Ausstellungsbesprechungen

Volker Stelzmann – Konspirationen. Kunsthalle Jesuitenkirche, Aschaffenburg, bis 10. Januar 2009

Konspirationen, Verschwörungen sind in Aschaffenburg angesagt: Der Titel lässt aufhorchen, denn darunter kann sich keine leichte Muse verbergen. In der Tat präsentiert die Kunsthalle Jesuitenkirche ein komplexes Werk, das sich wie kaum ein zweites dem größten gesellschaftlichen Umbruch in Europa nach 1945 gestellt hat, ohne sich je untreu geworden zu sein. Es geht um Volker Stelzmann, der 1940 in den Weltkrieg hinein geboren wurde, der seine Karriere in der DDR begann und zum führenden Kopf der zweiten Leipziger Schule emporwuchs, zusammen mit Arno Rink, der bekanntlich zum Mentor der dritten Leipziger Schule um Rauch, Eitel & Co. wurde.

Stelzmann trennte sich selbst nach 1980 von jener wichtigsten und anspruchsvollsten Richtung des sozialistischen Realismus und entschied sich zum Seitenwechsel: Anlässlich einer Retrospektive 1986 in West-Berlin kehrte er nicht mehr in den Osten zurück. Professuren führten Stelzmann nach Frankfurt am Main und wiederum Berlin.

Worin nun das Verschwörerische seiner Kunst besteht, ist nicht so einfach abzufragen. Auf den ersten Blick fällt die religiöse Thematik auf, die schon in den 1970er Jahren nicht so recht in die DDR-Doktrin passen wollte, und deren drastisch-veristische Auffassung auch in der Bundesrepublik der 1980er Jahre kaum ein Pendant kennt. Heute, wo die figurative Malerei längst keine Empörung mehr hervorruft unter den progressiven Meinungsmachern, ist es wieder der Daumen in der Wunde religiöser Befindlichkeit, die gegen den Strich geht. Dabei ist nicht davon auszugehen, dass Volker Stelzmann mit dem Gebetsbuch in der Tasche arbeitet, im Gegenteil: Erlösung versprechen seine Bilder nicht.Von jeher trat Stelzmann als Skeptiker, nicht als Gläubiger auf, im tiefsten Innern geprägt vom Rationalismus, der wohl in den jüngsten Arbeiten nicht mehr so entschieden an die Oberfläche drängt, aber noch immer deutlicher sein Werk prägt als andere Realisten. In der DDR ließ er sich nicht so einfach vereinnahmen wie Werner Tübke, der Luther, Münzer und andere Reformatoren in den Dienst des Staates stellte. Stelzmann ist Protestant in eigener Sache. Er sucht seine Vorbilder mehr als Tübke in den künstlerischen Zeiten des Wandels: Dix und Beckmann waren seine Leitsterne, zu Grünewald und Baldung Grien pilgerte er, sobald es ihm möglich war, Michelangelo und Pontormo, El Greco und Zurbaran, Chirico und Guttuso wurden seine Protagonisten.

Faszinierend ist Stelzmanns Werk, wie es in Aschaffenburg zu sehen ist, auf dreierlei Weise: Zum einen und in erster Linie bevölkern damit ja nicht nur historische Figuren seine Bilder, sondern es sind Personen, die den Umbruch ihrer jeweiligen Zeit seismographisch in ihr Werk aufnehmen, die zugleich zu einem Typus Mensch werden, der keinen Sonderstatus mehr genießt: Ob die Künstler um den Tisch herum sitzen zur »Großen Konspiration« oder ob sie zu Jüngern gewandelt beim Abendmahl erscheinen ist auch insofern einerlei, als Stelzmann sich selbst in den Gruppen auftaucht und sich wie den Betrachter an der Nase packt: mitgefangen, mitgehangen. Denn allesamt machen sie nicht den Eindruck, als wären sie ungetrübte Geister: Sie sehen aus, als hätten sie sich schuldig gemacht, ins Zwielicht gesetzt. Misstrauisch schaut Stelzmanns Personal aus dem Bild, ergreifend allein werden »Die Berufenen« gelassen, die eigentlich Jesus nachfolgen sollten, aber ob Philippus, Matthäus oder Johannes: Sie könnten alle auch Judas heißen. So kann man das Werk lesen als einen modernen Versuch, religiöse Kunst fernab jeglichen Kitschverdachts zu schaffen, aber auch als Versuch, das Thema wach zu halten in einer Zeit, die sich ideologisch von der Religion losgesagt hat, und dann in einer Zeit, die oft über eine religiöse Heuchelei nicht hinausgeht. Stelzmann verdeutlicht uns drastisch die Vereinsamung des Menschen – in der DDR war es die Vereinsamung in der anonymen Masse, in der Bundesrepublik die in der Vereinzelung. Mit Werken wie dem monumentalen Triptychon »Sinken« gelingen Volker Stelzmann darüber hinaus wunderbare Umdeutungen einer italienisch-manieristischen Kunstauffassung, die sich offenbar gut in unserer Gegenwart einzuprägen weiß. Und für diejenigen, die das malerische Œuvre schon besser kennen, gilt es den Zeichner zu entdecken, der mit der Skizzenfolge zur »Offenbarung des Johannes« ein Meisterwerk geschaffen hat.

Weitere Informationen

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
Volker Stelzmann - Konspirationen
Verlag: Hachmannedition
Herausgeber: Ladleif, Christiane