Buchrezensionen, Rezensionen

Victor I. Stoichita: Der Pygmalion-Effekt. Trugbilder von Ovid bis Hitchcock, Wilhelm Fink Verlag 2011

Über die Fabel von Pygmalion wurde schon viel geschrieben. Die Geschichte des Künstlers von der Insel Zypern, der sich in die von ihm geschaffene Statue verliebt, gehört seit Ovid zum Kanon der westlichen Mythologie. Victor I. Stoichita legt nun mit »Der Pygmalion-Effekt« eine kunstanthropologische Untersuchung zum Simulacrum-Problem vor. Benjamin Schaefer hat das Werk für PKG gelesen.

Dem Phantasma, dem Trugbild mit einem scheinbaren Eigenleben, haftet seit Platon etwas Gefährliches, Transgressives an. Ovids Pygmalion ist der Mythos der Körperwerdung eines Bildes – in diesem Sinne ist der klassische Text nach Stoichita einerseits »Meta-Kunst-Fabel« und Gründungsmythos des autonomen Kunstwerkes; andererseits auch die Geschichte einer erotischen Perversion. Die phantasmatische Aufladung des Frauenkörpers ist für Stoichita Dreh- und Angelpunkt seiner Untersuchung. Das und inwiefern in dieser kulturgeschichtlichen Tradition das Simulacrum nicht erst in der Postmoderne wieder entdeckt werden musste, sondern vielmehr ein Paradigma der westlichen Ästhetik ist, bemüht er sich zu zeigen. In welchen Narrationen und ikonografischen Zusammenhängen wird also einem solchen Bild-Körper Leben zugeschrieben? Wann funktioniert der »schwankende Bezug zwischen Ästhetik, Magie und handwerklichem Können«?

Bei Ovid findet die Verlebendigung noch im Text statt. Es wird erzählt, dass Pygmalion ungläubig seine Statue betrachtet und sie anfasst um sich zu vergewissern, ob sie lebe. Stoichita geht dementsprechend auch ausführlich auf die Dichotomie Sehen – Tasten ein, die zum Darstellen und Überprüfen von Lebendigkeit bei den Simulacra verschiedener Epochen verschieden gewichtet werden. So greift der mittelalterliche Rosenroman das Pygmalionthema wieder auf und wird ausführlich anhand von Buchmalereien besprochen. In einer kritischen Belebungsszene schießt Amor einen Pfeil durch das Auge der Statue in ihr Herz – was sich nach Stoichita mit der rezeptiven Theorie des 13. Jahrhunderts deckt. Dass sich die physiologischen Theorien der einzelnen Epochen wirken sich auf die Ikonografie von Sehen und Lebendigkeit auswirken, wird vom Autor auch durch zahlreiche zeitgenössische Bild- und Textbeispiele belegt.

Seit der Renaissance gibt es verschiedene Strategien des Illusionismus in Malerei und Bildhauerei. Die Malerei hat die Farbe, besonders das Inkarnat, während die Bildhauerei direkt im Raum agieren kann: Falconet lässt 1757 seine »Badende« beispielsweise vom Sockel steigen. Der Schritt wird phänomenologisch auch u.a. anhand von Werken der van Eyck-Brüder und Fra Bartolomeo behandelt. Das »pygmalionische 18. Jahrhundert« aber gibt der Malerei die Vorrangstellung in der Darstellung der Belebung von Statuen.

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Schließlich lässt die Entwicklung der fotografischen Techniken vollkommen neue Formen der Simulation zu: Das – gestellte – Modellstehen im Künstleratelier neben dem fast fertigen Werk bei Gerôme; die Statuenhaftigkeit des nackten Körpers an sich; sowie die Vorstellung von lebensechten Projektionen lassen die Wechselwirkungen zwischen "Leben" und "Trugbild" komplexer werden. Den Höhepunkt der künstlichen und künstlerischen Belebung findet Stoichita im Film: Anhand von Hitchcocks »Vertigo« analysiert er die vielfach verschlungenen Strukturen von Modell und Kopie, mit Exkursen zu Warhol und der Barbie-Puppe. Ein besonderes Augenmerk legt er dabei auf das Verhältnis von Körper, Kleidung und "Verwandlung" einer Figur, welches in ähnlicher Weise auch schon in den Buchmalereien zum Rosenroman auftrat.

Philosophisch steckt Victor I. Stoichita sein Gebiet bereits in dem synoptischen Vorwort ab, das aus rhetorischen Gründen die Funktion einer vorgelagerten Konklusion erfüllt. Denn er erzählt die »Vorgeschichte« v.a. zu Baudrillard und Deleuze und lässt den Text bei Hitchcock mit dem Verweis auf die virtuelle Realität abbrechen. Zwischen Einleitung und Ausblick spannt der Autor eine an Methoden und Beispielen reiche Erzählung, die doch insgesamt knapp und pointiert das Thema behandelt. Enzyklopädisch will er nicht sein, vielmehr interdisziplinär, und benennt sein Gebiet zu recht mit Kunstanthropologie. Sein Ansatz ist als exemplarisch für eine kunstgeschichtlich geprägte Bildwissenschaft zu sehen, sucht er doch für seine Argumentation auch verschiedenste Quellen der Kulturgeschichte auf. So findet er zahlreiche Belege dafür, dass jahrtausendelang die "Hyperrealität" nach Baudrillard dargestellt und vorbereitet wurde – als erotisches Phantasma in einer phallozentrischen Welt. Der Rest ist Legende. Stoichita, Professor für moderne und zeitgenössische Kunstgeschichte in Fribourg, Schweiz, schreibt eine lockere Geschichte eines Themas, das direkt ins Herz des heutigen Kunst- und Mediengeschehens geht.