Kataloge

Ute Pott (Hrsg.): Das Jahrhundert der Freundschaft. Johann Wilhelm Ludwig Gleim und seine Zeitgenossen. Göttingen: Wallstein, 2004.

Anlässlich der Sonderausstellung im Gleimhaus in Halberstadt hat der Wallstein-Verlag ein Buch über »Das Jahrhundert der Freundschaft« vorgelegt, das zwar als Katalog zur genannten Schau vom 7. Februar bis 12. April 2004 konzipiert wurde, doch erst mit einiger Verspätung im April erscheinen konnte: So ist die Publikation nun eher ein vorzügliches Übersichtswerk über die Lebensweise und den Freundschaftskult im 18. Jahrhundert und im engeren Sinn eine Art erweiterter Museumskatalog geworden: Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719–1803) unterhielt in seinem Halberstadter Haus – nunmehr Museum und Forschungsstätte – einen so genannten Freundschaftstempel im oberen Stockwerk, in dem er neben einer Galerie von nicht weniger als 130 dicht aneinander gereihten Porträts auch etliche Devotionalien aus den Persönlichkeitssphären der Freunde unterbrachte.

Hier in Halberstadt versammeln sich auf diese Weise die bekannten Dichter und Denker, viele Stars und wenige Sternchen – ein Who is who der Zeit zwischen Aufklärung und Sturm und Drang.

Gleim war ein Genie der Freundschaft, ein begnadeter Dichter war er nicht. Geboren am 2. April 1719 als Sohn eines Steuereintreibers in Ermsleben im östlichen Harz, genoss er zunächst eine protestantische Erziehung, die ihn reif machte für ein Studium der Philosophie und Jurisprudenz – das allerdings mussten Förderer finanzieren, nachdem Gleims Eltern allzu früh verstorben waren. Der Schreibdrang Gleims floss in lyrische Zueignungen und Briefe an rund 500 Schreibpartner, auch in damals viel rezipierte Kriegslieder und Verherrlichungstexte für König Friedrich; und trotz größter Verehrung zog sein Halberstädter Dichterkreis, der kaum die ritualisierte Ästhetik des Göttinger Hainbundes erreichte, auch Spott auf sich: Goethe und Schiller, dem das Adressbuch Gleims doch sehr willkommen für die Verbreitung seiner Zeitschriften war, nahmen »Vater Gleim« in ihren Xenien auf die Schippe, was der ihnen durchaus übel nahm: »Ein wahrer Jammer ists, dass zwei so gute Köpfe, / Verdreht von Brausewind, / Dass zwei so Spiegelrein erschaffne Gottgeschöpfe, / Nicht rein geblieben sind!« Doch war die Einschätzung des Gleimschen Werks im Gesamtblick auch richtig, so tat und tut man Gleim unrecht, wenn man seine Bedeutung allzu gering einstuft. Das wusste schon Goethe, der Zelter gegenüber bedauerte, dass Gleim »in seinen alten Tagen sein Talent (…) trivialisiert« habe (1. September 1827). Scharfsinnig vermerkt Goethe in »Dichtung und Wahrheit«: »Andere etwas hervorbringen zu machen«, beschreibt er dort Gleims »mächtigen« Trieb; er »hätte eben sowohl des Atemholens entbehrt als des Dichtens und Schenkens, und, indem er bedürftigen Talenten aller Art über frühere oder spätere Verlegenheiten hinaus und dadurch wirklich der Literatur zu Ehren half, gewann er sich so viele Freunde (…), dass man ihm seine Poesie gerne gelten ließ«. Am 18. Februar 1803 starb Gleim, nach einer Augenoperation 1801 völlig erblindet, in Halberstadt. Mit ihm starb der in seiner Zeit bedeutendste bürgerliche Mäzen für junge Dichter in Nord- und Mitteldeutschland, der zudem die Romanze als Vorform der Kunstballade salonfähig gemacht und als einer der ersten den mittelhochdeutschen Minnesang ins Bewusstsein zurückgebracht hat, der jedoch zu wenig Aura hervorbrachte, als dass er im Licht der kommenden Klassiker hätte nachhaltig bestehen können.

Fortsetzung von Seite 1

Der Katalog, dessen Abbildungsqualität vorzüglich ist, geht der Zeit Gleims sorgfältig nach. Für den Aufsatzteil konnten namhafte Autoren gewonnen werden: Zunächst ist der Emeritus Wolfram Mauser zu nennen, der sich mit den Wechselverhältnissen von Mentalgeschichte, Soziopsychologie und Kulturwissenschaft befasst hat (»Konzepte aufgeklärter Lebensführung«); im vorliegenden Buch geht er dem »Prinzip Vertrauen« nach – einem zentralen Begriff des Freundschaftskultes im 18. Jahrhundert. Der Germanist und Archäologe Wolfgang Adam, Professor in Magdeburg, befasst sich mit der Korrespondenz Gleims und Klopstocks: rührend ist der Brief zu lesen, in dem der zu Tränen gerührte Klopstock seinen Vortrag aus dem »Messias« an Gleim delegiert, wo es doch nur darum geht, die holde Angebetete zu erreichen. Achim Aurnhammer wirft ein Licht auf parallele Aspekte zur empfindsamen Freundschaft nach Laurence Sterne. Die Direktorin des Gleimhauses Ute Pott stellt Gleim als Sammler vor, und ihre Stellvertreterin Doris Schumacher (die die Ausstellung mit konzipierte) widmet sich der Gedächtniskultur. Im Katalogteil verzeichnen die Ausstellungsmacher die im Grunde sekundären Erträge des Beziehungszirkels, die freilich den Kunsthistoriker in erster Linie interessieren und die zum Teil schwülstigen, zum Teil – als Schutz vor einer gesellschaftlichen Ächtung ästhetisierten – schlicht homoerotischen Verhältnisse nachvollziehbar zu machen, die immerhin den Nährboden für die gesamte Goethe-Zeit bildete. Neben einem ausgeprägten Denk- und Grabmalkult, der in zahlreichen Grafiken und Gemälden Niederschlag fand, und neben den großteils erstklassigen Porträts (von J. G. Füßli, Graff, Oeser, Tischbein u.a.m.) finden sich bemalte Tassen, Schalen und Kannen, Tabaksdosen, die unvermeidlichen Haarlocken und noch manche Kuriosität, die ein Jahrhundert lebendig macht, das zwischen dem mächtigen Barockzeitalter und dem in die Moderne führenden 19. Jahrhundert noch immer unterbelichtet ist. Dazu gehören der Hut Klopstocks sowie nicht zuletzt Gleims Multifunktionsstuhl, der komfortabel zum Plaudern im vertrauten Kreise einlud und – rücklings benutzt – zum Schreibtischstuhl mit in den Lehnen integrierten Schreibwerkzeugen wurde (heute ist der Stuhl als Marke geschützt und kann für 4500 EURO nachgebaut werden). Die grandiose Bibliothek des manischen Büchersammlers Gleim bleibt hier nur am Rande erwähnt, der eine der größten privaten Büchersammlungen seiner Zeit besaß – mit rund 10000 Büchern, dazu kommen selbstverständlich unschätzbar wertvolle Autografen.

Eine gute Idee ist die Beilage eines Faltblattes, in dem einige ausgewählte Freundschaften mittels Zeitschiene und Kurzviten dokumentiert werden. Auf einen Blick ist abzulesen, dass die Anakreontik-Protagonisten Götz und Uz sowie vor allem der geniale Ewald von Kleist am Beginn des Freundschaftsreigens stehen, bewährte Bande werden zu Klopstock, Wieland und Lessing, Nicolai, Lavater und Herder geknüpft; am Ende stehen Seume und Jean Paul, der nur noch den kränkelnden alten Herren kennen lernen konnte. Die Erläuterungen zu den Personen – die sicher nur einen Teil des denkbaren Personals ausmachen – sind speziell auf die Verbindung zu Gleim zugeschnitten, weshalb es gerne auch etwas mehr Namen hätten sein dürfen. Interessant ist hier etwa Gleims Beziehung zu der Dichterin Anna Louisa Karsch, der »Karschin«, die aus dem tändelnden Miteinander heraus in ein Liebesverhältnis einsteigen wollte, was dem Frauenhelden ex negativo wohl zu weit ging – die (platonische) Freundschaft hielt jedoch bis zum Tod Karschs im Jahr 1791, und darüber hinaus unterstützte Gleim die Familie Karsch; mit über 1200 bekannten Briefen zählt die Korrespondenz zu den größten, die der Dichter führte.

Fortsetzung von Seite 2

Dass das Gedenken an Johann Wilhelm Ludwig Gleim seit wenigen Jahrzehnten recht rege ist, ist sicher der Aktivität des Museums in Halberstadt zu verdanken. Doch auch der Wallstein Verlag hat sich dem Dichter in erstaunlicher Weise angenommen: Die Schriften des Gleimhauses sind spätestens mit dem vorliegenden Katalog mit dem Verlagssignet verbunden; bereits im vergangenen Jahr hat das Göttinger Haus Gleims »Ausgewählte Werke« aufgelegt (hrsg. von Walter Hettche), die eine wichtige Ergänzung zu dem Band »Das Jahrhundert der Freundschaft« darstellt.