Buchrezensionen

Uwe Albrecht (Hrsg.): Corpus der mittelalterlichen Holzskulptur und Tafelmalerei in Schleswig-Holstein. Band 2: Hansestadt Lübeck. Die Werke im Stadtgebiet, Verlag Ludwig 2013

Der 2. Weltkrieg hat schrecklich gewütet in Lübeck, aber selbst die Bombennacht zum Palmsonntag 1942 hat längst nicht alles zerstören können, was sich an mittelalterlicher Kunst in Kirchen und Museen befand. Nachdem 2005 ein mächtiger, 2009 überarbeiteter Band den Kunstwerken im St. Annen-Museum gewidmet war, ist nun das entsprechende Verzeichnis der Holzskulpturen und Tafelbilder im Lübecker Stadtgebiet erschienen. Stefan Diebitz hat den opulenten Band gesichtet.

Der fast siebenhundert Seiten starke, auf hochwertigem Papier gedruckte Band ist kein Buch, das man von der ersten bis zur letzten Seite durchliest, sondern eine Ansammlung von streng sachlichen Werkbeschreibungen, zu denen eine Fülle von teils farbigen Fotos tritt. Das Werk beginnt, seiner Bedeutung entsprechend, mit dem Dom, dann folgen die einzelnen Kirchen in alphabetischer Reihenfolge.

Dem Werk vorgeschaltet ist eine Abhandlung von Uwe Albrecht und Ulrike Nürnberger, in der die Kriegsverluste bilanziert werden. Illustriert ist dieser Beitrag mit Fotos, die jeder Lübecker kennt und welche die brennenden Türme der Marienkirche oder die nackten Ruinen der Altstadt unmittelbar nach der Bombennacht zeigen. Aber neu wird für viele Leser die Erklärung sein, warum die Verluste ausgerechnet in Lübeck so unerhört groß waren. Die Gründe waren banal; einer bestand darin, dass die Kirchen auf ein ganz anderes Szenario vorbereitet wurden. Ein historisches Foto zeigt, dass die Kirchenfenster mit gestapelten Bohlen (»Einhausungen«) vor dem Luftdruck geschützt werden sollten. Als die Türme einstürzten, die mächtigen Glocken die Geschossdecken durchschlugen und ein alles zerstörender Feuersturm durch die Kirchen wütete, war dies nicht der erhoffte Schutz, sondern im Gegenteil Futter für die Flammen.

Der Wert der zerstörten Kunstwerke lässt sich überhaupt nicht abschätzen; allein der berühmte »Totentanz« Bernt Notkes ist unersetzlich, obwohl sich in der Marienkirche schon lange nicht mehr das Original befand, das wegen seines schlechten Zustands bereits 1701 durch eine Kopie ersetzt worden war. In Tallinn kann man sich heute eine Kopie anschauen, die wahrscheinlich der Meister noch selbst hergestellt hat, ungefähr ein Viertel des Totentanzes zeigt und deutlich macht, wie groß der Verlust ist. Der Katalog listet auf den Seiten 465 – 632 die Lübecker Kriegsverluste auf.

Noch heute befindet sich im Dom das Triumphkreuz Bernt Notkes, das im Katalog auf insgesamt zwölf Seiten mit fünfzehn Fotos beschrieben wird. Weil die meisten Figuren dank ihrer Höhe nicht angeschaut werden können, sind besonders die Fotos der Details außerordentlich wertvoll. Aber wichtig sind auch die sorgfältigen Beschreibungen:

»Das mächtige Triumphkreuz auf dem Trabesbalken ist als figurenreicher Lebensbaum gestaltet. Von den 44 Figuren des Alten und Neuen Testaments, die ehemals in das stilisierte Rankenwerk am Kreuz eingebunden waren und durch Namensschriftzüge auf Schriftbändern benannt worden sind, haben sich vierzig erhalten […]. Sie umgeben den am Kreuz mit schräg gestreckten Armen, geradem Körper und angezogenen Knien hängenden Christus. Dessen rechter Fuß ist über den linken genagelt. Sein bärtiges dornengekröntes Haupt ist zur rechten Seite geneigt. Das Haupthaar fällt auf der rechten Seite hinter der Schulter herab. Die Augen sind geschlossen, der Mund geöffnet, der Oberkörper über der eingefallenen Bauchpartie ist merklich modelliert.«

Ähnlich wie das Triumphkreuz kann der Besucher des Doms den Lettner, der wahrscheinlich ebenfalls der Werkstatt Notkes entstammt, nicht so betrachten, wie dessen teils filigrane Schnitzereien es wünschenswert machen – sie sind schlicht zu weit oben. Auch hier also sind die informativen Texte ebenso wie die sehr sauberen und sachlichen Fotos willkommen. In den meisten Fällen ist es so, dass die Schnitzarbeiten schwarzweiß, die Malereien aber farbig abgebildet werden.

Nicht alles, das in diesem Buch beschrieben wird, gehört zur ganz großen Kunst, aber vieles von dem, das wir sonst übersehen, wird in ihm vorgestellt und ist einer genaueren Betrachtung wert; dazu zählen die Gestühlschnitzereien und darunter besonders die Endwangen. Vieles ist sehr alt und entstammt gelegentlich sogar dem Ende des 13. Jahrhunderts. Die einzelnen Beiträge beginnen mit der Provenienz und beschreiben im Anschluss Material, Maße und den Zustand, bevor sie sich der eigentlichen Kunst widmen. Grundsätzlich wird nicht gedeutet und kaum gewertet, sondern tatsächlich in höchst disziplinierter Weise beschrieben.

Der Dom ist nicht allein die hochrangigste Kirche in Lübeck, sondern er bietet auch weitaus mehr als die anderen Gotteshäuser – auf einhundertfünfzig Seiten werden Schnitzereien und Bildwerke vorgestellt, wogegen es selbst St. Marien nur auf fünfzig Seiten bringt. Aber auch hier findet sich trotz der Schreckensnacht von 1942 große und sehr alte Kunst. Zwei so komplexe Werke wie das »Antwerpener Retabel« (von 1518) und das »Marienretabel« (um 1515 bis 1520) mit ihren hochwertigen Malereien werden ausführlich in Text und Bild dargestellt, und wie im Dom gibt es wunderbare und nur zu leicht übersehene Schnitzereien am Gestühl.

Es werden aber nicht allein Kirchen vorgestellt, sondern dazu kommen noch das Heiligen-Geist-Hospital – natürlich ebenfalls mit sakraler Kunst –, die Schiffergesellschaft und das Marstallgebäude.

Das umfangreiche Buch ist natürlich viel zu schwer, als dass der reisende Enthusiast damit durch die Stadt wandern könnte. Aber als Reiseführer mag es dennoch dienen, und vielleicht nicht allein für Kunsthistoriker, an die es sich vor allem wendet – nur muss man ein so gewichtiges Werk vorher oder auch nach dem Rundgang lesen. Das sehr schöne Buch sollte auf dem Tisch liegen, und zwei farbige Lesebändchen helfen dabei, die interessanten Stellen wiederzufinden. Bei Gelegenheit blättert man, liest einen Artikel und lässt sich zu dem Besuch einer Kirche oder einen schönen Spaziergang anregen.