Ausstellungsbesprechungen

Vom Griffel zum Laser – Roland Bentz im temporären Atelier, Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen, bis 3. März 2013

Selten bekommt das Publikum die Möglichkeit, Künstlern auf die Finger zu schauen und mit Fragen zu löchern. Eine Ausnahme bildet Roland Bentz, der in der Städtischen Galerie von Bietigheim-Bissingen seine Zelte aufgeschlagen hat. Günter Baumann besuchte ihn in seinem temporären Atelier.

Not macht erfinderisch. Da es schon schwer genug ist, die Menschen ins Museum zu bekommen, sieht sich ein Künstler selbst oftmals ins Abseits gestellt: außer zur Vernissage gibt es kaum sichtlich Kontaktmöglichkeiten zum Publikum. Bietigheim-Bissingen und Roland Bentz haben gemeinsam eine Ausstellung auf die Beine gestellt, die nicht nur einen guten Einblick in die Kunst des vielgepriesenen Grafikers gewährt, sondern auch in dessen Privatleben. Wie geht das …? Roland Bentz hat sich mitten im Museum ein temporäres Atelier eingerichtet, das man nun betreten kann – zu festen Zeiten arbeitet Bentz auch tatsächlich in dem kleinen Raum und beantwortet geduldig alle möglichen Fragen zu den Techniken, die ihn oder die Besucher so umtreiben. Eine wunderbare Idee, bringt die Städtische Galerie doch regelrecht »Leben in die Bude« und spart sie sich einen Führer, der die Hoch-, Tief oder Flachdrucktechniken erläutert. Hierzu steht ja der Künstler da, in seinem Arbeitskittel und einem gut sortierten Atelier, das neben Pinseln und Farben auch eine funktionierende Druckpresse, viel chemische Tinkturen sowie ein anregendes Flair enthält. Man sollte sich also die einzigartige Chance nicht entgehen lassen, den Meister bei der Arbeit zu sehen.

Wem die Begegnung entgeht, sei ein Lebensmotto von Roland Bentz mitgegeben: »Ganz wichtig ist mir dieses Spielen als ein phantasievoller Umgang mit meinen Arbeiten«, schreibt er 1992. »Die Arbeiten sollen Flügel für die eigene Phantasie sein. Neben die ernste Bedeutung darf ein bisschen Be-deu-ting und Bedeu-tong treten. Meine Ängste, nicht als ernsthafter und seriöser Künstler erkannt zu werden, sind begrenzt.« Das steht im Begleitbuch zur Ausstellung in Bietigheim-Bissingen, das weniger ein Katalog als ein Leitfaden zum kreativen Arbeiten ist. Selten wird so leicht und lebenspraktisch über das Herstellen und Drucken einer Radierung gesprochen, da Bentz den pädagogischen Ansatz hinter autobiographischen Berichten versteckt.

Was das Werk angeht, ist es geprägt von zwei Sujets: dem Erlebnis Bhutan, wohin Bentz mehrfach reiste, und dem Augenmerk auf Insekten als Hauptmotiv. Aus Südasien brachte er so manche Papiere mit, denen nicht selten grobe pflanzliche Extrakte beigemischt sind, und die Insekten dürften seine Vorstellung der geflügelten Phantasie abdecken. Ob nun Landschaften, Städtebilder, Denkmäler oder Typen-Bildnisse, irgendwo tauchen meist auch Käfer, Bienen oder Schmetterlinge auf, wenn diese nicht selbst als Protagonisten in porträthafter Größe geadelt werden. Das mag ein exotischer Sonderweg sein, und in der Tat scheint sich der Künstler durchaus selbstironisch über jede Kritik zu erheben, die ihn kaum schert. Doch hat ihn sein Witz und seine figurative Prägung grade in jüngerer Zeit ins Interesse der Öffentlichkeit gerückt – bestes Zeichen dafür ist die große Werkschau in Bietigheim, die freilich den Sohn der Stadt ehrt. Es bedurfte jedoch keiner neuen Bestätigung für die technische Brillanz.

Sein Handwerk erlernte Bentz als Auftragsdrucker für Peter Ackermann, Horst Antes, Wilhelm Loth und Markus Lüpertz. Heute dürfte er einer der am vielfältigsten begabten Graphiker in Deutschland sein, insbesondere was den Tief- und den Materialdruck angeht. Man darf sich nicht wundern, wenn neben der tierischen Krabbelwelt auch mal ein »Walfisch im Kofferradio« als Unikat-Materialdruck auftaucht, oder wenn neben Friedrich dem Großen kuriose Sonderlinge wie »Der Weltenausrechner« zu finden sind – zuweilen entfaltet sich auch statt eines Falters eine reine Abstraktion mit einem Titel wie »… plötzlich aus dem Nichts«. Die Schau vermittelt die Leichtigkeit des Seins, die allein einer Herrin dient, der Phantasie.