein reanimiert durch Übereinanderprojektion mehrerer Bilder die tote Whitney Houston und lässt sie ein völlig normiertes Interview geben. Unendlich trostlos wirkt die Arbeit von Peter Coffin, der einen Strauß bunter Luftballons – ein Stereotyp für Kinderglück – in einer raumfüllenden, titellosen Installation immerfort im Kreis Achterbahn fahren lässt. Maurizio Cattelan, der die Wände mit 250 Miniaturmasken seiner selbst bestücke, möchte auf diese Art und Weise die Fortschritte und aktuelle Diskussionen der Gentechnologie ins Gespräch bringen.

In der Ausstellung ist Daniel Richter mit dem traditionellen Genre der Malerei vertreten. Die drei gezeigten großformatigen Arbeiten zeigen sowohl blutige Gestalten im Schnee, die Frankfurter Drogenhölle der achtziger Jahre als auch die Rückenansicht eines Rockers, der den Spruch »Fuck the Police« auf der Lederjacke trägt. An solchen Bildern erkennt man, wie sich unsere Gesellschaft verändert hat: Slogans, die früher, also in der Zeit des Entstehens der Werke, aufrüttelten oder Empörung hervorriefen, sind heutzutage – modisch auf T-Shirts gedruckt – bei H&M erhältlich. Die Revolution gibt’s jetzt für jeden zu kaufen. So werden wir ständig konfrontiert mit verheißungsvollen Möglichkeiten einer globalen und virtuellen Welt. Doch zugleich müssen wir uns selbst ständig optimieren. Die heutige Wohlstandsgesellschaft muss den Druck aushalten zwischen »Alle-Möglichkeiten-haben« und »Alle-Möglichkeiten-nutzen-müssen«, was das einzelne Individuum stets zwischen Euphorie und Depression pendeln lässt. Und das ist wirklich kein Spaß! Im Gegenteil, eine gewisse Erschöpfung macht sich breit. Und so zeigt auch die Ausstellung eine gewisse Ermüdung der Postmoderne, zum Beispiel in dem zum Kreis geknautschten Fahrrad von Alicja Kwade, das verdeutlicht, wie sich jeder Einzelne hinsichtlich seiner Selbstverwirklichung am Ende nur noch um sich selber dreht.

Die sich durch die ganze Ausstellung ziehende Ermüdung ergreift auch die tausend und abertausenden Papierschnipsel in der Installation »Tutti giu per terra« von Lara Favaretto, die eigentlich angetrieben von großen Windmaschinen, gleich wie im Kinderland, hinter einer Glasscheibe wild herumwirbeln sollten. Sie haben sich jedoch durch den Dauerluftstrom der Ventilatoren in den Ecken und im Windschatten festgesetzt. Hier bewegt sich nicht mehr viel und so wirkt die Installation nur noch trist und perspektivlos.

Die Präsentation entlässt ein wenig ratlos und deprimiert. Unendlich groß ist der Anspruch der Arbeiten, dabei hält sich der Spaß jedoch extrem in Grenzen.