Ausstellungsbesprechungen

Unstern. Sinistre. Disastro. Visionen zeitgenössischer Künstler

Nahe des Weimarer Schlosses, in einer ruhigen, kopfsteingepflasterten Straße liegt die ACC Galerie. Im Erdgeschoss lädt das hauseigene kleine Café mit Hamburger Schanzenviertel-Charme zum gemütlichen Verweilen ein. Doch spätestens beim Blick auf den dort angebrachten Flachbildfernseher wird jedem gewahr, dass die aktuelle Ausstellung wohl weit weniger »beschaulich« sein wird als das Ambiente: In Endlosschleife läuft hier ein Universalkatastrophenvideo.

12 parallel gezeigte Aufnahmen haben »für jeden Geschmack« etwas dabei: Naturkatastrophe, Flugzeugabsturz, Kriegsbilder oder die stets - und immer noch - beliebten Twin Towers.

Abenteuerlich geht es im ersten Obergeschoss weiter. Dies liegt an den Exponaten ebenso wie an der Ausstellungsarchitektur: Winzige, asymmetrische, polygonale Räume wurden zu einem verwirrenden Labyrinth verschachtelt und stellen eine Herausforderung für jeden noch so guten Orientierungssinn dar.

Walter Sachs, Septemberblätter »Einflüsterung«, 2001, Tusche auf Papier, 49 x 35 cm © Walter Sachs Foto: Claus Bach

Walter Sachs, Septemberblätter »Einflüsterung«, 2001, Tusche auf Papier, 49 x 35 cm © Walter Sachs Foto: Claus Bach

Doch nicht nur Klaustrophobiker – auch übersensible Naturen sollten der Ausstellung lieber fern bleiben. Überdies wird wohl auch das »political correctness-Empfinden« einiger Besucher nicht unangetastet bleiben. Eine große Portion Zynismus, eine Prise Abgeklärtheit und – falls vorhanden – Freude am Katastrophalen sind die richtige Voraussetzung für die Ausstellung mit dem Titel »Unstern. Sinistre. Disastro«. 19 Künstler aus aller Herren Länder haben hier ein buntes Potpouri aus Unheilsvisionen und wahren Unglücken kreiert.

Gegenüber den 9/11-Tuschezeichnungen des Weimarer Künstlers Walter Sachs läuft eine fiktive Videobotschaft »Osama Bin Ladens«, der - sich mit Sake betrinkend - ironische Monologe hält. (Makato Aida, The Video of a Man Calling Himself Bin Laden, 2005). Dort findet man sich also hin- und hergerissen zwischen den schlichten, fast archaisch anmutenden, schwarz-weißen Septemberblättern Sachs’, deren bedrohliche Wirkung durch Titel wie »Eingeschlossen« oder »Verstummt« noch verstärkt wird, und einem »Bin Laden«, der den Besucher mit Versprechungen wie »No more terrorism for me« oder »I’m a nice guy« ob ihrer Absurdität unweigerlich zum Schmunzeln zwingt.

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Jörg Ollefs, Little World, 2006, Memory-Spiel, © Jörg Ollefs

Jörg Ollefs, Little World, 2006, Memory-Spiel, © Jörg Ollefs

Im nächsten Raum macht die begehbare Installation des Künstlers Xu Tan auf die Millionen heimatlosen Wanderarbeitern Chinas aufmerksam. Ein Zelt aus rot-blau-weißem Kunststoffgewebe steht symbolisch für die »Staatenlosen«, die ihren Hausstand in eben solchen Taschen herumtragen. Im Inneren des Zeltes kann der Besucher der beliebtesten asiatischen Unterhaltungsform frönen: Karaoke. (Xu Tan, Big Bag Karaoke, 2008). Zur weiteren Unterhaltung steht das Memory Spiel Jörg Ollefs' bereit, wobei Bildpaare, wie Tunnelbrände oder Waldleichen gesammelt werden müssen. Fraglich ist, ob die gesellschaftskritische Aussage des politisch engagierten Künstlers Tan nicht im Amüsement untergeht, statt sie zu kontrastieren.

Liz Bachhuber After the Flood, 2008 ortsspezifische Installation © ACC Galerie Weimar Foto: Claus Bach

Liz Bachhuber After the Flood, 2008 ortsspezifische Installation © ACC Galerie Weimar Foto: Claus Bach

Liz Bachubers mehrere Meter lange Installation »After the Flood« thematisiert das Jahrhunderthochwasser des Jahres 1994 als die Ilm in Weimar zu einem reißenden Strom wurde. Persönliche Gegenstände, wie Briefe, Spielzeug, alte Zeitungen und Kleidung wurden von den Wassermassen mitgerissen und fanden sich nach Rückgang der Flut in Büschen und Bäumen verfangen wieder. »After the Flood« erscheint jedoch nicht wie das Zeugnis einer Katastrophe, sondern vermittelt die romantische Stimmung eines alten Dachbodens, auf dem sich allerlei vergessene Schätze wieder finden lassen.

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Franco, Cilia, Superstiti, 1985, ÖL auf Leinwand, 50 x 60 cm, © Franco Cilia

Franco, Cilia, Superstiti, 1985, ÖL auf Leinwand, 50 x 60 cm, © Franco Cilia

Eine Vorstellung vom Fegefeuer vermitteln einem die Gemälde Franco Cilias, dessen Vorbild Francisco de Goya eindeutig aus den fratzenübersäten Bildern herauszulesen ist: auf einem Berg von leblosen Körpern und vor blutrotem Himmel liefern sich aus der Unterwelt zu stammen scheinende Kreaturen einer grausamen Schlacht mit einem Riesen. Der zweite Weltkrieg ist ebenso Thema der Ausstellung, wie der Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek vor vier Jahren. Globales trifft Regionales. Auch wenn das manchem unverhältnismäßig vorkommen mag:

Der Betroffene trauert doch immer gleich. Das persönliche Unglück multipliziert sich nicht mit dem Ausmaß des »Gesamtunglücks«. Im Gegenteil: Das schaurige Wohlgefühl, das einem beim Anblick des Leids anderer befällt, dürfte einem Großteil der Menschen nicht unbekannt sein – die etlichen Schaulustigen bei Autounfällen sprechen für sich. Die Lust an Unglück und Verderben gehört nunmal seit jeher zur menschlichen Natur - man denke beispielsweise an die öffentlichen Hinrichtungen im Mittelalter.

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Wer jedoch angesichts all des Leids und Unglücks ganz aufgewühlt ist, sollte sich zur Entspannung dem 8.000-teiligen Ravensburger Puzzle widmen, das zum fertig puzzeln kurz vor Ende der Ausstellung wartet. Wer alle Teile richtig zusammengefügt hat, darf sich freuen: nicht nur, weil er das geschafft hat, sondern auch, weil er nicht beim Zugunglück von Eschede dabei war – das nämlich ist Motiv des Puzzles.

Doch so makaber und bizarr einiges auch scheint, Ziel der Ausstellung ist es nicht, die perverse Sucht nach Katastrophen und die Schaulust zu befriedigen, Sondern - im Sinne Goethes, der große Unglücke »der Menschheit bestes Theil« nannte – zum Nachdenken über die Machtlosigkeit und Vergänglichkeit der Menschheit anzuregen und sich in Wertschätzung gegenüber des eigenen behüteten Lebens zu üben oder vielleicht sogar - so abgedroschen es auch klingen mag - in Dankbarkeit, dass man nicht zu den Opfern dieser Unglücke zählt.

Unbestreitbar bleibt natürlich jedoch, dass vom Katastrophalen eine gewisse Faszination ausgeht – und immer schon ausging, wie die fiktiven Zeichnungen vom brennenden Weimarer Schloss aus dem 18. Jahrhundert zeigen – die sich die Ausstellung unweigerlich zu Nutze macht.

Doch ob nun im negativen oder positiven Sinne: die Künstler bleiben im Gedächtnis und zwingen noch Stunden, wenn nicht Tage später zum Nachdenken über das Gesehene.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten
Montag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr, Freitag und Samstag 12 bis 20 Uhr und nach Vereinbarung.

Führungen
Sonntag 15 Uhr und nach Vereinbarung.

Eintritt
€ 3,- / ermäßigt € 2,-