Ausstellungsbesprechungen

Venusfalle, Schauwerk Sindelfingen, bis 29. Mai 2016

Das Weibliche war und ist immer noch Inspirationsquelle für die Kunst. Zahlreiche männliche Künstler inszenieren immer wieder Frauen – oder vielmehr ihren persönlichen Blick auf die holde Weiblichkeit. Im Schauwerk Sindelfingen setzt man sich dieser Tage mit genau diesem Blick des Mannes auf das Weibliche auseinander und zeigt Frauen zwischen Ikone und femme fatal. Anna Quintus hat sich die Ausstellung angesehen.

Das Schauwerk Sindelfingen könnte man noch als eine Art Geheimtipp unter den Ausstellungshäusern bezeichnen. Hinter einem klaren kubischen Eingangsportal mit riesigen verspiegelten Glastüren eröffnet sich eine 6.000 m² große Ausstellungsfläche auf drei Etagen gespickt mit Werken aus der Sammlung von Peter Schaufler (†) und Christiane Schaufler-Münch, die mit über 3000 Werken eine der größten Privatsammlungen Deutschlands bildet. Dabei nehmen sowohl Malerei und Skulptur als auch Rauminstallationen, Lichtarbeiten und Arbeiten aus der Zeitgenössischen Fotografie einen großen Platz ein. Diese imposanten Werke aus der ZERO Bewegung, Konzeptkunst, Minimal Art und Konkreter Kunst wollte das leidenschaftliche Sammlerehepaar auch für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Nach einem Umbau einiger Fertigungs- und Lagerhallen, eröffnete 2010 das neue Privatmuseum. Aus der Nutzung des Firmengeländes resultiert auch die ungewöhnliche Lage des Hauses am Rande der Stadt Sindelfingen bei Stuttgart, mitten im Industriegebiet.

Dem Hause immanent ist das Konzept der Ausstellungsvielfalt. So finden zeitgleich bis zu drei Ausstellungen statt, die thematisch auf feinsinnige Art und Weise miteinander verwoben sind. Die Ausstellung, die mich noch schnell, weil sie gerade bis Ende Mai verlängert wurde, nach Sindelfingen lockte, trägt den Titel »Venusfalle«. Sie befasst sich mit dem männlichen Blick auf das Weibliche und spielt mit der permanenten Fragestellung, ob Frau eher den Stellenwert der »Falle« oder der »Muse« einnimmt. Ursprünglich im Dialog mit der Ausstellung »Ladies First« (endete am 30. August 2015) konzipiert, sollten beide in einem thematischen Wechselspiel mit den gegenseitigen Geschlechterpositionen und ihrem jeweiligen Blick auf Kunst und Welt kokettieren. Die Position des Weiblichen innerhalb der Kunst fand seinen Austausch Ende September 2015 mit dem Wechsel zum neuen Ausstellungspendant »I like America«. Und auch mit diesen zwei unterschiedlichen Ausstellungsthemen gelingt es dem Museumsteam einen roten Faden durch ihr Konzept zu ziehen.

Innerhalb der Ausstellung »Venusfalle« sind über 50 Werke von rund 20 Künstlern aus der Sammlung zusammengetragen worden und zeigen die Unerschöpflichkeit der Weiblichkeit als Schöpfungsquelle auf. Man bekommt als Besucher einen (Ein-)Blick von zeitgenössischen männlichen Künstlerpositionen auf die Frau, sowohl als Diva, Sexsymbol, Stillikone oder auch »verführerische Femme fatal«. So stilisiert der japanische Künstler Yasumasa Morimura die Künstlerin Frida Kahlo zu einer Ikone ihrer Selbst in »An Inner Dialogue with Frida Kahlo (HANAWA/Flower Wreath and Tears)« (2001) und erhebt sie in den Himmel des Unerreichten. Hingegen räklen sich in einer schwarz-weißen Fotoserie des US-Amerikanischen Fotografen Sante D'Orazio bekannte Hollywoodikonen mit ihren unzureichend bedeckten Körpern in markant erotischen Posen vor der Kameralinse und spielen mit der längst bekannten, weil in dauerhafter Präsenz vorhandenen weiblichen Erotik. Wirklich herausgefordert wird der Betrachterblick erst mit den fotografischen Arbeiten von Ugo Rondinone »I don't live here anymore (No.1-19)« (2001). Auf ihnen vermag man weder etwas eindeutig Weibliches noch Männliches zu entdecken. Die Grenze zwischen den Geschlechtern assimilieren und der Körper erreicht eine Symbiose aus beiden. Die Frage nach einem »Wer?« bleibt ungelöst.

Den direkten Blick auf die weibliche erotische Zone, angelehnt an Egon Schieles Darstellungen des weiblichen Geschlechtes, gibt Philippe Bradshaw mit seiner Arbeit »Losing the Remote Control, Shakespeare Shagging on the Box« (2001) frei und vermag mit seiner Darstellung, den ein oder anderen Besucher peinlich zu berühren. Nicht nur aufgrund des Dargestelltem, sondern auch aufgrund der übermenschlichen Größe dessen. Hier bleibt nur das Material der anodisierten Aluminiumketten kühl, welche in drei Lagen hintereinander von der Decke hängen und erst von einem entfernteren Standpunkt das endgültige Objekt der Begierde freigeben. Eine ähnliche Wirkung, wenn auch nicht auf sexueller Ebene, erreicht Tony Oursler in seiner Rauminstallation »Obscura« (1996/2013). Der Betrachter bewegt sich in einem düsteren Raum, dessen Lichtquellen einzig von Erdball ähnlichen Kugeln ausgehen, die wie ein begehbares Sonnensystem angeordnet sind. Auf diese Kugeln wird von einer Seite ein übergroßes, weibliches Auge projiziert. Erst bei genauer Betrachtung erkennt man, dass sich im Auge das zu diesem Zeitpunkt Gesehene wiederspiegelt. Gezeigt wird in dieser Installation der weibliche Blick, ganz im wörtlichen Sinne, aus der Perspektive eines Mannes.

Besonders markant aus dem Ausstellungskontext sticht die Skulpturenarbeit von Anselm Kiefer heraus. Die fünf Skulpturen, die sich mit Frauenbildern aus der griechischen Mythologie und der jüdischen Kabbalah auseinandersetzen, werden in dieser Geschlossenheit zum ersten Mal im Schauwerk gezeigt.

Weitere männlich deutsche Positionen werden durch den Minimal Art Künstler Imi Knoebel bezogen, die wiederum ihre internationale Erweiterung in den Venusskulpturen des US-amerikaners Jim Dine oder den humoristisch grotesken »Kopien« von Hollywoodfilmplakaten des chinesischen Künstlers Zhou Tiehai finden. Im zur Ausstellung gehörigen Katalog werden diese männlichen Künstlerpositionen in Schutz genommen. Es werden beinah entschuldigende Gründe aufgezählt, weshalb Männer gar nicht anders könnten, als so oft auf sexualisierte Weise den Blick auf das Weibliche zu richten. Zur Untermauerung wird auf wissenschaftlich belegbare Gründe verwiesen, die für die männliche Unschuld sprechen und auf die Unveränderlichkeit der Natur relegieren. Was für uns Frauen bedeutet, dass eben dieser männliche Blick in seinen Grundzügen niemals veränderbar sein wird!

Mit einem Werk des Pop-Art Künstlers Tom Wesselmann und einem fotorealistischen Graphitgemälde von Robert Longo, die ebenfalls mit lasziv räkelnden Frauen aufwarten, schafft es das Museumsteam die zweite zeitgleich stattfindende Ausstellung »I LIKE AMERICA« (bis 4. September 2016) einzubinden. Diese beiden US-amerikanischen Künstler eröffnen weiteren Werken einen meist kritischen Blick auf die amerikanische Gesellschaft, auf ihre kulturelle und nationale Identität. Inspiration fand das Thema in der Aktion »I like America and America likes Me« von Joseph Beuys im Mai 1974. Dass es sich dabei erneut um einen rein männlichen Blick handelt, wie den von Doug Aitken, Vincent Szarek, Tom Sachs, Robert Longo u.v.m., mag Zufall sein, bezeugt aber ebenfalls die Dominanz der Männer in der Kunst- und Sammlerwelt.

Einen Ruhepunkt zu den großformatig wuchtigen, und zum Teil sehr farbintensiven Werken, bildet die begehbare kinetische Lichtskulptur »Lichtwirbel« (2016) von rosalie (bis 12.0 März 2017). Im umgebauten Hochregallager, angeschlossen an die Ausstellungsfläche, kann man das unendlich wirkende Farb- und Lichtspiel aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Die fünfzehn Meter hohe Skulptur aus technischen Lichtfasern vollführt mit spielender Leichtigkeit einen Wechsel von Blitzen und Feuerkugeln ähnelnden Gebilden zu einem harmonischen Weiß, aus dessen Ruhe neue Farbstränge entwachsen, sich im gesamten Raum entfalten, um schlussendlich wieder zur Harmonie zurückzukehren.