Meldungen zum Kunstgeschehen

Ursprungsmomente, Wunder und Magie in »Moeder« von Peeping Tom

Die belgische Tanztheater-Kompanie Peeping Tom ist bekannt für ihre absurd-unterhaltsamen und akrobatisch anspruchsvollen Stücke. Dabei lassen sich auch immer viele Bezüge zur belgisch-niederländischen Kunst finden wie beispielsweise den flämischen Primitiven. Das Stück »Moeder« ist nach »Vader« der zweite Teil einer Trilogie, die mit »Kinderen« enden wird. Susanne Braun hat sich bestens unterhalten gefühlt und viele unerwartete Zusammenhänge zwischen Kunst und Leben entdeckt.

Ein Paar lernt sich kennen, stellt den Verwandten den Partner vor und bekommt ein Kind - das alles verläuft hier durchaus romantisch, aber sehr schnell und ohne jegliche Dramatik. Zwar scheinen die Verwandten bei dem gegenseitigen Kennenlernen ein wenig reserviert und sie reagieren auch später immer wieder erstaunlich irritiert angesichts des sich offenbar nachhaltig fremd anfühlenden Familienmitglieds, doch zunächst scheint es, als könnte der Alltag der beiden eigentlich ganz unkompliziert verlaufen. Aber in das Leben des Paares und der Menschen um sie herum schleichen sich mehr und mehr absurde und gerade dadurch besonders surreal anmutende Ereignisse, die das Familienleben des Paares zunehmend durcheinanderbringen.

In einem Moment wird der Boden plötzlich spiegelglatt. Ohne äußerlich erkennbaren Grund gerät eine laufende Frau unversehens ins Rutschen, verliert das Gleichgewicht und kann sich kaum noch fortbewegen. Rein akustisch wirkt es auf einmal so, als sei die rutschende und schlitternde Frau von viel Wasser umgeben. Als es der verzweifelten Frau gelingt, sich mit Schwimm-Bewegungen aus der Gefahrenzone zu retten, scheinen immerhin die Geräusche zu dem Phänomen zu passen, das optisch vollkommen unfassbar bleibt. An anderer Stelle biegen und winden sich die Charaktere auf der Bühne unversehens. Eine Art Wind scheint zu bewirken, dass die Menschen sich sogar in ihren eigenen vier Wänden kaum noch aufrichten und manchmal sogar die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren scheinen. Dann durchbrechen plötzlich und unerwartet Menschen wie eine Naturgewalt die Privatsphäre einzelner Personen und stellen sich ihnen in der Art eines deus ex machina entgegen. Allen Phänomenen ist zu eigen, dass sie vollkommen unerwartet auftreten und sich den gängigen Gesetzen der Logik entziehen.

Das Paar und die übrigen Bewohner leben umgeben von vielen Gemälden, Skulpturen und einem Piano, das hin und wieder von einer einzigen Frau gespielt wird. Bestimmt wird das Leben der Familie außerdem durch einen Kaffeautomaten sowie ein abgetrenntes Areal, zu dem eine Tür führt und das durch ein großes Fenster eingesehen werden kann. Hier findet beispielsweise die Geburt des Kindes vor den Augen der Zuschauer unter ärztlicher Anleitung statt. Dabei verhilft der Geburtsvorgang nicht nur dem Kind zum Leben, sondern die Schmerzensschreie der Mutter erwecken außerdem einen Rocksong zum Leben, den sie plötzlich stimmgewaltig und umgeben von einer Band im Kreißsaal darbietet.

Die enge Verschmelzung von Kunst und Leben wird auch in vielen anderen Momenten greifbar. Menschen nehmen aus einem natürlichen Impuls heraus Posen ein, die etwa an berühmte Porträts von Heiligen erinnern und werden dadurch ebenso unbeabsichtigt wie überzeugend spontan zu tableaux vivants. Andere »versteinern« in voller Absicht zu lebenden Skulpturen, die so echt wirken, dass die Putzfrau sich schnell daran macht, sie einmal gründlich abzustauben. Manchmal werden solche Effekte etwa durch Musik untermauert, manchmal durch Handlungen. Den Eindruck etwa, dass die Bewohner allenfalls Gast im eigenen Haus sind, unterstreichen gleich mehrere Museumsführer, indem sie ungebeten mit einer Besuchergruppe auftauchen und ihnen die Gemälde an den Wänden erklären. Ohne auf das ungläubige Staunen der Bewohner zu achten, führen sie die Menschenmenge unbeirrbar zum Herzstück der Sammlung: der Darstellung eines menschlichen Herzens, aus dem echtes Blut zu strömen scheint, sobald sich die Besuchergruppe nähert. So erscheint nicht nur die Faszination für christliche Reliquien auf einmal ganz nahe, sondern auch die surrealen und grotesk-fantastischen Bildwelten René Magrittes, Peter Paul Rubens oder Hieronymus Boschs.

Indem »Moeder« die Geburt der Kunst aus dem Leben nahe legt – die der Rockmusik aus einem Schmerzensschrei, die des neuzeitlichen (Heiligen-)Porträts aus dem Alltagsleben sowie die der Kunst generell aus einem Kultgegenstand, dem eine besondere Magie anhaftet – rührt das Stück bereits in mehrfacher Hinsicht an den Ursprung der Dinge. Darüber hinaus liegen der Handlung des Stücks familiäre Bindungen zu Grunde, die wahrscheinlich prägendsten zwischenmenschlichen Konstellationen überhaupt. Auch die grundlegenden Unterschiede zwischen Mann und Frau werden immer wieder thematisiert, woher auch immer sie kommen mögen. Versucht die Frau den streikenden Kaffeautomaten etwa mit Streicheleinheiten zum Funktionieren zu bewegen, wählt der Mann die erfolgreichere Methode und erhält nach einem rabiaten Fußtritt im Gegensatz zu ihr seinen frischen Kaffee sofort. Nur die Rolle des Elternpaares entzieht sich jeder gängigen Darstellungsweise und damit auch dem Klischee. Da das Kind nach der Geburt nicht richtig gesund zu sein scheint, muss es, von Ärzten betreut, in einer Art Brutkasten leben. Alle Bitten und Wutanfälle der Eltern helfen nichts, die Ärzte bestehen darauf, das Kind in dem Kasten zu lassen, obwohl eine Bindung zu den Eltern so fast unmöglich wird und der Kasten im Laufe der Jahre zu eng zu werden droht. Doch auch hier scheint sich in einem Augenblick zumindest wieder ein Urmoment zu verbergen: In einer Szene ist das Kind, das den Kasten nie verlassen kann, inmitten unberührt wirkender Natur zu sehen und erinnert so