Ausstellungsbesprechungen

Vergnügliches Leben – Verborgene Lust, von Frans Hals bis Jan Steen

Nur noch wenige Wochen zeigt die Hamburger Kunsthalle eine Ausstellung holländischer Genre- und Portraitmalerei aus dem 17. Jahrhundert. Es wird eine sehr gute Auswahl von Werken, insbesondere aus der Haarlemer Kunstszene gezeigt, von Frans Hals, Judith Leyster, Jan Miense Molenaer, Hendrick Pot, Esaias van de Velde, Willem Buytewech, Dirck Hals, Jan Steen u. a. Es ist auch eine Premiere für die neuen Ausstellungsräume der Hamburger Kunsthalle im Hubertus-Wald-Forum.

Nach dem Bucerius Kunstforum am Rathausmarkt im Gebäude der Vereinsbank (seit 2002) propagiert nun auch ein traditionelles Museum das Konzept „Forum“. Aus der lateinischen Tradition bezeichnet man als Forum eine Begegnungsstätte, aber auch eine Diskussionsplattform Fachkundiger. Wer also oder was begegnet sich hier, und wer spricht hier mit wem. Es begegnen sich das Museum und der Besucher. Es ist eindeutig ein Versuch, eine neue Kommunikation zwischen den kunstausstellenden Institutionen und deren Besuchern zu stimulieren. Es ist aber kein Diskurs Gleichgestellter, der hier zur Zeit entsteht, vielmehr treten die Institutionen und deren Mitarbeiter in die Rolle der Bildenden im Sinne eines Bildungsauftrags.

 

Dem Besucher-Betrachter wird die Kunst nicht nur präsentiert, sie wird ihm auch gleich erläutert. Da bleibt nicht viel zum nachträglichen Reflektieren. Ganz klar, man hat vielleicht gedacht, es kommen immer weniger Besucher in die Museen, vielleicht liegt das daran, daß die Auseinandersetzung mit den Kunstwerken partout zu anstrengend ist. Na, dann muß dem Besucher Hilfe angeboten werden, indem man auf den ehemals kleinen Täfelchen und jetzt großen Täfelchen eine Beschreibung des Kunstwerks liefert (früher standen hier lediglich die wesentlichen Daten über das Werk sowie eventuell der Stiftername). Näher betrachtet habe ich festgestellt, dass die Ausstellungsmacher es nicht bei einer Beschreibung belassen, sondern das Werk in der Beschreibung interpretieren.

 

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Der Bildungsauftrag endet jedoch nicht bei den kleinen Täfelchen, sondern erstreckt sich viel weiter. Im Bucerius Kunstforum sind es neben den Symposien, die im Vorfeld jeder Ausstellung stattfinden, auch andere Aktivitäten. Sie sollen auch ein gewisses intellektuelles Niveau haben und wurden bislang auch gut von den Interessierten angenommen (die Symposien sind durchweg überfüllt). Was aber passiert im Hubertus-Wald-Forum? Ich kehre damit zum eigentlichen Thema zurück, nämlich zu der Ausstellung holländischer Malerei. Die Räume des Forums wurden im ehemaligen TiK (Theater in der Kunsthalle) eingerichtet, in dem ich früher interessante Vorträge hörte und manch eine gute Vorstellung sah. Heute habe ich es nicht mehr erkannt. Im Foyer findet der Besucher Kasse, Garderobe und Buchshop. Dann geht es in den Hauptraum. Dieser wurde - abgestuft nach unten - mit Stellwänden gegliedert und darüber mit einem „Himmel“ aus beleuchtetem Glas versehen, der das Tageslicht imitiert. Die grüne Farbe des Raums ist etwas zu düster. Vielleicht werden sich die Farbe und die Verschachtelung des Saals bei der nächsten Ausstellung ändern. Das, was jetzt zu sehen ist, muss im Kontext der aktuellen Ausstellung betrachtet werden. Die holländischen Maler (und die eine Malerin, die hier gezeigt wird) arbeiten vornehmlich mit leuchtenden Farben, die, nebeneinander aufgetragen, teilweise eigenständiges Leben und eigenständige Wirkung entwickeln (das Dekorum hat in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts keine nennenswerte Geltung, muss man bemerken). Ihre Leuchtkraft wird durch das düstere Grün der Ausstellungsräume gedämpft. Damit prallen die „bunten“ Werke nicht aufeinander, und das Kolorit „explodiert“ nicht. Aber es schleicht sich eine eigentümliche Monotonie ein. Diese wird bewirkt nicht nur durch die erwähnten Spiele mit der Farbe (der Maler und ebenso der Ausstellungsmacher), sondern auch durch die Strukturen der Werke, da, wie im Ausstellungskatalog ausgeführt und im Film im ersten Raum verdeutlicht, die Maler sich gegenseitig auf einer konzeptionellen Ebene beeinflusst haben, oder salopp gesagt, einfach kopiert.

 

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Willem Buytewechs „Fröhliche Gesellschaft im Freien“ (1616/17; Kat. 4), Esaias van de Veldes „Fest im Freien“ (1619; Kat. 2), Dirck Hals’ „Fröhliche Gesellschaft bei einem Gelage im Park“ (um 1620; Kat. 9) ähneln sich durchweg. Das Zentrum bildet immer eine reichlich mit Speisen und Getränken ausgestattete Tafel, um die rechts und links stehend bzw. sitzend - nicht selten bei einer lüsternen Handlung eingefangen -, Personen platziert wurden. Im Vordergrund liegen meist emblematisch wirkende Objekte: Hunde, Geschirrstücke, manchmal abgelegte Kriegsinstrumente. Alles wie auf einer Theaterbühne inszeniert. Man kann hier von einem Kanon oder einem Typus sprechen. Ähnliches gilt auch für die Interieurbilder: Willem Buytewechs „Fröhliche Gesellschaft“ (um 1616/17; Kat. 6), desselben „Fröhliche Gesellschaft“ (um 1620-22; Kat. 7), Dirk Hals’ „Eine lustige Gesellschaft“ (um 1628; Kat. 12), Jan Miense Molenaers „Kartenspielende Kinder“ (um 1635; Kat. 35) oder Hendrick Pots „Bordellszene“ (um 1625-28; Kat. 40) können alle dazu gerechnet werden. Die zum Teil opulenten Szenen werden anhand gezielt platzierter Ausstattungsmotive differenziert, wobei diese ebenso einem Wiederholungsmuster folgen. Dass diese Objekte eine symbolische Aussage vermitteln, meist eine die ausgelassen feiernde Gesellschaft ermahnende, ist schon ausführlich durch die Forscher untersucht und auch im Katalog zur Ausstellung erwähnt worden. Natürlich haben die Meister (und Meisterin) auch individuelle Züge entwickelt, sowohl in der Komposition, der Ausführung der Figuren, der Farbe oder aber im Farbauftrag. Das kann man zum Beispiel in den Porträts von Frans Hals oder Judith Leyster erkennen. Aber auch die Gesellschaftsszenen differenzieren die Gesichtszüge, und zwar standesgemäß. Während die Gesichter wohlhabender Personen meist wohlproportioniert sind, werden die der einfachen Bauern vielmehr karikiert. Die Maler statten sie nicht selten mit übergroßen Nasen oder gedrungener Körperform aus (gut zu erkennen am Beispiel des Gemäldes von Jan Miense Molenaer „Die Ballspieler“, 1631, Kat. 32). Und eben diese Nuancen und deren Bedeutung gilt es bei der Betrachtung herauszufiltern - eine sinnvolle Beschäftigung für den Betrachter.

 

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Als Hilfe könnten hier vor allem die Katalogbeiträge herangezogen werden. Warum aber dennoch die Beschreibungen auf den Täfelchen? Hier meldet sich das neue Konzept zu Wort. Die Kunstwerke reichen jetzt nicht mehr aus. Der Betrachter soll an die Hand genommen und durch die Ausstellung geführt, unterrichtet und auch unterhalten werden. Man will ihn auch mit allen seinen Sinnen in den Bann der Kunst ziehen. Hierzu dient ganz am Anfang schon der erste Raum, in dem eine festliche Tafel aufgebaut wurde (ohne Stühle wohlgemerkt) und ein Tonband im Hintergrund läuft, das die Laute einer feiernden Gesellschaft wiedergibt. Dies wird noch von dem aufwendigen Begleitprogramm zur Ausstellung gesteigert: Es finden Veranstaltungen statt, in denen die Rolle der Musik ebenso erläutert wird wie die Bedeutung der Stoffe, es werden Vorträge über die Ess- und Spielkultur des 17. Jahrhunderts in Holland gehalten (Programm unter: www.vergnuegliches-leben.de). Ich nenne es den kulturhistorischen Hintergrund. Es scheint, als ob hier die gleiche Tendenz ihren Einzug feiert, die sich in der Wissenschaft längst etabliert hat, nämlich die „culture studies“. Die holländische Malerei, in der der wollüstigen Gesellschaft ein Spiegel vorgehalten wird, eignet sich dazu vorzüglich. Das Museum hat damit einen Weg gefunden, den Betrachter und die Kunst auf eine neue Weise anzusprechen.

 

Zur Ausstellung erschien ein reich bebilderter Katalog mit Beiträgen der  Ausstellungskuratoren Pieter Biesboer und Martina Sitt, des Literaturwissenschaftlers Karel Bostoen, des Musikhistorikers Louis Peter Grijp sowie der Kunsthistoriker Cynthia von Bogendorf Rupprath und Marvin Altner.