Buchrezensionen, Rezensionen

Uwe Fleckner/Martin Warnke/Hendrik Ziegler (Hg.): Handbuch der politischen Ikonografie, Verlag C.H. Beck 2011

Seit jeher bedient sich die Politik der Macht der Bilder, um politische Ansprüche, Hoffnungen, Erfolge und Positionen zu verkünden. Nun ist ein opulentes kunstwissenschaftliches Grundlagenwerk zum Thema erschienen, das Christian Welzbacher kritisch untersucht hat.

Zwei kompakte, massige Bände, gegliedert nach den Stichworten »Abdankung bis Huldigung« und »Imperator bis Zwerg«: Die Herausgeber des neuen Standardwerks »Handbuch der politischen Ikonografie« (HPI) haben Witz bewiesen – wird doch mit vier Stichworten die ganze Welt der Politik umrissen, der Kampf um Macht und Repräsentation, den man, wie die mittelalterlichen Glücksräder lehren, niemals dauerhaft gewinnen kann. So folgt jeder Abdankung eine neue Huldigung. Und im Tod ist jeder Imperator dem Zwerge gleich.

150 Beiträge (fast ebenso viele Autoren) und mehr als tausend, nicht immer optimal reproduzierte Schwarzweißabbildungen versammelt das HPI, alphabetisch gegliedert nach politisch-ikonografischen Stichworten, wie „Landkarte“, „Polizei“, „Rebellion“, „Zensur“, aber auch „Minderheiten“, „Arm und reich“, „Fotofälschung“ und „Herrscherinsignien“. Es sind damit gleichsam sämtliche Felder politischer Strategie abgedeckt: die Besetzung des Raumes, dessen Überwachung, der Aufstand dagegen, dessen tragende Gesellschaftsgruppen und ihre entsprechenden Bildstrategien. Zeitlich reicht das Spektrum von der Antike bis in die Gegenwart.

Fraglos, das HPI ist ein gewaltiges Werk, das seine Nützlichkeit erst bei vielfach-aktivem Gebrauch unter Beweis stellt (dafür hätte man sich eine stabilere Bindung gewünscht). Der Feldversuch unter rezensentischer Laborbedingung hat gezeigt: dem Namensregister hätte ein weiteres Stichwortregister folgen sollen, um Querverbindungen zwischen den Beiträgen wie in einer Konkordanz zu gewährleisten. Da es fehlt, ist der Leser auf seine eigene Pfiffigkeit angewiesen. Er muss bei der Suche durch das Inhaltsverzeichnis selbst abschätzen, welchem Stichwort der von ihm gesuchte Aspekt zugeordnet sein könnte.

Der punktgenauen Konsultation hinderlich ist dabei auch der Aufbau der Beiträge: Die Texte sind durchgängig essayistisch angelegt. Sie gehen meist von einem markanten historischen Bildbeispiel aus und hangeln sich dann anhand weiterer Werke (aller Gattungen) durch Zeit und Raum. Oft fehlt dabei die exakte wissenschaftliche Definition des mit dem Stichwort markierten Gegenstandes. Für eine solche muss man daher immer auch historische, politik- oder sozialwissenschaftliche, gar juristische Standartwerke hinzuziehen, was ärgerlich erscheint, als es den Status des HPI zu einer Ergänzungspublikation vorhandener Handbücher herabsetzt. So werden aus den Essays tatsächlich nur dort dichtgefügte Grundsatzartikel eines veritablen eigenständigen „kunst- und bildwissenschaftlichen“ Handbuchs, wo die Autoren ihren Gegenstand in voller Breite ausloten, ihn in fachübergreifende Zusammenhänge einbetten und daraus resultierende Probleme auf das Bild rückprojizieren. Damit aber waren einige der beteiligten Autoren überfordert. Auch der Verweis auf Literatur erscheint vielfach knapp, selektiv und antiquiert. Die „Fama“ etwa – ein beliebiges Beispiel – muss ohne Hans-Joachim Neubauers überblicksartige »Geschichte des Gerüchts« auskommen, die erst 2009 in einer überarbeiteten Neuauflage erschienen ist.

Fortsetzung von Seite 1

Schließlich: die fehlenden Stichworte und Themenfelder. Fraglos ist bei einem Unterfangen, wie es das HPI darstellt, die Auswahl die größte Herausforderung – der natürliche Ort der Rechtfertigung hierfür sind weitschweifige Vorworte (das sich in diesem Fall jedoch auf eine angenehm knappe Erläuterung der „politischen Ikonografie“ als kunstwissenschaftliche Methodik und dem Dank an die Beteiligten beschränkt). Im Kern, dies steht außer Frage, sind den Herausgebern Stichwortwahl und Akzentbestimmung innerhalb der Themengebiete hervorragend gelungen. So wird man das „Glücksrad“ etwa nicht unter einem eigenen Abschnitt finden, sondern unter dem Begriff „Fortuna“, in deren Bereich die Verwaltung des Glücks und die auf das Rad gespannten Delinquenten gehören. Indes gelingt solcherart Zuordnung nicht immer. Auf der Suche nach dem „Auge Gottes“ – dem Sinnbild göttlich legitimierter Macht, dessen profane Form als „Auge des Gesetzes“ sprichwörtlich geworden ist – wird man auf ganzer Strecke enttäuscht. Das bearbeitete Stichwort „Sonne“ wiederum (auch das „göttliche Auge“ sendet ja gütige Strahlen aus) ist leider zu weit entfernt, als dass das „Auge Gottes“ noch darin vorkäme. Allgemein lässt sich weiter feststellen, dass der große Themenkomplex von Baukunst und Städtebau im Hinblick auf die „politische Ikonografie“ marginal erscheint. Zwar finden sich Verweise auf Washington oder Versailles, auf Schlösser, Kirche, Parlamente. Doch eigene Stichworte gibt es vergleichsweise wenige. „Achse“ (oder allgemeiner „Idealstadt“) fehlt genauso wie etwa das „Labyrinth“, während „Säule“ (die auch im gemalten Bild, wie dem Herrscherporträt, vorkommt) und „Residenz“ vertreten sind.

Doch was soll das Genörgel im Detail? – Blicken wir nochmals auf die großen Zusammenhänge. Denn endlich, endlich liegt hier ein opulentes kunstwissenschaftliches Grundlagenwerk vor, das die lange erprobten Handbücher zur christlichen und antiken Ikonografie im Bereich der politischen Repräsentation sinnvoll und umfassend ergänzt. Daran beteiligt waren nicht wenige Koryphäen des Fachs, deren breites Wissen um Kunst, Kunstgeschichte und Methodik in die Texte und das gesamte Konzept einfließen konnte. Diese beeindruckende Gesamtleistung gilt es zu würdigen. Und für sie sollte man in erster Linie dankbar sein.