Buchrezensionen

Ute Bales: Die Welt zerschlagen, Rhein-Mosel-Verlag 2015

Fast vergessen war Angelika Hoerle, doch leistete die Künstlerin einen bedeutenden Beitrag zum Kölner Dadaismus. Erst seit einigen Jahren ist sie wieder ins Bewußtsein einer breiteren Öffentlichkeit gerückt und wurde 2009/10 mit einer Ausstellung geehrt. Ute Bales spürt in ihrem Roman der Persönlichkeit hinter den Werken nach. Stefanie Handke hat sich in das Buch vertieft.

Einige Kinder spielen im Hinterhof, erzählen sich Geschichten vom Hof. Ein Mädchen stellt den Tod durch ertrinken nach. Ihr Bruder erschrickt. Das Mädchen ist Angelika Fick, später Hoerle. Schon früh zeigt sich ihre Entschlossenheit, ihre Unabhängigkeit im Denken und Handeln. Eigentlich kein Wunder, bei diesen Anlagen: Ute Bales zeichnet das Bild einer weltoffenen Familie. Die Kinder der Familie Fick wachsen mit durch die Mutter erteilten Klavierstunden auf, mit Kammermusikabenden im elterlichen Heim, mit Theater- und Museumsbesuchen. Früh lernt die jüngste Tochter Angelika lesen, eifert ihrem Bruder Willy im Zeichnen nach und träumt bereits als Dreizehnjährige davon, Künstlerin zu werden. Die Eltern winken ab: Sie soll etwas richtiges lernen und an der Kunstgewerbeschule in Köln werden ohnehin keine Frauen angenommen. Bei aller Liebe zu Kunst und Kultur ist ihnen die Begeisterung der Tochter für die Kunst suspekt und oft genug muss Angelika sich rausschleichen, um an Zusammenkünften der Kunststudenten und Künstler der späteren Avantgarde in Köln teilnehmen zu können.

Zunächst scheint es, als würde sich ihr Leben aber doch in geregelte Bahnen lenken: Nach ihrem Schulabschluss beginnt sie eine Lehre bei einer Hutmacherin, die sie mit ihren Entwürfen überzeugen kann. Privat widmet sie sich immer stärker der Kunst der Moderne, besucht Sonderbund- und Werkbundausstellung, knüpft Kontakte zur Avantgarde in Köln, lernt über die Künstlerfreunde auch ihren späteren Mann Heinrich Hoerle kennen. Die Eltern beäugen ihn kritisch; nicht nur, dass er ein mittelloser Künstler ist, nein, er ist auch schroff, oft unhöflich, schwierig. Das Ziel all der jungen Künstler: den etablierten Betrieb aufmischen, unbequeme Werke zu schaffen.

Der Beginn des Krieges dringt in diese scheinbar heile Welt aus langen Tagen und kurzen Nächten, aus Kunst, Zeichnung und Grafik, aus Diskussionen rund um die Maler der Moderne. Mehr und mehr schleicht sich die ohnehin schon immer gegenwärtige Politik in die Gespräche der Künstler, die sozialdemokratische Überzeugung des Vaters und des Bruders beeinflusst Angelika Fick immer mehr und treibt sie an, mit ihrer Kunst die Welt zu verändern. Angelika lernt Hans Arp kennen, May Ernst oder das Ehepaar Jatho.

Gegen den Willen ihrer Eltern heiratet sie schließlich Heinrich Hoerle, es kommt zum Bruch und fortan haust das Paar in einer Mansardenwohnung in Armut. Nicht nur die Folgen des Krieges lassen sie Hunger leiden, auch die nicht verkauften Bilder. Angelika und Heinrich Hoerle sind stets mit der Miete im Rückstand, lassen anschreiben oder leben dank der Unterstützung ihrer Freunde und des Bruders Willy mehr schlecht als recht. Nichtsdestotrotz ist die Wohnung des Paares ein Zentrum des Kölner Dada. Die Künstlerin schafft beeindruckende Bilder, liefert Zeichnungen und Grafiken für Ausstellungen, bekommt Lob von Kollegen und Anerkennung von Freunden. Mehr und mehr schleicht sich Aktivismus in die Kunst Angelikas, dank Arp und Ernst verbindet sie Dada-Ideale mit politischem Anspruch, will Kunst für die Arbeiter schaffen, mit ihren Werken zum Protest aufrufen und oft auch nur an den schließlich verlorenen Krieg anprangern. So entsteht als gemeinsames Projekt der Kölner Künstler auch die Mappe »Die Lebendigen«, zu der Angelika Hoerle zwei Holzschnitte beisteuert: Porträts der getöteten Revolutionäre Jean Jaurès und Eugen Leviné.

Eine Künstlerin im Aufbruch, aktiv, verwegen, selbstbewusst beschreibt die Autorin in ihrem Roman. Es ist die Biografie des »Kometen von Dada Köln« wie die amerikanische Sammlerin Katherine Dreiner sie beschrieb. Und ebenso schnell wie ein Komet verglühte Angelika Hoerle auf dem Höhepunkt ihres Schaffens: 1921 erkrankte sie an Tuberkulose, Heinrich Hoerle verließ sie aus Angst vor Ansteckung und schwerkrank verstarb sie im Alter von nur 23 Jahren. Bis zuletzt arbeitete sie an einem ABC-Bilderbuch, das sie aber nie fertigstellen konnte.

Ute Bales Stärke ist die Illustration des künstlerischen Aufbruchs um 1920. In der Person Angelika Hoerle hat sie eine Figur gefunden, die diesen bestens verkörpert: Aufgewachsen in einem kunstaffinen Umfeld, lebt sie in einer Zeit der Veränderung und überträgt die modernen Gedanken in ihre Kunst. Sie wird zugleich zum Idealbild der gescheiterten Künstlerin: Angelika Hoerle stellt ihre Arbeit über finanziellen Erfolg, streitet sich mit ihrem Mann, wird ihm langweilig und stirbt den Tod der Armen: Die Tuberkulose rafft sie dahin. Hier, am Ende, wird das Buch kurzzeitig zur Qual, wenn Bales das Sterben ihrer Protagonistin fast schon zelebriert, eine regelrechte Ars moriendi betreibt. Immer wieder kommt Besuch, immer wieder erwarten den Leser an dieser Stelle Gespräche über die Bedeutung von Dada, von Kunst allgemein, von Liebe und natürlich über den treulosen Heinrich. Einen Teil davon hätten die Figuren auch schon zuvor führen können. Nichtsdestotrotz ist der Roman eine unterhaltsame Lektüre im Dada-Jahr 2016, vor allem weil er an eine Künstlerin erinnert, die viel zu früh verstorben ist. Vielleicht hätte Hoerle in der ersten Reihe der Kunstgeschichte gestanden, wenn sie nur länger gelebt hätte. In der Gegenwart musste sie erst wiederentdeckt werden. Kometen verglühen schnell, aber manchmal erinnert man sich ihrer auch nach vielen Jahren noch.

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