Buchrezensionen

Vergessene und verlassene Orte – nach uns und ohne uns

Die Faszination versunkener Städte treibt nicht nur Archäologen an. Nein, auch wir sind von verlassenen und verfallenen Orten magisch angezogen und können uns oft kaum sattsehen an Ruinen, einsamen Stellen, verlassenen Stätten. Selbstverständlich erliegen auch Fotografen dieser Magie und dabei entstehen oft faszinierende Bilder. Raiko Oldenettel hat gleich vier solcher Fotobände entdeckt und stellt sie uns vor.

Hildebrand © Kehrer Verlag | Solis © Prestel Verlag | Mayer © Mitteldeutscher Verlag | Marchand / Meffre © Steidl Verlag
Hildebrand © Kehrer Verlag | Solis © Prestel Verlag | Mayer © Mitteldeutscher Verlag | Marchand / Meffre © Steidl Verlag

Früher waren es die versunkenen Stätten der Antike, zu denen man geschickt wurde, um sich ein Bild von der damaligen Hochkultur zu machen und abzuzeichnen, was man vorfand. Später waren es die italienischen Ruinen, die verlassenen Schlösser und ganz später, irgendwann, die Überreste der Inka, Maya und Azteken, die die Sehnsucht nach der verlorenen Welt ausmachten. Sie waren die Abbilder von Kulturen, die wir nicht mehr erleben durften, aber verstehen wollten.

Wir würden nicht in einer dahin rasenden Zeit leben, wenn wir es nicht geschafft hätten, auch diese Begierde neu zu erfinden. So sehnt sich das Auge nach der Vorstellung unserer eigenen Vergänglichkeit und der Sicht, den weiter entwickelte Gesellschaften, in vielen hundert Jahren vielleicht, auf uns und unser Schaffen haben werden. Eine Sehnsucht nach dem eigenen Untergang, die uns vor allen Dingen visuell in Staunen versetzen soll. Es gibt immer mehr Bilder, vornehmlich Fotografien, von Orten, die einmal etwas bedeuteten, uns aber in der Gegenwart schon mit ihrer rätselhaften Fremdartigkeit vor die Frage stellen, ob sie jemals tatsächliche Bedeutung innehatten. Apokalyptische Zustände werden evoziert, sie sind ein neues Grundbedürfnis vieler Bereiche der Medien, wie in Videospielen, Belletristik und Film. In dieser zerbrochenen Welt erhebt niemand Anspruch auf die Dinge, die in Trümmern liegen und somit gibt es auch kein Wertesystem, aus dem ein Anspruch auf das Ich erhoben wird. Man ist frei. Endlich. Die Unterjochung durch den flimmernden Fernseher? Vergangenheit. Ein Arbeitgeber, der die Überstunden nicht ausbezahlt? Nicht weiter von Relevanz. Denn wir sind losgelöst, auf uns allein gestellt und es sind die Bilder in diesen Büchern, die ich besprechen möchte, die uns kritische Hinweise unseres eigenen Versagens liefern, aber auch eine verstörend einfache Ruhe, die in dem drohenden Scheitern der Menschheit liegt.

Fortsetzung von Seite 1

  • Sarah Hildebrand: Verlassene Orte / Lieux délaissés, Kehrer Verlag 2013

Wer schon einmal bei einer Haushaltsauflösung dabei war, der kennt dieses diffuse Licht, das über allen Dingen liegt und sich durch die Ritzen quält, als wäre es noch auf der Suche nach demjenigen, dessen Besitz wir mit kleiner Münze von den Plätzen stehlen, an die sich das Licht doch gemeinsam mit dem Besitzer so gewöhnt hatte. Sarah Hildebrand sucht eben genau dieses Licht in ihren Aufnahmen, denen sie mit einer langen Belichtungszeit von ungefähr 15 Minuten, das Versprechen abringt den Eindruck auch zu festigen. Die Fotografin sucht nach Kleinigkeiten, Details, Andeutungen an ein Leben, das in den Räumen, die sie vorfindet, stattgefunden haben muss. Manchmal sind es auch Belanglosigkeiten, die sie findet: Eine in eine kleine Ecke eingequetschte Kelle, nach der beim Kochen zu greifen schier frustrierend gewesen sein musste. Ein Bügeleisen, bei dessen Anblick die Alarmsirenen läuten, denn wir sehen nicht, ob es nicht noch eingesteckt ist. Dann Betten. So viele Betten.

Bei einer Lebenserwartung von 80 Jahren kaufen wir uns fast 3,5 Betten, schlafen 24 Jahre und 2 Monate, und jeder Zehnte liegt vor Sorgen nachts wach. Der Mensch und das Bett sind die wahre Liebesgeschichte auf dieser Welt und Sarah Hildebrand versucht durch die Laken hindurch nach oben erwähntem Licht zu suchen. Nach dem Licht und auch seinen schattigen Falten. Faltenwurf scheint ihr allgemein sehr wichtig. Nicht nur die Haptik des Stoffes, die Muster, die Motive, sondern eben ganz besonders im Vordergrund die Anordnung der Falten, die sich wieder und wieder als Abdruck des Menschen erweisen, der eben noch im Zimmer gewesen sein muss. Doch es gibt einen kritischen Moment im Band, der vieles in Frage stellt: Drei Bilder, dieselbe flauschig-rosa Decke, und immer wird sie verändert. Ist das nun drapiert worden, oder gab es sie wirklich dreimal? War das der Besitzer, der sich zwischen den Bildern eingemischt hat?

Oder ist er schon seit Jahren tot? In ihrem kurzen einführenden Text zu Beginn der Ausgabe spricht Jessica Backhaus von Erinnerung. Erinnerung, das ist der Zustand in dem Perspektive und Proportionen die Räume unserer Sehnsüchte definieren. Zurückkehren wollen wir an die Orte, die sich, hoffentlich, nicht verändert haben. Jedenfalls in dem Grundriss unseres Verstands. Was bleibt also? Der Teepott, die Falte in der Decke, meine Kaffeeflecken und die Fotosammlung an der Wand? Bin das ich? Bleibe ich an diesem Ort? Hildebrand möchte es gerne entdecken und sucht mit uns danach wie nach Geistern. Sie begibt sich durch die Langzeitbelichtung auf eine Jagd, bei der manchmal mehr, manchmal weniger erstaunliche Einsichten den Leser befallen.

Sofern er sich denn auf das Licht einlässt. Der Band ist gut gebunden, die Abbildungen recht klein gehalten. Das schmälert den Eindruck jedoch nicht. Auf gut achtzig Seiten mit Vor- und Nachwort fordert uns der Kehrer-Verlag auf, ein wenig in uns zu gehen und nach den Dingen zu suchen, die bleiben. Ein Buch also nicht für jeden Geschmack, aber mit der Aussicht auf eine kurzweilige Ruhepause.

Fortsetzung von Seite 2

  • Julia Solis: Stages of Decay, Prestel Verlag 2013

»Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage. « Einer der berühmtesten Aussprüche des Theaters ist auch gleichzeitig die wichtigste Frage, die man sich beim Betrachten dieses Bandes stellt. Doch rollen wir das Feld nicht von hinten auf, sondern fangen vorne an: Nämlich bei den drei wunderbar differenzierten Vorworten, die uns ein wenig die Mentalität der Fotografin und ihres Gegenstands näherbringen. Martina Gedeck spricht vom Theater als einem Raum, der sich verdunkelt und auf dessen Bühne sich die eigene Welt abspielt, die man nicht mit anderen zu teilen hat. Sie spricht Christoph Balmer aus der Seele, der in seiner Einführung zur Theaterwissenschaft Folgendes schreibt: »Es geht Wagner darum, die Aufmerksamkeit der Zuschauer durch die Beseitigung störender Elemente zu fokussieren und damit die erwünschte wundervolle Täuschung zu erreichen. Mit der Verdunklung des Theaters schafft er optimale Wahrnehmungsbedingungen zur Goutierung der Illusionsbühne. «

Brian Papciak erweitert diese Perspektive um das Element des Kuriosen und der Welt der fürstlichen Grottos, die einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung der zerfallenden Theaterbühnen haben können. Das zum Amüsement gebaute Gartenstück in den Anlagen des Adels hat mit einer einsturzgefährdeten Bauruine vieles gemeinsam. Es handelt sich in beiden Fällen um eine klamme und feuchte Höhle, die nicht viel zu beherbergen scheint, da längst verlassen oder verdammt. Doch wenn dann das Licht des Besuchers erscheint und der Blitz der Kameras die letzten Winkel erhellt, dann erlebt man das Kuriose: Das tote Theater erfüllen Angst und Neugier, Hand in Hand.

Julia Solis selbst erklärt in ihrem Text, wie sie in das alles hineingeraten ist und sich auf eine seltsame Art und Weise nicht mehr vom Gegenstand ihrer Bilder lösen kann. Sie ist sehr methodisch, was die Einteilung ihrer Arbeiten angeht und erklärt in einer soliden Zusammenfassung, welcher historische Hergang uns diese wunderschönen Ruinen beschert hat. Sie geht auf den Wandel der Gesellschaft, der Medien und der Orte der Versammlung ein, und langweilt dabei nicht eine Zeile lang. Solis hat das Thema im Griff und man spürt ihre Begeisterung. Das ist gut, wenn man einen Bildband lebendig halten will.

Doch das müsste sie eigentlich nicht. Nicht zwingend. Die Fotografin spricht mit ihrer Linse und ihrem Blickwinkel genug und laut von dem, was hinter den zerstörten Bauwerken vor sich geht. Vor allen Dingen aber schafft sie es, dem Betrachter genug Abwechslung in all dem Zerfall zu liefern, dass keines der Bilder sich in einen durchblätterbaren Reigen einfügt. In der Edition des Prestel Verlags wird zudem noch eine kleine Anleitung geliefert, wie man die unterschiedlichen Bühnen schneller voneinander in ihrer ehemaligen Funktion unterscheiden kann. Dieser Abriss ist dem Bildband vorgeschaltet und ist es wert mit einem Lesezeichen versehen zu werden.

Ist man dann schlauer, welche Bühne einem Krankenhaus gehört, oder welches Kino (ja, auch um die geht es) in welche Ära zu stecken ist, kann man das Folgende umso mehr genießen. Wir dringen also ein in die verbotene Zone der baufälligen Strukturen, in die sich die meisten von uns ohne Helm (und auch ohne Waffe wie wir erfahren) nicht trauen würden oder besser sollten. Die Gefahr sich zu verletzen ist groß in dieser Umgebung und Solis scheut sich nicht, auch die brüchigen und morschen Planken zu überschreiten, um ein Motiv festzuhalten, das sie mehr befriedigt als eine einfache Ansicht. Ihr Blick weist durchaus einen zu bemängelnden Schwerpunkt auf der Zentralperspektive auf, irgendwie scheint oft alles sauber und zentriert. Doch wieso nicht? Wir sitzen dadurch stets auf den besten Rängen im Theater. Schauen uns aus nächster Nähe das interessanteste Stück an, das die Bühne überhaupt zu liefern hat: Ihren Tod. Und ihre Wiedergeburt in der Natur.

Jeder, dem der Zauber des Theaters und des Kinos schon im Diesseits nahe geht, der sollte sich einen Blick auf den Untergang dieser Kultur gönnen. Schätzungsweise jedes zweite Bild der hochauflösenden und mit gutem Papier untermauerten Serie wird dabei unter die Haut gehen. Aber bitte nicht vergessen am Ende zu applaudieren!

Fortsetzung von Seite 3

  • Maix Mayer: Die vergessenen Orte der Arbeit, Mitteldeutscher Verlag 2013

Säulen. Fenster. Säulen. Fenster. Abblätternde Farbe nicht zu vergessen. Maix Mayer ist auf die Suche nach den »vergessenen Orten der Arbeit« der DDR gegangen und dabei mit möglichst inhaltsleeren Bildern zurückgekehrt. Man kann es nicht anders sagen. Denn wirft man einen Blick auf die anderen Bände und wie sich die Fotografen dem Thema genähert haben, dann war da stets das gewisse Esprit, das aus ihnen sprach. Hier sehen wir den Fotografen so ohnmächtig wie die Strukturen, die er abgelichtet hat. Ausgeraubte und entkernte Gebäude, die er uns nicht einmal von außen zeigen mag. Gerippe, in denen wirklich selbst die größte Vorstellungskraft nicht mehr zu erschaffen vermag, was die durchaus lesenswerten Co-Texte uns über die Fabriken erzählen. Geheimtipps? Ruinen, die man nur über Umwege und weit entfernt von der Zivilisation finden kann? Fehlanzeige. Sicherlich, Graffiti hat seinen Charme in so einer Umgebung, das kann man nicht unterbinden – aber es in Szene setzen? Ist das der Rest Mensch, der von den Orten der Arbeit geblieben ist?

Ich wage es sehr zu bezweifeln. Allein, es gibt eine Ruine, für die sich ein schneller Blick in diesen Band lohnt: Das Zündholzwerk im sächsischen Riesa. Hier gibt es sie noch, die Türen, die Drähte, die Kleider, Vorhänge, die Schriftzüge und den ganzen Schrott, der nach uns bleibt, der eine Geschichte erzählt. Nur leider bleibt es bei Riesa. Wo ist er also, der Mensch, das Theater, dem Hildebrand und Solis so erfolgreich hinterher waren? Nirgendwo. Maix Mayer hat so undankbare Orte besucht, dass wir keine Emotionen aufbauen, in die leer widerhallenden Skelette der Architektur hineinhorchen und selbst den leisesten Seufzer der Vergangenheit nicht mehr erlauschen können. Vielleicht liegt die Schwäche dieser Fotografien also in ihren Motiven begründet. In diesem Sinne könnte man sagen: Lieber gleich vergessen und anderen Büchern aus dem Mitteldeutscher Verlag eine Chance geben.

Fortsetzung von Seite 4

  • Yves Marchand /Romain Meffre: The Ruins of Detroit, Steidl 2010

Die Geschichte Detroits ist die Geschichte eines bis zum letzten Tropfen ausgequetschten Traums nie endenden Wachstums und Wohlstands. Eine Stadt, die hunderttausende Arbeiter aus allen Bundesstaaten der USA zu sich rief, um an dieser Stelle der Automobilindustrie ein Monument zu setzen. Diese Arbeiter wollten unterhalten werden und in den Goldenen Zwanzigern sprossen an jeder Ecke Theater, Tanzlokale, Wettbuden und luxuriöse Hotels aus dem Boden. Gefeierte Architekten, angezogen vom Glanz der erfolgreichen Tycoons, der durchtanzten Nächte und der Möglichkeit mit dem Geld anderer sich selbst in die Geschichte der Architektur einzubrennen, bedienten sich frei an den Stilrichtungen Europas und genossen die Aufmerksamkeit durch die Presse und die breite Öffentlichkeit, die jede Neueröffnung feierte. Ein Rausch, den man gern erlebt hätte, doch dessen Preis in den darauffolgenden Jahren zu bezahlen war.

Denn Detroit hat kurz nach der Wirtschaftskrise einiges durchmachen müssen: Unruhen in der Stadt, den Wegzug und Wegfall ganzer Industriezweige, die Dezentralisierung der Fabriken als Vorsichtsmaßnahme bei einem nuklearen Angriff durch die Russen. Schließlich die Verschiebung des Kapitals der Anwohner durch die Gründung der Vororte, in die ihnen auch die Händler folgten. Was übrig blieb, war aufgeteilter Reichtum und ein schrumpfendes Interesse am Stadtkern. Die Chance die historischen Gebäude zu retten, wurde in den meisten Fällen nicht genutzt – und sollte eine gewisse Nostalgie dann doch überhandgenommen haben, so war es meist zu spät und der Kulturschatz bereits auf die Grundmauern ruiniert.

In diese Welt hinein begleiten wir die beiden französischen Künstler und Fotografen Yves Marchand und Romain Meffre. Beide teilen sich eine Kamera, indem der eine die technischen Aspekte der Aufnahmen betreut, während der andere die Motive auswählt und später die Zuschnitte anfertigt. Die in ihrem ab 2005 laufenden Projekt »Ruins of Detroit« entstandenen Aufnahmen zeigen beinahe alle Aspekte des urbanen Scheiterns: Von Fabrikgeländen und Bahnstationen über Schulen, Krankenhäuser, reiche Hotels bis hin einst wunderschönen Villenvierteln reicht ihre Bandbreite, die sie mit einer Zurückhaltung und Ehrfurcht behandeln, als wären ihre Aufnahmen bereits das letzte Zeugnis. Als würde danach das Gebäude in sich zusammenstürzen. Nicht selten ist dies tatsächlich der Fall und die Bilder aus dem Band sind die letzten Zeugnisse einer Geschichte, die Detroit in vielerlei Hinsicht versucht zu verdrängen. Für die Schaffung von Parkflächen und zu erschließendem Baugrund stampft man die einstigen Prachtstücke des Stadtkerns in den Boden. Viele der gezeigten Gebäude können wir so nicht mehr besuchen, denn sie existieren nicht mehr.

Der Band ist abwechslungsreich und glänzt mit vielen Stärken. Zum einen durch das ungewöhnlich große Querformat, das trotz der 230 Seiten noch zu beherrschen ist. Der Druck nutzt beinahe ausnahmslos den größtmöglichen Umfang der Abbildungen und verleiht ihnen damit eine fesselnde Eindringlichkeit. Die begleitenden Texte unterfüttern die weich ineinander übergehenden Themenfelder und liefern reichlich Informationen zu historischen Fakten, aber auch laufenden Programmen der Stadt Detroit. Die Fotos selbst werden von Bildunterschriften begleitet, die lokalisieren und Wertvolles herausarbeiten, dabei aber nicht stören und vom Motiv ablenken. Hat man einen schönen Platz gefunden, wo man das Großformat aufschlagen kann, findet das Auge genug, von dem es sich nähren kann. Die Umsetzung des Themas, die Erforschung einer im Untergang begriffenen Stadt und ihrer Geschichte ist in jeglicher Hinsicht gelungen. Sofern man noch an einen der heißbegehrten Bände gelangt, rate ich dringend zu einem Kauf. Marchand und Meffre gelten schon jetzt als Instanzen dieses Themas und haben mit der Ausgabe im Verlag Steidl die Messlatte herausfordernd hoch angesetzt.